Offene Türen als Botschaft

Jörg Niendorf
4 Min

Noch ein halbes Jahr lang schaut Marie Bernard-Meunier streng westwärts. Sie hat den besten Blick aus dem Bezirk Mitte gen Westen. Ihr Büro liegt im 23. Stock des Internationalen Handelszentrums, nichts steht der Fernsicht im Weg. Ein wenig blickt die Kanadierin von hier aus auch zurück. Auf West-Berlin, den Bahnhof Friedrichstraße und die eigene Vergangenheit. 1971 war sie als Studentin in der Stadt, fuhr über den Bahnhof, der nun unter ihr liegt, oft nach Ost-Berlin. Weil dort alles billig war. Danach schrieb die Politikwissenschaftlerin ihre Abschlussarbeit über Willy Brandts Ostpolitik, machte Karriere als Diplomatin, war auf hohen Posten, immer in Europa. Seit drei Jahren ist sie Botschafterin in Berlin. Bald verliert sie ihre Aussicht und zieht um. Aber das kann die Hausherrin kaum erwarten. Gestern war Richtfest für die neue Botschaft am Leipziger Platz, im Sommer 2004 soll sie fertig sein. Für die Botschafterin ist die Hauptsache, dass Kanada diese große Bühne erhält. Die enthusiastische Frau hat viel vor.Massiv treibt sie den Ruf ihres Landes als das "andere" Nordamerika voran. Bald werden die Flaggen mit dem Ahornblatt an einem Ort aufgezogen, an dem ein ganz neues Stück Berlin entsteht. "Wo Aufbruch ist, sind wir richtig", sagt sie. Der Neubau liegt im Nordwesten des achteckigen Leipziger Platzes. Die Ortswahl hatte ganz zufällig Symbolwert. Jeder in Nordamerika kennt die sagenhafte Nordwest-Passage, den eisfreien Seeweg durch Kanadas Arktis nach Asien. Der öffentliche Weg durch den Botschaftsinnenhof, der zur Ebert- und Vossstraße führt, soll denn auch Nordwest-Passage heißen. "Als Hommage an die Heimat", sagte Marie Bernard-Meunier gestern. Kanada geizt nicht mit Selbstbewusstsein. Cafés und Geschäfte wird es geben, das Projekt entsteht gemeinsam mit einem privaten Bauherrn.Großer Andrang an der Adresse ist ohnehin zu erwarten, das Land ist ein begehrtes Einwanderungsziel. Schon im jetzigen Quartier der Botschaft stehen Leute aus aller Welt Schlange. Doch im neuen Haus sollen mehr Türen offen stehen als nur die der konsularischen Abteilung. Der umtriebigen Botschafterin schwebt ein Kanada-Haus vor, das jeder kennt. Herzstück werden ein Multimedia-Besucherzentrum und, naturgemäß, eine nordamerikanische Timber-Hall sein, ein holzverkleideter Saal. Dazu werden Douglasien aus British Columbia und Ahorn aus Québec verwendet. Ideen von offenen Häusern hatten viele Staaten, als sie ihre Botschaften planten. Doch nach und nach sind sie aus Sicherheitsgründen davon abgerückt. "Wir bleiben dabei", sagt Kanadas Vertreterin. "Alle kennen uns als großes, schönes Land", sagt sie zufrieden. Doch das Natur-Image reicht ihr nicht. Jetzt kommt die Hightech-Nation. Der Pisa-Zweitbeste. Das, wie Bernard-Meunier sagt, "amerikanische Land mit europäischen Instinkten".Beim Begriff "Altes Europa" schmunzelt sie - und fühlt sich mit angesprochen. "Unsere Weltanschauungen sind ähnlich. " Dass bei ihren Nachbarn, den USA, "Old Europe" in Verruf geriet, belächelt sie. Sie kennt die Querschläge. Oft hatte Kanada Streit mit den Vereinigten Staaten. Es hat sich aber immer getraut, dagegen zu halten. Es ist wirtschaftlich stark, hat viele Reformen hinter sich. Kanada spielt längst die Rolle, die Teile Europas gerade erlernen. "Wir sind anders als die USA", sagt sie. Und doch seien sie beste Freunde, ergänzt sie.Als Etappensieg betrachten es viele Botschaftsmitarbeiter, dass sie vor den USA ihr neues Domizil in Deutschland beziehen. Die Stimmung ist blendend, alle loben ihre anpackende Chefin. Sie hat Austauschprogramme für Wissenschaftler initiiert und Stipendien für deutsche Jungmanager in Kanada. "Wer einmal da war, ist begeisterter Kanadist", sagt sie. Nur einfädeln muss sie die Kontakte. Damit hat sie ihren Traumposten ergattert. Deutschland habe sie als junge Frau sehr geprägt, erinnert sie sich. Nun freut sie sich für ihren Sohn, der Berlin erlebt, aber eine ganz andere Stadt. Er besucht eine internationale Schule. Bei aller Sympathie für ihr Gastland mag sie aber einer Attitüde nicht folgen: der Schwarzmalerei. Sie ist optimistisch, wie es sich hier kaum einer traut. Kürzlich hielt sie einen Vortrag vor Unternehmern, der liest sich wie ein Einheiz-Seminar zu mehr Selbstbewusstsein. Das ist doch die Neue Welt pur.In der nächsten Folge lesen Sie: Wie Frankreichs Botschafter Claude Martin am Pariser Platz residiert.BOTSCHAFTEN IN BERLIN // Die Botschaft von Kanada befindet sich derzeit noch im Internationalen Handelszentrum in Mitte, Friedrichstraße 95. Das neue Botschaftsgebäude entsteht am Leipziger Platz 17.Mitte 2004 soll das Gebäude bezogen werden. Gestern wurde Richtfest gefeiert. Das Land will sich offen präsentieren: In der "Nordwest-Passage" im Hof sollen weite Teile zugänglich sein.Kanada hat 31,5 Millionen Einwohner. Der nordamerikanische Staat nimmt derzeit pro Jahr über 225 000 Einwanderer auf. Die Zahl der Anträge aus Deutschland steigt weiter an.BERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Karte Kanadische Botschaft in Berlin.KANADISCHE BOTSCHAFT.AP/MARKUS SCHREIBER Mounties am Leipziger Platz: Die kanadischen Polizisten waren zum Richtfest der Botschaft aufmarschiert. Rechts: Botschafterin Marie Bernard-Meunier.

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