Er war ein naheliegender Kandidat. Doch als Olaf Scholz am Montagvormittag verkündete, dass Karl Lauterbach nun wirklich Gesundheitsminister wird, war das eine echte Überraschung. Der designierte Kanzler erklärte die Personalie damit, dass so viele Menschen gewollt hätten, dass Lauterbach es werde. Der neue Gesundheitsminister ist also aufgrund des Publikumsvotums ins Amt gekommen. Das muss kein Nachteil sein. Ein Vorteil ist es aber auch nicht unbedingt.
Der 58-jährige Virologe verdankt seine Popularität vor allem seiner absoluten Medienpräsenz. Gut möglich, dass schon allein deshalb andere Kandidatinnen und Kandidaten für den Ministersessel abgesagt haben. Wer auf Twitter und in Talkshows performt, muss indes nicht unbedingt ein guter Chef in einem Ministerium sein. Andererseits braucht Lauterbach keinerlei Einarbeitungszeit in das derzeit drängendste politische Thema.
Lauterbach wird der wichtigste Minister im Kabinett Scholz sein, jedenfalls solange die Pandemie dauern wird. Und sie wird noch lange dauern, das erklärte der designierte Gesundheitsminister gestern schon mal bei seiner Vorstellung. Ansonsten bedankte er sich ehrlich und offenbar auch ein bisschen überwältigt. Das sah ganz so aus, als sei er selbst überrascht gewesen, dass er nun doch noch in das von ihm so sehnlichst erwünschte Amt gekommen ist. Im Gegenzug wird Olaf Scholz eine gewisse Dankbarkeit erwarten können.
Scholz hat sich mit seinen Personalvorschlägen im Vergleich zu den anderen Ampelparteien am längsten Zeit gelassen. Er hat es von vorneherein so angekündigt und auch genauso durchgezogen. Keine seiner Ministerinnen und Minister war im Vorfeld bekannt, wenn man auch davon ausgehen durfte, dass Hubertus Heil wohl an seinem Platz bleiben würde. Das Niedersachsen-Ross, wie ihn Scholz am Montag nannte. Keine sehr hübsche Beschreibung, aber für einen spröden Hanseaten wie Olaf Scholz ist das fast schon eine Kumpelei. Apropos: Auch Wolfgang Schmidt, der langjährige Vertraute von Scholz, war als Kanzleramtsminister gesetzt.
Die anderen Ministerposten aber sind durchaus eine Überraschung. Nancy Faeser aus Hessen hatte als Innenministerin wohl niemand auf dem Zettel. Vermutlich auch nicht Christine Lambrecht, die erst nicht mehr für den Bundestag kandidierte, nach dem unverhofften Wahlsieg aber unbedingt Ministerin bleiben und eigentlich auch ins Innenministerium einziehen wollte. Stattdessen regiert sie demnächst im Verteidigungsressort und will nun eben das mit der üblichen Portion Demut und viel Engagement ausfüllen, wie sie am Montag tapfer bekannte. Svenja Schultz als künftige Entwicklungsministerin schien mit ihrem neuen Posten deutlich zufriedener zu sein.
Scholz‘ Handschrift bei der Besetzung des Kabinetts sieht man aber vor allem an Klara Geywitz, die künftig Bau- und Wohnungsministerin sein wird. Die 45-Jährige hat derzeit kein Mandat inne und Politik bisher auf kommunaler und Landesebene gemacht. Aber sie ist eine absolut loyale Scholz-Anhängerin, spätestens seitdem sie mit ihm, wenn auch vergeblich, um den Parteivorsitz kandidiert hatte. Jetzt wird sie dafür belohnt. Ob ihr der Sprung auf die Bundesebene gelingt, wird sich zeigen. Scholz ist da in gewisser Weise auch ins Risiko gegangen.
Aber er hat geliefert: Von Anfang an hat er gesagt, dass sein Kabinett paritätisch besetzt sein solle und das ist ihm auch gelungen – jedenfalls wenn man ihn selbst als Kanzler aus der Zählung herausnimmt. Angesichts der aufgeflackerten Flügelkämpfe bei den Grünen, die sich bei der Besetzung der Kabinettsposten vor aller Augen heftig stritten, und angesichts der scharfen Kritik, die schon mal zwei der FDP-Minister erfahren durften, hat er seine Truppe von Anfang an offenbar gut im Griff. Nichts wurde vorher durchgestochen, und dass die Männer und Frauen ihren Karrieresprung hauptsächlich ihm zu verdanken haben, wird sich nicht gerade negativ auf seinen Machtanspruch im Kabinett auswirken. Praktischerweise wirken fast alle der neuen Minister und Ministerinnen von ihrem Naturell her so, als würden sie es nicht darauf anlegen, ihren Chef zu überstrahlen. Vielleicht gilt das ja auch für Karl Lauterbach. Aber auch da kann Scholz eigentlich nur gewinnen: Versagt der Gesundheitsexperte im Amt, kann er sagen, dass es nicht seine Idee war, ihn zu benennen. Startet Lauterbach aber so richtig durch, nutzt das auch Scholz. Denn der muss Merkel jetzt nämlich wirklich nachfolgen – als Krisenkanzler.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]