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Entscheidung

Olympia-Aus für Berlin offiziell: „Diese Blamage wollten wir uns ersparen“

Berlin verzichtet auf Olympia. Ein Blick nach Paris und Barcelona zeigt, was die Spiele einer Stadt bringen und was nicht.

7 Min
Die fünf Olympischen Ringe über dem Osttor des Berliner Olympiastadions, das im Bewerbungskonzept der Hauptstadt eine zentrale Rolle spielt hätte.

Die fünf Olympischen Ringe über dem Osttor des Berliner Olympiastadions, das im Bewerbungskonzept der Hauptstadt eine zentrale Rolle spielt hätte.

© Ipon/Imago

Berlin zieht seine Bewerbung um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 zurück. Darüber hat der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), die Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und der Olympia-Beauftragte des Landes  Kaweh Niroomand am Donnerstag offiziell informiert.

„Heute ist ein trauriger Tag für Berlin“, sagte Wegner und mit Blick auf Rostock und Leipzig, die in das Konzept B+ eingeschlossen waren: „Es wäre eine Riesenchance für Berlin gewesen, eine Riesenchance für Ostdeutschland, eine Riesenchance für nachfolgende Generationen.“

Berlin habe die besten Aussichten gehabt, die deutsche Bewerbung ins Rennen zu schicken. Die Hauptstadt habe gegenüber den Mitbewerbern München, Köln-Rhein-Ruhr die größte internationale Strahlkraft besessen. Allerdings hätten die großen Sportverbände als Entscheider die Berlin-Wahl abwarten wollen.

Niroomand sucht das Gespräch mit Eralp

Wegner sagte, nach der Absage der Berliner Linken-Chefin Elif Eralp an eine Bewerbung seien weitere Bemühungen aussichtslos gewesen. Das hätten die Sportverbände signalisiert. Jetzt wolle man München oder Köln-Rhein-Ruhr im Fall einer Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) unterstützen.

Der Olympia-Beauftragte Niroomand sagte, er habe das Gespräch mit Elif Eralp gesucht, mit ihr am Mittwoch noch in Kontakt gestanden. „Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich zurückgehalten hätte bis nach der Entscheidung des DOSB am Samstag in Baden-Baden“, sagte Niroomand. Werner Graf als Spitzenkandidat der Grünen habe dies mit Rücksicht auf die Nominierung getan.

„Wir wollten nicht mit einer einstelligen Zahl der Stimmen abgewatscht werden“, sagte der Volleyball-Manager. „Diese Blamage wollten wir uns ersparen.“

Iris Spranger verwies darauf, dass Berlin insgesamt von der Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele profitiert hätte. Das Geld für die Investitionen in die Infrastruktur der Stadt wären „in erheblichem Maße von außen gekommen“, sagte die Senatorin. „B+ war eben nicht nur eine Vision für den Sport. Es war eine Vision für die Kinder.“

Damit fasste Spranger noch einmal zusammen, worauf zuvor Wegener in seinem Statement abgehoben hatte. Man habe das Konzept der Bewerbung im Gespräch mit Vertretern der Stadtgesellschaft stetig weiterentwickelt. „Nicht nur für Investitionen, sondern auch für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

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Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (l.), Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand begründen das Aus ihrer Olympia-Pläne.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (l.), Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand begründen das Aus ihrer Olympia-Pläne.

© Christophe Gateau/dpa

Der Streit um die Schuld

Seit Mittwoch wird darüber gestritten, wer das Aus zu verantworten habe. Im Zentrum steht Elif Eralp. Sie hatte einen Tag nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September ihre Haltung deutlich gemacht: Sie glaube, „dass sich die Entscheidung erledigt hat“. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sprach daraufhin von „Milliarden-Zuschüssen“ für Sport, Infrastruktur und Stadtentwicklung, die der Stadt nun entgingen.

