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Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
vor einigen Wochen jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum einundachtzigsten Mal. Über achtzig Jahre Frieden in Deutschland und Europa – das ist für mein Empfinden die größte politische und menschliche Leistung unseres Landes seit 1945.
Ich schreibe Ihnen heute nicht als Richterin und Wissenschaftlerin, die sich seit ihrer Jugend mit Fragen von Frieden, Versöhnung und der Überwindung schwerster Gewalt beschäftigt. Ich schreibe Ihnen vielmehr als Tochter zweier Familien, deren Leben der Krieg für immer gezeichnet hat.
Meine Mutter war vier Jahre alt, als ihre Mutter vor ihren Augen Ende 1944 in Elbing, heute Elbląg in Polen, von einem sowjetischen Soldaten erschossen wurde. Sie hatte sich einer Vergewaltigung widersetzt.
Meine andere Großmutter wurde in Soldin, östlich von Berlin, mehrfach in einer Nacht von sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Sie überlebte und war Zeit ihres Lebens traumatisiert. Mein Vater, Jahrgang 1939, musste das mit ansehen und konnte seine Mutter nicht schützen.
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Eine solide Grundlage für wahre Versöhnung
Ich war in den letzten Jahren beurlaubt, um meinen an Demenz erkrankten Vater in Südfrankreich zu betreuen. Die Kriegstraumata, die ihn bis zuletzt begleiteten, möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Nur eine Szene hat sich mir besonders eingeprägt: Eines Morgens fand ich ihn auf dem Boden der Dusche, die an sein Zimmer grenzte. Er zitterte am ganzen Leib. In der Nacht hatte es gewittert. Doch er glaubte, die Bomben fielen wieder, und hatte versucht, sich in Sicherheit zu bringen. Auf dem Boden. Im Badezimmer. Im Winter 2026. In Südfrankreich.
Ich kann Ihnen versichern, die Folgen des Krieges begleiteten ihn bis zu seinem Tod im Mai 2026. Und für mich, Jahrgang 1974, ist der Zweite Weltkrieg deshalb bis heute sehr präsent. Er gehört zu meiner Familiengeschichte und damit zu meinem Leben. Ich gehe davon aus, dass viele, deren Vorfahren bei Kriegsende östlich von Berlin wohnten, eine ähnliche Geschichte erzählen können.
In Südafrika habe ich als Jurastudentin im Rahmen eines Praktikums bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission 1997 erleben können, wie Opfer einen würdevollen Rahmen erhielten, ihre Leidensgeschichte zu erzählen. Und Tätern schwerster Menschenrechtsverletzungen wurde gegen umfassendes Geständnis Amnestie gewährt. In vielen Fällen konnten die Geschehnisse erst durch diese Geständnisse aufgeklärt, sterbliche Überreste gefunden und Angehörigen eine würdige Bestattung ermöglicht werden. Dieses Modell ist für mich eine solide Grundlage für wahre Versöhnung.
Bis heute frage ich mich, ob unsere Gesellschaft und Politik anders auf die Forderungen nach höheren Verteidigungsausgaben und militärischer Aufrüstung reagieren würden, wenn wir nach dem Zweiten Weltkrieg eine ähnlich tiefgreifende öffentliche und emotionale Auseinandersetzung mit den menschlichen Folgen des Krieges erlebt hätten. So wichtig Mahnmale, Stolpersteine und Gedenkstätten sind – sie können eine gemeinsame emotionale Aufarbeitung nicht ersetzen. Vielleicht würden wir Krieg dann weniger als sicherheitspolitische Option und stärker als menschliche Tragödie begreifen und stärker auf die Kraft von Versöhnung und Diplomatie vertrauen.
Die weisen Worte des Mahatma Gandhi
Versöhnung bedeutete dabei keineswegs, das Geschehene zu vergessen oder von den Opfern Vergebung zu verlangen. Sie setzte vielmehr voraus, dass das erlittene Unrecht öffentlich anerkannt, die Würde der Opfer wiederhergestellt und Verantwortung übernommen wird – verbunden mit dem Bemühen um Wiedergutmachung und darum, dass sich dergleichen nicht wiederholt. Frieden beginnt dort, wo wir verstehen, dass Gewalt immer nur neue Gewalt hervorbringt. Wie Chief Phil Lane Jr. sagte: „Only the one who has been hurt, hurts others.“
Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission hat eindrucksvoll gezeigt, welche heilende Kraft darin liegen kann, wenn eine Gesellschaft den Mut findet, sich gemeinsam der Vergangenheit zu stellen. „Truth – the Road to Reconciliation“ war nicht umsonst das Motto der Wahrheitskommission in Südafrika.
