Vor einer großen dunklen Krone, deren Zacken spitz wie Dolche aufragen, sitzt ein Mann am Boden. Er trägt eine goldene Krone aus Pappe und einen schwarz-weißen Nadelstreifenanzug und betrachtet die Scherben eines zerbrochenen Kruges.
Die Szene weckt Neugier, regt zum Nachdenken an und erzeugt Spannung. Wozu taugt ihm seine Krone noch? Hält er gerade seine zerbrochene Macht in den Händen?
Es ist das Titelbild zu „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ und „Der zerbrochene Krug“, zwei Opern von Viktor Ullmann. Die beiden selten aufgeführten Werke des jüdischen Komponisten, der von 1898 bis 1944 lebte, hatten am vergangenen Sonnabend als Doppelabend Premiere am Mittelsächsischen Theater – zunächst im Theater Freiberg in der Borngasse 1.
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MehrZwei Opern aus dunkler Zeit
Es sei eine besondere Aufführung und eine bewegende, zeitlose Geschichte, sagt Dramaturgin Marie Nandico. Deshalb habe man die Originale belassen, ohne ihnen etwas Aktuelles aufzusetzen. Die Werke stünden für sich, und die Musik mit ihren Dissonanzen und Brüchen spiegele auch die Spannungen der modernen Welt.
„Der zerbrochene Krug“ nach dem gleichnamigen Lustspiel von Heinrich von Kleist – Musik und Libretto stammen von Ullmann selbst – entstand kurz vor seiner Deportation in das Ghetto Theresienstadt im September 1942. „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ komponierte Ullmann 1943/44 in Theresienstadt unter unmenschlichen Bedingungen; die Uraufführung erlebte er nicht mehr.
Erstmals zu sehen war die Oper 1975 in den Niederlanden, später auch in Deutschland. Das Libretto schrieb Peter Kien. Ullmann lernte den deutschsprachigen, tschechisch-jüdischen Künstler, der ebenso vielseitig und frei arbeitete wie er, im Ghetto Theresienstadt kennen. Kien war bereits im Dezember 1941 mit 22 Jahren als einer der ersten Häftlinge dorthin gebracht worden.
Seine filigranen Zeichnungen und tiefgründigen Gedichte aus dieser Zeit seien ein künstlerisch wie historisch eindrückliches Zeugnis des Lebens im Ghetto und spiegelten das Leid ebenso wie den Widerstand, heißt es im Programmheft.
Ein Signal für die Region
Die Inszenierung ist im Rahmen des jüdischen Kulturjahres Sachsen entstanden. Angesichts gesellschaftlicher Polarisierung und der Bedrohung jüdischer Kultur setze sie ein wichtiges Signal für die Region und darüber hinaus, betonen die Theaterleute. Beide Opern erzählen von Widerstand und Menschlichkeit, von Machtmissbrauch und Willkür.
Es ist ein ebenso anspruchsvolles wie wagemutiges Unterfangen, und das künstlerische Team ist nicht minder ambitioniert. Regie führt André Meyer, Chefdramaturg des Mittelsächsischen Theaters, der sich seit vielen Jahren mit Leben und Werk Viktor Ullmanns beschäftigt.
Die musikalische Leitung hat der junge Generalmusikdirektor José Luis Gutiérrez, der aus Mexiko stammt. In seiner ersten Spielzeit als Chef der Mittelsächsischen Philharmonie ist er in Döbeln und Freiberg mit viel Schwung und Elan zu erleben. Als Gast für Bühne und Kostüme konnte Julia Schnittger gewonnen werden.
Halbvoller Saal in der „Kleinen Semperoper“
Leonhard Geiger als der Kaiser von Atlantis
© Detlev Müller
An diesem Premierenabend ist der Saal in Freiberg nur halb voll. Dramaturgin Marie Nandico hatte damit gerechnet: Der Stoff sei sperrig, Musik und Geschichte keine leichte Kost. Für sie ist es die erste Arbeit im Musiktheater, bisher war sie für Konzerte zuständig.
Sonst sei es hier immer voll, sagt mein Platznachbar in Reihe acht, ein älterer Herr. Er und seine Frau haben ein Theateranrecht und lassen keine Premiere aus. Auf diese Aufführung seien sie zudem neugierig gewesen. Neue Musik und der Name Arnold Schönberg hätten ihnen bisher wenig gesagt. Viktor Ullmann war Schüler Schönbergs und wurde bald selbst ein Komponist der Avantgarde.
„Dies ist das älteste noch bespielte Theater der Welt!“, sagt der Zuschauer stolz. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Das Gebäude wurde 1623 als Bürgerhaus am Buttermarkt errichtet. 1790 ließ der Unternehmer Johann Gotthelf Engler es zu einem Theater umbauen, 1791 kaufte die Stadt Freiberg das Haus. Seitdem wird dort durchgehend in städtischer Verantwortung Theater gespielt. Wegen seiner prächtigen Innenausstattung heißt das Freiberger Theater liebevoll auch „Kleine Semperoper“.