Am Tag der endgültigen Absage an eine Bewerbung meldete sich als eine der ersten Institutionen der Hauptstadt die Industrie- und Handelskammer zu Wort: „Was für ein Fehlstart in eine neue Legislatur, eines der zwei großen Zukunftsprojekte für diese Stadt noch vor etwaigen Koalitionsverhandlungen einfach abzuräumen“, hieß es in einer Pressemitteilung. „Fakt ist: Olympische Spiele wären eine große Chance für Berlin gewesen, sich als nachhaltige und internationale Weltmetropole zu präsentieren. Von den Investitionen nicht nur in die Sport-Infrastruktur hätten alle Berlinerinnen und Berliner profitiert.“

Doch auch das gehört zur Wahrheit: Berlin hätte kaum eine Chance gehabt, den OIympia-Zuschlag zu bekommen. Die zuständige DOSB-Kommission hatte Berlin in einer ersten Bewertung 74,6 von 100 Punkten gegeben und damit den letzten Platz zugewiesen. München kam auf 87 Punkte, Köln-Rhein-Ruhr auf 85.

Schwer wog außerdem das fehlende Votum der Bevölkerung: In München und an Rhein und Ruhr hatten sich die Menschen in Volksabstimmungen mehrheitlich hinter eine Bewerbung gestellt. In Berlin votierte lediglich das Abgeordnetenhaus dafür. Eralps Festlegung hat daher den Ausgang beschleunigt, verursacht hat sie ihn kaum.

Das Versprechen: Investitionen, die sich selbst tragen

Hinter der Schuldfrage steht jedoch eine grundsätzlichere: Hat Berlin mit dem Rückzug tatsächlich eine Chance vertan? Das Konzept des Senats versprach eine positive Bilanz. Nach dem im Mai vorgestellten Bewerbungskonzept sollten 1,59 Milliarden Euro in die Infrastruktur fließen, rund eine halbe Milliarde davon in den Verkehr und 227 Millionen Euro in Wettkampfstätten. Die reinen Kosten für die Ausrichtung der Spiele selbst von 4,82 Milliarden Euro sollten komplett über Tickets, Sponsoring und Vermarktung gedeckt werden.

Paris: ausgeglichene Kasse, hohe öffentliche Rechnung

Als Vorbild diente „Paris mit den Spielen 2024“. Tatsächlich schloss das Organisationskomitee mit Ausgaben von 4,4 Milliarden Euro und einem Überschuss von 76 Millionen Euro ab, finanziert fast ausschließlich aus privaten Quellen. Die Gesamtrechnung sieht allerdings anders aus.

Nach dem Bericht des französischen Rechnungshofs vom September 2025 kosteten die Spiele 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln. Davon entfielen 3,02 Milliarden Euro auf die Organisation, darunter 1,44 Milliarden für Sicherheit, und 3,63 Milliarden auf Infrastruktur.

Die Prüfer lobten zwar, dass der Haushalt nicht aus dem Ruder gelaufen sei. Die wirtschaftliche Wirkung der Spiele nannten sie jedoch „bislang bescheiden“. Das Organisationskomitee widersprach: Sein Finanzchef Fabrice Lacroix bezifferte die öffentliche Rechnung auf eher rund zwei Milliarden Euro. Die Differenz zeigt, wie sehr die Bilanz davon abhängt, was man mitrechnet. Gerade dieser umstrittene Posten, die öffentlichen Kosten jenseits des Veranstalterbudgets, fehlte im Berliner Konzept.

Olympia, Paris 2024, Stade de France: Die Athleten feiern den Abschluss der Spiele.

Olympia, Paris 2024, Stade de France: Die Athleten feiern den Abschluss der Spiele.

© Michael Kappeler/dpa

Kostenüberschreitungen als Regel

Dass Olympische Spiele teurer werden als geplant, ist gut belegt. Die Oxford Olympics Study um den Ökonomen Bent Flyvbjerg kommt zu dem Ergebnis, dass jede Austragung seit 1960 ihr Budget überschritten hat, im Schnitt real um 172 Prozent. Das ist der höchste Wert aller untersuchten Arten von Großprojekten.

