KÖLN. Es könnte sein, dass heute Abend nach den "Tagesthemen" die ARD implodiert. Womöglich steht sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen generell auf dem Spiel. Alles wegen eines jungen Mannes, dessen äußere Erscheinung nicht darauf schließen lässt, dass er auch nur das kleinste Wässerchen zu trüben vermag. Der Mann heißt Oliver Pocher. Er liest nur wenig. Seine Gags sind nicht geschmackssicher. Er kennt Prominente, die außer ihm eigentlich nur Zuschauer des so genannten Unterschichtenfernsehens kennen. Und er diente früher einmal als Ansager beim Musiksender Viva. Oliver Pocher ist jetzt der neue Partner von Harald Schmidt. Der eine 29 Jahre alt, der andere gefühlte Hundert. Das ist nicht der gespielte Witz - es ist die Wirklichkeit.Vor Pocher hat das öffentlich-rechtliche System bereits Florian Silbereisen, Hansi Hinterseer, Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner, Eva Herman und Eva Herman bei Johannes B. Kerner verkraften müssen. Da ist die Frage schon berechtigt, warum denn jetzt ausgerechnet Oliver Pocher dem gebührenfinanzierten Qualitätsfernsehen den Garaus machen soll.Ein Problem, mit dem sich dieser Tage gern die Feuilletons beschäftigen. Nach Jahren im bildungsfernen Privatfernsehen setzt sich Pocher ausgerechnet auf jenen Sendeplatz bei der ARD, der gemeinhin als eine der letzten Zufluchtsstätten der Intelligenz im deutschen Fernsehen gilt. Das lässt diejenigen, die Harald Schmidt durch jede Schwächephase gefolgt sind, nahezu verzweifeln. Haben sie ab sofort eine Zufluchtsstätte weniger? Oder ist ihnen bislang einfach entgangen, dass dieser Oliver Pocher eigentlich ein ziemlich cleverer Faxenmacher ist?Wer seinen Schmidt nicht verloren geben möchte, sucht mit einer gewissen Hingabe nach subtilen Untertönen im Werk Pochers, vermutet im Schwachsinn Subversives. Man hält sich an dem Gedanken fest, dass Pocher wie eben auch Schmidt schon immer das eigene Medium unterminiert habe.Am Anfang wollte ihn nicht einmal Viva. Vier Bewerbungen schickte Pocher in Richtung Musikfernsehen, viermal ohne Erfolg. 1998 trat er dann in einer nachmittäglichen Talkshow beim Privatfernsehen auf, Thema: "Du bist nicht witzig!" Das Publikum im Studio fand, dass Pocher dem Gegenstand der Sendung vollauf gerecht wurde und buhte ihn aus. Die Hinterleute der Show entdeckten sein Talent, Pocher wurde als Publikumsanimateur engagiert, bevor er zum Abschluss seiner kleine Reise durch die Nachmittagsshows der Republik bei Hans Meiser landete."Hans macht Dich zum Viva-Star!" hieß die Sendung, in der Oliver Pocher 1999 sein Glück versuchte, und Hans hielt sein Versprechen. Nach einwöchiger Gastmoderation unterschrieb der damals 21-Jährige, der schon so lange so gerne zum Fernsehen wollte, einen Vertrag beim Musiksender und moderierte später sogar, wie einst Stefan Raab, eine eigene Sendung bei Viva.Wie Raab landete auch er bei der Produktionsfirma Brainpool und schließlich bei ProSieben. "Rent a Pocher" hieß seine Show, die Anfang 2003 auf Sendung ging. Dieser Tage muss man immer wieder lesen, dass Pocher in einer Ausgabe furchtlos an Hundegenitalien geschnüffelt habe. Und auch jene Sendung, in der er einem Schönheitschirurgen seinen Hintern präsentierte, ist offenbar in Erinnerung geblieben. Das ist natürlich unschön, aber auch ein bisschen unfair. Würde man einem Ahnungslosen nur die wirklich schlechten Gags von Harald Schmidt erzählen - und davon gibt es viele - würde dieser Ahnungslose auch nicht auf die Idee kommen, Schmidt für einen Repräsentanten des nationalen Kulturerbes zu halten.Pocher hat im Laufe seiner Karriere schon viel elektronischen Müll versendet. Das prägt sein Image. Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind seine Einfälle nicht ganz unbekannt. Als Moderator einer Außenwette von "Wetten, dass...?" hatte er einer jungen Frau attestiert, sie sehe für ihr Alter ganz schön alt aus, und ihr die Teilnahme an einer Schönheits-OP-Show bei ProSieben empfohlen. Am Ende musste Pocher seinem Opfer ein Schmerzensgeld zahlen. Aber die Schlagzeilen gehörten ihm, und so funktioniert das Geschäft nun mal. Natürlich lud Gottschalk, der ja auch mit Anzüglichkeiten groß geworden ist, seinen Kollegen wieder ein, der nutzte seine Chance beherzt und fragte die in hautenger Robe steckende Mariah Carey ungemein charmant: "Was heißt Presswurst auf Englisch?"Und so einer soll zu Schmidt?Warum eigentlich nicht. War es nicht Harald Schmidt, der flugs zu "Dirty Harry" mutierte, als seine Late Night Show bei Sat.1 nicht so recht in Schwung kam? Seine üblen Sprüche über die Moderatorin Bettina Böttinger sorgten erst kürzlich wieder für Diskussionen, als der WDR eine Sendung zu Schmidts 50. Geburtstag aus seinem Programm nahm, weil in ihr noch einmal jene Entgleisungen zu sehen waren. Seltsam mutet auch der Vorwurf an, Pocher sei ein Mann für jenes Massenpublikum, das Schmidt nie habe erreichen wollen. Dass der so Verehrte einst mit aller Macht ins Fernsehen drängte und erst nach dem unterhaltsamen Scheitern bei "Verstehen Sie Spaß?" einsah, keiner für die große Samstagabendshow zu sein, wird gerne ausgeblendet.Tatsächlich haben Schmidt und Pocher so einiges gemein. Harald Schmidt, der nach eigener Auskunft ein gehemmtes Kind gewesen ist, nutzte sein komisches Talent, um auf sich aufmerksam zu machen. Pocher fing an, lustig zu sein, als er merkte, dass er damit seine körperlichen Defizite wettmachen konnte. Zudem lernte er als Zeuge Jehovas, der von Tür zu Tür zog, auf fremde Menschen zuzugehen. Schmidts Vater war Verwaltungsangestellter, Pochers Finanzbuchhalter. Harald Schmidt wirkt jenseits seiner Sendung bieder wie ein Staubsaugervertreter, Pocher ebenfalls, und im Grunde sind sie das ja auch. Pocher hielt für die Elektro-Kette "Media Markt" sein Gesicht vor die Kamera, Schmidt synchronisierte eine Sau. Und nun gestalten die beiden Werbefiguren, die als ungemein geschäftstüchtig gelten, gemeinsam eine Sendung.Schon seit Jahren heißt es immer mal wieder, Schmidt halte ziemlich viel von seinem jüngeren Kollegen. Schaut man sich die DVD mit Pochers Bühnenprogramm "It's My Life - Aus dem Leben eines B-Promis" an, ergeben sich nur vage Hinweise, warum das so sein könnte. Hin und wieder hat Pocher einen Geistesblitz. Die meiste Zeit allerdings hangelt er sich ohne erkennbare Zielrichtung von Sketch zu Sketch, Kalauer zu Kalauer, macht sich verbal über Franzosen, französische Toiletten, Mickey Maus und die Mainzelmännchen her und zieht am meisten Nektar aus den alltäglichen Desastern des privaten Fernsehens.Das eigentlich Sensationelle an "It's My Life" ist, dass sich die Zuschauer darüber so sehr amüsieren. Besonders bei jungen Leuten ist Pochers Humor angesagt.Nun kann man eine einfache Rechnung aufmachen. Die ARD, deren Kernpublikum nahe der Seniorengrenze angesiedelt ist, braucht junge Zuschauer. Pocher bringt sie mit. Schmidt hat keine Lust mehr aufs Fernsehen. Pocher hat vom Fernsehen noch lange nicht genug. Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört, sich aber gegenseitig nützlich ist. Für Oliver Pocher, der einmal ganz unten ins Fernsehgeschäft eingestiegen ist, bedeutet sein Engagement in der ARD den Aufstieg in Oberklasse.Ganz so unproblematisch dürfte diese Zusammenarbeit indes nicht funktionieren. Schmidt ist gebildet, ein Künstler obendrein und spricht deshalb ein Klientel an, das von Pocher nur bedingt unterhalten sein dürfte. Während Schmidt als junger Mann feinfühlig die Kirchenorgel bearbeitete und sich zum Schauspieler ausbilden ließ, machte Pocher solide seinen Versicherungskaufmann. Im Studio den "Ödipus" mit Playmobil-Figuren nachspielen, bei Schmidt ein Klassiker, bei Pocher undenkbar.Diese gegensätzliche Auffassung von Fernsehen war schon bekannt, als Oliver Pocher zum ersten Mal Harald Schmidt in der ARD besuchte. "Du kannst Dich heute hier einem völlig anderen Publikum präsentieren", frotzelte Schmidt und fuhr zusammen, als sein Gast den Popstar Sarah Connor erwähnte. Das hier sei ein öffentlich-rechtlicher Sender, da müsse man schon erklären, wer das sei, Sarah Connor, sagte Schmidt.Und so ging es immer weiter. Harald Schmidt erklärte, er habe bemerkt, dass Pocher nicht mehr auf die schnellen Lacher aus sei, nicht mehr so oberflächlich wirke. "Man wird reifer", entgegnete Oliver Pocher treuherzig, "man wird erwachsener. Man möchte sich von einer anderen Seite präsentieren. Ich bin nicht der kleine Komiker, der damals von Viva gekommen ist." Dann prustete er los. Das ist noch etwas, was die beiden Entertainer verbindet. Sie lachen über ihre misslungenen Scherze am lautesten.Anzusehen ist dieses Gespräch auf der Internetseite von YouTube, der Ausschnitt ist zwei Jahre alt. Später war Pocher noch einmal bei Schmidt. Ihr Gespräch handelte naturgemäß von nichts, war aber dennoch reichlich komisch. Vielleicht passen sie besser zusammen, als es den Anschein hat. Harald Schmidt ist auf einen Partner angewiesen, ein Medium, an dem er seine Art von Wortwitz und Schlagfertigkeit entwickeln kann. Lange Zeit gab Herbert Feuerstein den Prügelknaben, später fiel Manuel Andrack diese Rolle zu. Nun kommt praktisch ein Vertreter der nächsten Generation an die Reihe.Oliver Pocher nimmt die Chance zur Marktwertsteigerung dankbar wahr. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises erzielte er einen beachtlichen Treffer. Als einziger Festredner störte er die harmonieselige Stimmung und führte seinen neuen Chefs bei der ARD schon mal vor, was ihnen blüht.Der Mann weiß, was von ihm erwartet wird. Und insgeheim kennen natürlich auch Schmidts Zuschauer diese seltsamen Privatfernsehmenschen, über die Oliver Pocher gerne scherzt. Die Fernbedienung sitzt bei jedem locker.------------------------------Wer seinen Schmidt nicht verloren geben möchte, sucht nach subtilen Untertönen in Pochers Werken.------------------------------Foto: Oliver Pocher (l.) hat im Fernsehen als Publikumsanimateur begonnen. Nun spielt er an der Seite von Harald Schmidt.
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