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Während der Aufführung ist es mucksmäuschenstill, bis auf gelegentliches leises Husten. Man könnte eine Stecknadel fallen hören.
Ein Kaiser im Wahn
Das Geschehen auf der Bühne zieht in den Bann. Es ist packend, berührend und beklemmend in Szene gesetzt, ergreifend gesungen und gespielt vom Ensemble. Dennoch möchte man für Momente am liebsten fliehen.
Düstere und poetische Bilder und Klänge wechseln sich intensiv und eindringlich ab. Die beiden Opern dauern je eine Stunde, dazwischen gibt es eine Pause. Erzählt wird von menschlichen Konflikten, von Leben, Liebe und Tod, von Gewalt, Lebenswillen, Kraft und Würde in aussichtslos scheinenden Situationen. Bei allen Schatten bleibt immer ein Lichtblick.
So gegensätzlich wie die Musik sind auch die Figuren: Pierrot, der traurige Clown im Ringelshirt und mit roter Blume am schwarzen Hut, und der Tod, der als abgedankter Soldat erscheint. Sie klagen über das Leben, das nicht mehr lachen kann, und über den Tod, der nicht mehr weinen kann. Und sie trauern um eine Welt, die verlernt hat, sich am Leben zu freuen. Ein Paar umarmt sich, ein Mädchen seine Puppe.
Kaiser Overall hat seit Jahren niemand mehr gesehen. Er ist ganz allein in seinem Palast hinter steinernen Mauern eingeschlossen, damit er besser regieren kann. Unter Trommelwirbeln verkündet er einen Krieg aller gegen alle und will sogar den Tod als Gefolgsmann einspannen. Doch der Tod verweigert den Dienst. Die Welt versinkt im Chaos, Kaiser Overall verfällt dem Wahnsinn.
Schwarz gewandet und mit Zylinder tritt ihm der Tod entgegen und singt anrührend mit tiefer Bassstimme: Er werde seinen Dienst wieder aufnehmen und zu den Menschen zurückkehren, die ihn als Erlöser und als Teil des Lebens anerkennen – allerdings nur, wenn der Kaiser als Erster mit ihm geht. Der Kaiser willigt ein, legt Krone und Kleidung ab und erklärt den Krieg für beendet.
Pierrot und das Mädchen pflanzen ein Bäumchen als Symbol der Hoffnung. Doch die im Kreis Beisammensitzenden wissen, wie schnell Hunger, Hass und Leid wieder aufflammen können – weil die Menschen wohl unbelehrbar sind oder schnell vergessen, was sie nicht selbst erlitten haben.
Ein Richter ermittelt gegen sich selbst
Im zweiten Teil des Abends steht ein Apfelbaum mit roten Früchten vor einer weißen Hauswand auf der Bühne. Verlockend erinnert er an die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, an menschliche Vollkommenheit, Verführung, Schwächen, Verfehlungen, Erkenntnis und Unrecht in der Welt.
Darum geht es auch in Ullmanns Oper „Der zerbrochene Krug“. Libretto und Musik stammen von ihm selbst, Kleists Komödie hat er auf ihren Kern reduziert. Die Musik ist abwechselnd dramatisch, lyrisch-elegisch, spannungsvoll und temporeich, zuweilen auch sanft und heiter.
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Zunächst wird die Geschichte in Schwarz-Weiß-Bildern (Video: Raphael Howein) kurz und lustvoll-spöttisch auf die Bühnenwand projiziert. Aus einem Gebüsch beobachtet ein Mann mit weißer Perücke ein junges, frisch verliebtes Paar auf einer Bank. Eve bekommt von ihrem Liebsten einen Blumenstrauß und rückt zärtlich an ihn heran.
Nachts steigt der Mann mit der Perücke heimlich über eine Leiter in Eves Zimmer, bedrängt sie sexuell und wird von ihrem Verlobten überrascht. Auf der Flucht zerschlägt er einen Krug. Es ist Adam, der Dorfrichter.
Am nächsten Tag muss Adam – in schwarzer Robe, kahlköpfig, humpelnd und mit unübersehbarer blutiger Schramme – gegen sich selbst ermitteln. Er verstrickt sich immer tiefer in Lügen, bis die Dorfbewohner das eindeutige Beweisstück entdecken. Die Wahrheit kommt ans Licht, und Adams Macht zerbricht. Die Liebenden umarmen sich, und Eves Mutter Marthe bekommt einen neuen Krug.
Doch Liebe, Glück und Gerechtigkeit sind zerbrechlich und wollen immer wieder neu errungen werden. Viel Applaus und Begeisterung gab es im Publikum für diese außergewöhnliche, emotionsreiche, kraftvolle und aufrüttelnde Aufführung im Theater Freiberg.
www.mittelsaechsisches-theater.de
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