Titan Kahn

Oliver Kahn nach WM-Aus: „Eine Spitzenmannschaft sucht keine Freiwilligen“

Oliver Kahn analysiert das deutsche WM-Aus gegen Paraguay – und macht an einer einzigen Kimmich-Szene fest, was der DFB-Elf seit Jahren fehlt.

3 Min
Kapitän ohne Antworten: Joshua Kimmich nach dem WM-Aus gegen Paraguay. Für Oliver Kahn offenbarte der Abend von Boston ein Problem, das tiefer liegt als die Trainerfrage.

Kapitän ohne Antworten: Joshua Kimmich nach dem WM-Aus gegen Paraguay. Für Oliver Kahn offenbarte der Abend von Boston ein Problem, das tiefer liegt als die Trainerfrage.

© IMAGO/Abdulhamid Hosbas

Ganz Fußball-Deutschland diskutiert über Julian Nagelsmann. Oliver Kahn hält das für die falsche Debatte.

Der frühere Nationaltorwart und Ex-Bayern-Boss hat sich nach dem WM-Aus gegen Paraguay mit einer Analyse auf LinkedIn zu Wort gemeldet, die innerhalb eines Tages mehr als 13.000 Likes und über 800 Kommentare gesammelt hat. Seine These: Wer jetzt nur über den Bundestrainer redet, übersieht das eigentliche Problem.

„Die Debatte über den nächsten Bundestrainer führt am Kern vorbei“, schreibt Kahn. Drei Bundestrainer seien am selben Punkt gescheitert – Joachim Löw, Hansi Flick, Julian Nagelsmann. Drei verschiedene Spielideen, derselbe Ausgang. Wenn das passiere, liege die Ursache tiefer.

Die Kimmich-Szene, die Kahn nicht loslässt

Eine Beobachtung aus dem Elfmeterschießen von Boston beschäftigt Kahn mehr als jede Statistik: Als das Drama in die Verlängerung ging, suchte Kapitän Joshua Kimmich sichtbar nach Schützen. Für Kahn der aufschlussreichste Moment des Abends. „Eine Spitzenmannschaft sucht in diesem Augenblick keine Freiwilligen“, schreibt er. Sie habe Spieler, die den Ball verlangen.

Tatsächlich versagten gleich mehreren DFB-Stars die Nerven. Kai Havertz verschoss den ersten Elfmeter, später scheiterten auch Nick Woltemade und schließlich Jonathan Tah, dessen Schuss weit über das Tor auf die Tribüne flog. Deutschland verlor das Sechzehntelfinale in Foxborough nach 1:1 mit 4:5 im Elfmeterschießen.

Ein Talentproblem sieht Kahn nicht. Der Mannschaft fehle die Selbstverständlichkeit, im größten Moment Verantwortung zu übernehmen – und diese Fähigkeit werde über Jahre entwickelt, nicht im Nationaltrikot erlernt. Sein Fazit in einem Satz: Talent bringe dich zur Weltmeisterschaft, Verantwortung entscheide, wie lange du dort bleibst.

„Family & Friends zum Händchenhalten“

In den Kommentaren unter dem Post entlädt sich der Frust einer ganzen Fußball-Nation. Der frühere Schwimm-Olympiasieger Michael Groß spitzt Kahns Analyse noch zu und kritisiert, dass der DFB es zulasse, wenn sich Nagelsmann der Pflicht zur Pressekonferenz entziehe. Polemisch fragt er, ob eine WM-Reise mit „Family & Friends“ zum Händchenhalten das Zeichen einer starken Mannschaft sei.

Ein Jugendtrainer verortet das Problem auf deutschen Bolzplätzen: Schon in der U8 gehe es um Ordnung, Position halten und Fehlervermeidung, während Frankreich und Spanien eine Fehlerkultur pflegten. So entstünden keine mutigen Spieler.

Es gibt aber auch Widerspruch. Ein Kommentator nennt Kahns Post so hilflos wie alle anderen Erklärungsversuche: Die 26 Profis übernähmen in ihren Vereinen sehr wohl Verantwortung. 2012 habe im Champions-League-Finale auch Manuel Neuer schießen müssen, weil andere nicht wollten – zwei Jahre später sei dieselbe Generation Weltmeister geworden. So entstünden Narrative.

Nagelsmann-Entscheidung noch diese Woche

Während Kahn die Systemfrage stellt, läuft beim DFB die Personaldebatte auf Hochtouren. Nagelsmann schloss einen Rücktritt unmittelbar nach dem Spiel aus: „Ich bin auf jeden Fall keiner, der wegläuft“, sagte er, die Entscheidung liege allerdings nicht bei ihm.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf erklärte, das Abschneiden bei der WM genüge nicht den Ansprüchen des Verbandes. Mit Entscheidungen, auch in der Trainerfrage, ist Ende der Woche zu rechnen. Als Favorit auf eine mögliche Nachfolge gilt Jürgen Klopp.

Sollte es so kommen, hätte Kahn seine Antwort schon jetzt gegeben: Deutschland tausche Gesichter aus und nenne das Veränderung.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner