Oliver Stones Bush-Film "W" hatte seine USA-Premiere

Die Banalität des Bösen

Eva Schweitzer
5 Min

So ganz klar ist es nicht, was Oliver Stones neuer Film "W" sein will, der in nur 46 Tagen gedreht und nun drei Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl auf den Markt geworfen wurde. Ist es eine Satire? Warum sonst würde Stone den Präsidenten (brilliant gespielt von Josh Brolin) auf dem Klo sitzen und seine Frau fragen lassen, ob sein Vorgänger John Quincy Adams vor 300 Jahren gelebt hat? Ist es politische Aufklärung, kulminierend in einer Schlüsselszene, in der Dick Cheney (Richard Dreyfuss) auf einer Karte erläutert, wo die strategischen Ölreserven liegen und warum es für die US-Weltherrschaft unabdingbar ist, diese zu besitzen? Oder eine Tragödie, in der der missratene Sohn um die Anerkennung des gefühlskalten Vaters kämpft? James Cromwell als Bush senior sagt einmal zu ihm: "Saufen, huren, feiern, was glaubst du wer du bist, ein Kennedy?"Der Film wechselt nicht nur zwischen drei Stilen, sondern auch zwischen drei Zeitebenen hin und her. Bush als junger Mann, der keine Party, kein Bier, keinen Rock auslässt. Bush, wie er mit Hilfe von Laura (Elizabeth Banks) und Jesus beschließt, mit dem Saufen aufzuhören. Schließlich Bush als Präsident, wie er plant, den Irak zu überfallen - die Wahl ins Amt und der Anschlag auf das World Trade Center kommen hingegen nicht vor. Verbunden sind die Zeitebenen durch traumartige Baseballszenen, mit einer davon endet der Film auch.Auf allzu groteske Satire hat Stone verzichtet. So strich er eine Szene, in der Bush mit Saddam Hussein um eine Brezel ringt, an der er sich später verschluckt. "W" hat aber trotzdem lustige Momente. Etwa, wenn sich Josh Brolin nach ein paar salbungsvollen Worten so hinstellt, dass eine Lampe einen Heiligenschein um seinen Kopf bildet. Leider wird der Film gegen Ende immer didaktischer, ohne logisch zu sein: So ereifert sich die Regierungsmannschaft am Konferenztisch darüber, dass die Geheimdienste so falsch gelegen hätten, was Husseins Massenvernichtungswaffen betrifft. Wenn aber, wie vorher dargelegt wurde, das Bush-Team diese Daten gefälscht hat und es ohnehin immer nur um die Ölquellen ging, warum dann hinterher diese künstliche Aufregung?Stone wollte nach eigenem Bekunden eine "faire und ausgewogene" Biografie, wenngleich das womöglich ironisch gemeint ist, denn mit diesen Worten beschreibt sonst der Rechtsaußen-Sender Fox News sein Programm. Tatsächlich legt Brolin einen menschlichen Bush hin, dem das gehässige Grinsen des Vorbilds fehlt, wie auch alle Schauspieler viel jünger, schöner und schlanker sind als die Politiker, die sie darstellen. Stone lässt Bush auch nicht als bloße Marionette von Cheney und Rumsfeld (Scott Glenn) auftreten. Aber ist das der echte Bush? Scott McClellan, der in Ungnade gefallene frühere Pressesprecher des Präsidenten, bekräftigt die Nähe zum Original. Auch Wayne Slater, Reporter der Dallas Morning News, der über Bush schrieb, als er noch Gouverneur von Texas war, kann ihn wiedererkennen, wenngleich viele Zitate in einen anderen Kontext gestellt seien.Dramaturgisch ist das Problem eher, dass viele Szenen gerade aus der Präsidentschaftszeit zu genau sind. Der Zuschauer hat manchmal den Eindruck, er wohne der Verfilmung eines Bob-Woodward-Buches bei. Wer sich für Politik interessiert, weiß allerdings alles schon, was Stone enthüllt. Wer sich bislang gleichgültig abwandte, wird sich auch "W" nicht ansehen.Wochenlang war der Regisseur auf Werbetour für den Film, und dabei klang er oft weniger freundlich gegenüber seinem Thema. Bush repräsentiere die "Banalität des Bösen" meinte er in der HBO-Show "Real Time". Und: Bush sei komplett frei von Schuldgefühlen, er glaube, das einzige, was er in seinem ganzen Leben falsch gemacht habe, sei, den heute berühmten Baseballspieler Sammie Sosa an die Chicago Cubs verkauft zu haben (Bush war damals Besitzer des Baseballvereins Texas Rangers). Hingegen verstünde er nicht, was er den US-Soldaten angetan habe. Und die Irakis seien ihm sowieso vollkommen gleichgültig. Sei denn Bush deswegen so, weil er niemals im Kampfeinsatz war, wurde Stone gefragt. Der, wie aus der Pistole geschossen: "Wenn Bush im Krieg gewesen wäre, wäre er heute tot."Aber obwohl Bush so unbeliebt ist wie noch nicht einmal Richard Nixon es war, hatte Stone Probleme, Schauspieler zu finden, einen Verleih und Geld. Mehrere Darsteller darunter Christian Bale, sagten ab. Es fand sich kein Hollywood-Studio, nun wird der Film von Lionsgate vertrieben, einem Indie-Studio, das mit Michael Moore bekannt wurde. Finanziert wurde "W" mit chinesischem, australischem und europäischem Geld. Der Schweizer Internetmillionär Thomas Sterchi, der laut Wall Street Journal Bush für das "größte politische Desaster der letzten 50 Jahre" hält, investierte 2,5 Millionen Dollar, weitere Millionen kamen von Samuel und Victor Hadida, in Marokko geborenen französischen Filmemachern.30 Millionen Dollar hat der Film gekostet, beim US-Kinostart an diesem Freitag hat er bereits rund 3,8 Millionen Dollar eingespielt. Für einen Politthriller ist das beachtlich. Stones bislang erfolgreichster Film, das Verschwörungsdrama "JFK", brachte insgesamt nur 70 Millionen Dollar ein.Manche Kritiker sind dennoch skeptisch. "Warum sollten wir jetzt so einen Film sehen, wo doch Amerikaner und Bürger anderer Länder mit den Verwüstungen der Bush-Politik kämpfen?" fragt die Washington Post. Amerikaner und Bürger anderer Länder? Es waren Amerikaner, die George W. Bush zwei Mal zum Präsidenten gewählt haben, aber heute scheint sich von ihnen kaum noch jemand daran erinnern zu können. Das wäre der eigentlich interessante Punkt gewesen: Anstatt die ohnehin nur mäßig interessante Biografie von George W. Bush mit all seinen ödipal bedingten Problemen zu erforschen - letztlich ist der Typ eben doch bloß ein saufender Verbindungsstudent mit reichen Eltern und sogar zu feige für Schmisse -, hätte Oliver Stone einen Film darüber drehen sollen, was Millionen von Amerikanern an Bush fast ein Jahrzehnt lang so begeisterungswürdig fanden. Das wäre echte politische Aufklärung.------------------------------Foto: "Saufen, huren, feiern, was glaubst du wer du bist, ein Kennedy?" Josh Brolin (r.) als George W. Bush in Oliver Stones neuem Film "W".

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