Bei Sommerspielen liegt die durchschnittliche Überschreitung sogar bei 213 Prozent, der Median bei 120 Prozent. Die Studie ist jedoch umstritten. Eine 2022 veröffentlichte Nachanalyse mit umfangreicheren Regierungsdaten konnte die Oxford-Ergebnisse für 2000 bis 2016 nicht bestätigen und kam für diesen Zeitraum auf Überschreitungen zwischen 13 und 178 Prozent. Zudem machten die Kosten der Spiele demnach weniger als 0,28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Für eine Volkswirtschaft wie die deutsche wären sie verkraftbar, für einen Landeshaushalt unter Sparzwang ist das eine andere Frage.

Kein messbarer Aufschwung

Ernüchternd sind die Forschungegebnisse zum wirtschaftlichen Nutzen. Die US-Ökonomen Robert Baade und Victor Matheson werteten 2016 im Journal of Economic Perspectives die Literatur aus. Sie kamen zu dem Schluss, dass Olympische Spiele für Gastgeberstädte in den meisten Fällen ein Verlustgeschäft gewesen seien. Positive Nettoeffekte entstünden nur unter sehr speziellen und ungewöhnlichen Umständen. Touristen, die wegen der Spiele kämen, verdrängten oft andere Besucher. Stadien würden danach kaum genutzt. Der vielbeschworene Imagegewinn lässt sich kaum in Wachstum übersetzen.

Berlin hatte seine Bewerbung wesentlich darauf aufgebaut, dass der größte Teil der Sportstätten bereits existiert und lediglich instandgesetzt und modernisiert werden müsste. Von den Maßnahmen hätte der Breitensport sehr profitiert. Kai Wegener griff diesen Aspekt am Donnerstag erneut auf: Er erwarte von der kommenden Landesregierung, dass sie die nun entstehende Investitionslücke schließe.

Barcelona und London: Erfolg zu einem Preis

Befürwortern einer Olympiabewerbung gilt Barcelona 1992 als positives Beispiel. Sie beziehen sich auf Studien, die zu dem Schluss kamen, dass die Sommerspiele wichtig für Stadterneuerung gewesen sei. Auch sei zwischen Oktober 1986 und Juli 1992 die Arbeitslosigkeit dort von 18,4 auf 9,6 Prozent gesunken. Allerdings fiel dieser Zeitraum mit dem EG-Beitritt Spaniens und einem landesweiten Boom zusammen, der Olympia-Effekt ist davon kaum zu trennen. Die Erneuerung hatte auch Folgen für den Wohnungsmarkt: In den fünf Jahren vor den Spielen stiegen die Immobilienpreise in Barcelona um 131 Prozent.

Naiv ist die Hoffnung auf Olympia jedoch nicht in jedem Fall. Barcelona zeigt, dass eine Stadt mit einem klaren Plan, einer günstigen Gesamtkonjunktur und Rückhalt in der Bevölkerung die Spiele nutzen kann. Naiv ist die Erwartung, dass die Spiele selbst den Aufschwung bringen. Die Forschung liefert dafür kaum Belege, und Berlins Bewerbung fehlte beides, was Barcelona auszeichnete: ein Mandat der Bevölkerung und eine vollständige Rechnung.

Am Samstag entscheidet der DOSB in Baden-Baden nun zwischen München und Köln/Rhein-Ruhr. Berlin wird auch dort sein, vertreten durch Wegner, Spranger und Niroomand. Man wolle nun die bereits gewonnene Expertise einbringen, hieß es am Donnerstag. Ende 2028 will das IOC mit ausgewählten Bewerbern verhandeln, die Spiele 2036 sollen Mitte 2029 vergeben werden.

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