Ölaffäre

230 Millionen US-Dollar für Öl, das nie kam: Polens bizarrer Krypto-Deal

Drei Supertanker warteten leer vor Venezuela, während hohe Gebühren anfielen. Die Schweizer Orlen-Tochter hatte den Großteil des Kaufpreises ohne Bankgarantie vorab gezahlt.

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Der Öltanker Priya auf dem Maracaibo-See in Venezuela. Beim gescheiterten Orlen-Geschäft warteten drei andere Tanker vergeblich auf ihre Ladung.

Der Öltanker Priya auf dem Maracaibo-See in Venezuela. Beim gescheiterten Orlen-Geschäft warteten drei andere Tanker vergeblich auf ihre Ladung.

© Jose Isaac Bula/imago

Ein millionenschweres Ölgeschäft des polnischen Energiekonzerns Orlen ist zu einem Geflecht aus dubiosen Vermittlern, Krypto-Zahlungen und leeren Tankern geworden. Nach einer Rekonstruktion der Financial Times zahlte die Schweizer Handelstochter Orlen Trading Switzerland (OTS) 230 Millionen US-Dollar für venezolanisches Rohöl vor, das nie geliefert wurde.

Das Geschäft soll Ende November 2023 auf einem Boot vor Abu Dhabi angebahnt worden sein. Wenige Tage später schloss OTS mit dem in Dubai ansässigen Händler Hannon International einen Vertrag über rund sechs Millionen Barrel der schweren venezolanischen Rohölsorte Merey 16. Der Gesamtpreis lag bei etwa 345 Millionen US-Dollar.

Innerhalb von fünf Tagen überwies OTS rund zwei Drittel dieser Summe an Hannon. Nach Darstellung der Financial Times enthielt der Vertrag weder Bankgarantien für die Vorauszahlung noch Angaben zu Zahlungen in Kryptowährungen oder zur Einschaltung weiterer Vermittler.

Millionen sollten über Tether nach Venezuela gelangen

Die USA hatten ihre Sanktionen gegen Venezuelas Ölindustrie im Oktober 2023 vorübergehend gelockert. Herkömmliche Zahlungswege blieben für PDVSA jedoch schwer zugänglich, weshalb der staatliche Ölkonzern teilweise Vorauszahlungen in der an den US-Dollar gekoppelten Kryptowährung Tether (USDT) verlangte.

Hannon beauftragte nach eigenen Angaben Firmen in Dubai damit, die von OTS erhaltenen US-Dollar in Tether umzuwandeln. Dabei entstanden erhebliche Differenzen: An ein Unternehmen flossen dem Bericht zufolge 135 Millionen US-Dollar, Hannon erhielt dafür jedoch nur 85 Millionen USDT. Über die fehlenden 50 Millionen US-Dollar wird vor einem Gericht in Dubai gestritten.

Besonders ungewöhnlich ist Hannons Darstellung der weiteren Zahlungen: Mitarbeiter des Unternehmens sollen sich in Caracas mit venezolanischen Vermittlern getroffen und ihnen USB-Sticks übergeben haben. Diese hätten den Zugang zu Krypto-Wallets mit insgesamt 132 Millionen USDT ermöglicht. Unabhängig überprüfen ließ sich diese Schilderung bislang nicht. Hannon erklärte zudem, weitere 54 Millionen US-Dollar seien durch Gebühren und gescheiterte Versuche verloren gegangen, Öl zu beschaffen.

Reuters hatte bereits 2024 unter Berufung auf mit den Vorgängen vertraute Personen berichtet, dass PDVSA die für das venezolanische Öl bestimmten Vorauszahlungen nicht erhalten habe.

Supertanker verlassen Venezuela ohne Rohöl

Drei für das Geschäft gecharterte Supertanker erreichten Mitte Dezember 2023 venezolanische Gewässer. Die vereinbarte Ladung blieb jedoch aus. Nach früheren Orlen-Angaben kostete das Warten zeitweise rund 600.000 US-Dollar pro Tag. Die Tanker verließen Venezuela schließlich ohne das bestellte Rohöl.

OTS und Hannon versuchten anschließend, einen Teil des Geschäfts durch andere Lieferungen zu retten. Von einer vereinbarten Million Barrel venezolanischen Heizöls kamen letztlich rund 500.000 Barrel im Wert von 28,8 Millionen US-Dollar an. Das ursprünglich bestellte Merey-16-Rohöl wurde dagegen nicht geliefert. OTS kündigte den entsprechenden Vertrag Ende März 2024.

Hannon erklärt, lediglich als Abwickler für die von OTS gewünschten Krypto-Zahlungen gehandelt und keine Provision einbehalten zu haben. Orlen widerspricht dieser Darstellung: Hannon sei vertraglich zur Lieferung verpflichtet gewesen. Der Einsatz weiterer Firmen ändere nichts an dieser Haftung. Zwischen beiden Seiten läuft ein Schiedsverfahren.

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Frühere Orlen-Manager müssen vor Gericht

Der gesamte OTS-Komplex geht über das einzelne Hannon-Geschäft hinaus. Die polnische Regierung beziffert den Schaden einschließlich Transport-, Rechts- und weiterer Kosten auf mindestens 1,6 Milliarden Złoty, umgerechnet rund 424 Millionen US-Dollar.

Nach einem Reuters-Bericht müssen sich drei frühere Orlen-Manager wegen mutmaßlicher Pflichtverletzungen vor Gericht verantworten. Ihnen drohen bei einer Verurteilung lange Haftstrafen. Alle drei bestreiten die Vorwürfe.

Gegen den früheren OTS-Chef Samer A. läuft ein getrenntes Verfahren wegen Verträgen, die Orlen nach Ansicht der Ermittler Schäden von 378 Millionen US-Dollar verursacht haben sollen. Polen bemüht sich um seine Auslieferung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein rechtskräftiges Urteil liegt in den Verfahren bislang nicht vor.

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