Wahrhaftiger Frieden entsteht nicht durch das Aussetzen diplomatischer Bemühungen oder gar militärische Abschreckung, sondern durch Aufeinanderzugehen, die Wahrheit aussprechen, Mitgefühl und Versöhnung entwickeln und die Erinnerung daran stärken, dass wir Menschen Fehler machen, die vergeben werden können, aber wiedergutgemacht werden müssen. Ich möchte an die weisen Worte des Mahatma Gandhi erinnern: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg!“
Meine Eltern haben uns übrigens im Geist von Versöhnung erzogen. Sie erinnerten uns immer daran, dass wir Deutschen diesen Krieg begonnen hatten. Es war ihnen wichtig, dass wir verstehen, was Krieg aus Menschen macht. Sie ermahnten uns, zu sehen, dass die Soldaten, die nach Deutschland gekommen waren, um Europa zu befreien, selbst unvorstellbares Leid erlebt haben müssen, was zuvor von deutschen Soldaten ausgegangen war.
Mahatma Gandhi: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg!“
© Bennett Dean/Imago
Die politische Sprache in Deutschland verändert sich
Als ich 14 Jahre alt war, wohnten wir für eine Woche bei Auschwitz-Überlebenden in Krakau, hörten uns ihre Geschichten an und besuchten das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau. Meinen Eltern lag sehr am Herzen, uns die deutsche Geschichte lebendig zu vermitteln.
Für meine Generation gehörten Bilder wie Willy Brandts Kniefall in Warschau, Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand in Verdun oder die Zustimmung Michail Gorbatschows zur deutschen Wiedervereinigung zum moralischen Fundament der Bundesrepublik. Sie standen für Demut, Versöhnung und den festen Willen, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Gilt dieses Versprechen nicht auch heute noch? Sollte Deutschland nicht alles daransetzen, seiner historischen Verantwortung vor allem durch die Förderung von Frieden, Diplomatie und Verständigung gerecht zu werden?
Lassen Sie nicht zu, dass wir dieses Erbe verspielen!
Herr Bundeskanzler, mit Sorge beobachte ich, wie sich die politische Sprache in Deutschland verändert. Es wird wieder selbstverständlich über Aufrüstung gesprochen. Deutschland soll wieder „kriegstüchtig“ werden – übrigens ein Begriff, der zum Sprachgebrauch der nationalsozialistischen Kriegspropaganda gehörte. Deutschland soll nach den Vorstellungen der Bundesregierung seine militärischen Fähigkeiten massiv ausbauen und innerhalb Europas eine führende militärische Rolle übernehmen.
Wo bleiben diplomatische Initiativen?
Wer soll das wollen? Ich frage mich, wie unsere unmittelbaren Nachbarn auf eine solche Entwicklung blicken. Polen und Frankreich haben die deutsche Besatzung sicher noch nicht vergessen. Auch in Deutschland dürfte der Wunsch der allermeisten Menschen nicht in einer militärischen Führungsrolle liegen, sondern in einem dauerhaften Frieden.
Warum zeigen wir jungen Menschen nicht viel häufiger, was Krieg tatsächlich bedeutet, etwa durch Filme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“? Krieg besteht nicht aus unrealistischen Siegesvisionen und Landkarten. Krieg besteht aus zerstörten Familien, traumatisierten Kindern und Wunden, die sich über Generationen eingraben in die Seelen der betroffenen Menschen und deren Nachkommen.
Wo bleiben von Ihnen unterstützte diplomatische Initiativen? Zwar gibt es einzelne (europäische) Abgeordnete, wie etwa Michael von der Schulenburg, die sich beharrlich für Verhandlungen und neue diplomatische Wege einsetzen. Auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder bemüht sich, seine persönlichen Kontakte für Gespräche zu nutzen. Doch solche Stimmen bleiben bislang politisch weitgehend ohne Rückhalt. Warum eigentlich? Dabei zeigen sie, dass es auch ein Deutschland gibt, das Frieden nicht als Zeichen der Schwäche versteht, sondern als höchste politische Verantwortung, und das sich weigert, Russland zum Feind zu erklären.
Ich rufe noch einmal in Erinnerung: Vor über achtzig Jahren lag Europa in Trümmern, weil Deutschland unter Adolf Hitler versucht hatte, den Kontinent gewaltsam zu beherrschen und Russland zu besiegen. Rund 27 Millionen Menschen aus der Sowjetunion verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben – Soldaten ebenso wie Frauen, Kinder und ältere Menschen. Hinzu kamen nahezu sechs Millionen Polen, rund 600.000 Franzosen, etwa sieben Millionen Deutsche, viele weitere Millionen Tote und natürlich rund sechs Millionen ermordete Juden.
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Mehr als Statistiken: Diese Zahlen stehen für Menschen
Diese Zahlen sind mehr als Statistik. Jede einzelne steht für einen Menschen. Für eine Familie. Für eine zerstörte Zukunft. Für Traumata, die nicht mit dem Ende eines Krieges enden, sondern Kinder, Enkel und oft noch weitere Generationen prägen.
Ohne den unvorstellbaren Blutzoll, den die Völker der Sowjetunion im Kampf gegen den Nationalsozialismus entrichteten, wäre die Befreiung Deutschlands und Europas jedenfalls nicht in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt möglich gewesen. Diese historische Wahrheit darf nicht in Vergessenheit geraten.
Gerade deshalb erfüllt es mich mit Sorge, wenn Vertreter Russlands von Gedenkveranstaltungen ausgeschlossen werden, die an die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus erinnern. Historische Verantwortung verlangt, zwischen den politischen Konflikten der Gegenwart und der Erinnerung an die Millionen sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu unterscheiden.
Mit wachsendem Unbehagen beobachte ich zudem, wie sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Russland und russischen Bürgern verändert hat. Die mühsam aufgebaute deutsch-russische Verständigung der vergangenen Jahrzehnte war ein hohes Gut. Sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen, halte ich für einen schweren historischen Fehler.
Herr Bundeskanzler, Sie tragen Verantwortung für die Sicherheit Deutschlands. Aber ebenso tragen Sie Verantwortung dafür, dass unsere Kinder und Enkel nicht eines Tages dieselben traumatischen Erinnerungen mit sich tragen müssen wie meine Eltern.
Frieden als kostbarstes Erbe
Ich wünsche mir einen Kanzler, der den Mut hat, auch dann nach diplomatischen Wegen zu suchen, wenn sie schwierig erscheinen. Den Mut, Gesprächskanäle offen zu halten oder zu eröffnen. Den Mut, an die nächsten Generationen und deren Zukunft zu denken.
Tun Sie bitte alles, was in Ihrer Macht steht, um eine weitere Eskalation des Konflikts zwischen Russland und dem Westen zu verhindern. Setzen Sie sich mit derselben Entschlossenheit für diplomatische Lösungen ein, mit der heute über militärische Stärke gesprochen wird.
Werden Sie ein Bundeskanzler des Friedens. Ein Bundeskanzler für die vielen Menschen in unserem Land, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ihre Kinder und Enkel niemals erleben müssen, was die Generation meiner Eltern erlebt hat.
Vielleicht besteht genau darin ihre größte Leistung: nicht den Krieg überlebt und Deutschland wiederaufgebaut zu haben, sondern ihren Kindern den Frieden als kostbarstes Erbe hinterlassen zu haben. Bitte sorgen Sie dafür, dass das nicht vergessen wird.
Hochachtungsvoll,
Clivia von Dewitz
Die Autorin ist Richterin und Privatdozentin für Strafrecht, Kriminologie und Rechtsvergleichung. Sie hat 1997 ein Praktikum bei der südafrikanischen Wahrheitskommission absolviert. 2024 erschien „Gerechtigkeit durch Wiedergutmachung“ beim Westend-Verlag.
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