Wirtschaftskolumne

Ost-IHK-Chef über Deutschland: Anderswo Aufbruch, hier „Wohlstandsverwahrlosung“

Deutschland streitet über 16 Minuten Mehrarbeit. In Marokko sieht Thomas Brockmeier, wie schnell gebaut, gelernt und investiert wird. Was läuft hier schief?

Thomas Brockmeier
5 Min
Auch Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) war im April dieses Jahres in Marokko. Hier beim Besuch des Automobielzulieferers <a target="_blank" rel="noopener" href="https://marokko.ahk.de/de/mitglieder/liste-der-deutschen-unternehmen-in-marokko/se-bordnetze-morocco">SE Bordnetze Morocco S.A.R.L.</a>, der direkt zur <a target="_blank" rel="noopener" href="https://www.sebn.com/">Sumitomo Electric Bordnetze SE</a> aus Wolfsburg gehört.

Auch Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) war im April dieses Jahres in Marokko. Hier beim Besuch des Automobielzulieferers SE Bordnetze Morocco S.A.R.L., der direkt zur Sumitomo Electric Bordnetze SE aus Wolfsburg gehört.

© Thomas Imo

Ich stehe im Stau, Baustelle auf der Autobahn. Gebaut wird nicht, weder Gerätschaften noch Arbeiter sind zu sehen. Im Radio läuft eine Sendung über Probleme bei der Modernisierung von Mietwohnungen. Als „gebranntes Kind“ höre ich aufmerksam zu: 1993 habe ich (in Marburg) erlebt, wie lange sich so etwas hinziehen kann: Aus angekündigten drei Wochen wurden mehr als drei Monate.

Zweiraumwohnung (46 qm), in den 1950er Jahren gebaut, sechs Mietparteien im Haus. Die Kohleheizung (Ofen in der Küche) soll gegen eine Gasheizung ausgetauscht werden. Nach vier Wochen suche ich Zuflucht bei Freunden, will mich nicht länger fühlen wie ein Störfaktor auf einer Baustelle. Von einer „Wohnung“ kann nämlich nicht mehr die Rede sein, Dreck und Lärm sind unbeschreiblich. Als mich irgendwann die Kloschüssel in der Diele begrüßt, suche ich das Weite.

Von zehn Gramm Brot bis zu 16 Minuten Mehrarbeit: Deutschland streitet über Kleinigkeiten

Zurück ins Jetzt: Im Radio wird breit erörtert, was ein Mieter tun kann, wenn die Baufirma keine Abdeckplanen dabeihat oder gesondert in Rechnung stellen will. Muss er die Truppe überhaupt reinlassen? Muss der Vermieter zahlen? Probleme gibt´s.

Plötzlich kommen mir diverse Geschichten in den Sinn – so etwa von einem Bäckereikunden, der vor Gericht gezogen war, weil das von der Verkäuferin nach Augenmaß geschnittene halbe Brot beim von ihm angestrengten Nachwiegen doch tatsächlich zehn (!) Gramm weniger wog als die andere Hälfte; von Beschwerden der Belegschaft eines großen deutschen Autobauers, weil dieser die über Jahre gewährten Zuschüsse für Kommunions- oder Konfirmationskleidung der Mitarbeiterkinder eingestellt hat.

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Oder dies: Eine Lehrerin erscheint sechzehn Jahre lang nicht zum Dienst, wird immer wieder krankgeschrieben und klagt dann gegen ihre Versetzung in den Ruhestand – weiterhin volle Bezüge wären halt schön. Und, frei nach Heinz Erhardt, noch´n Beispiel, weil mich die Zahl 16 so fasziniert: Ein Angestellter im öffentlichen Dienst verklagt seinen Arbeitgeber (einen Landkreis), weil der sich weigert, sechzehn Minuten geleistete Mehrarbeit zu vergüten. Deutsche Realität!

Da ist man sprachlos. Schade eigentlich. Denn irgendwie fänd´ ich´s schön, wenn sich sprachlich auf den Punkt bringen ließe, was alle diese Beispiele vereint. Plötzlich die Lösung: „Wohlstandsverwahrlosung“! Gefunden im höchst lesenswerten Buch „Jenseits der Brandmauer“ von „Monchi“, einem Punkrocker aus Jarmen, sogenannter „neoliberaler“ Umtriebe vermutlich unverdächtig, aber brutal ehrlich – und sprachlich treffsicher wie kaum ein Zweiter.

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Während Deutschland mit sich selbst hadert, sehen andere das Land viel positiver

Perspektivwechsel – Deutschland von außen: Ich komme ein wenig rum in der Welt und stelle immer wieder fest, dass das Deutschlandbild andernorts deutlich positiver ist. Türkei, Tschechien, Italien, Vietnam, Kanada, USA, um einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zu nennen.

Oder Marokko – ganz taufrisch vor 14 Tagen: Mit zwei Kollegen absolviere ich ein prall gefülltes Fünftageprogramm in Rabat, Casablanca und Tanger. Wir möchten uns einen Eindruck verschaffen von diesem aufstrebenden Land, mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, die in Deutschland eine Ausbildung machen oder studieren wollen.

Wir besuchen Bildungszentren, Sprachschulen und Forschungseinrichtungen, sprechen mit Unternehmern und Wirtschaftsförderern (u.a. in Freihandelszonen). Es ist faszinierend: Die Aufbruchstimmung ist mit Händen zu greifen. Kern des Ganzen: Bildung, Bildung, Bildung! Ferner: Infrastruktur – Straßen, Schienen, IT-Infrastruktur. Menschen und Maschinen in Aktion, Baukräne in Bewegung.

Wer das Land schon länger kennt, beschreibt das Tempo als atemberaubend – dazu passt der Schnellzug, der uns mit 350 Stundenkilometern an unsere Ziele bringt, auf die Minute pünktlich, piekfein sauber, auch die Toiletten. Alles funktioniert tadellos, selbst die Rolltreppen am Bahnhof. Der ist übrigens nagelneu, Bauzeit knapp zwei Jahre. Die Fertigstellung der neuen Skaterbahn in Jarmen hat deutlich länger gedauert.

Junge Marokkaner wollen nach Deutschland und bewundern seine Ingenieure – noch gibt es welche

Ich frage die jungen Menschen, warum sie ausgerechnet in Deutschland studieren oder eine Berufsausbildung machen wollen. Deutsch als Fremdsprache ist schließlich eine echte Herausforderung; es in Marokko binnen nur eines Jahres zu lernen – Hut ab! Englisch wäre einfacher, und Französisch gilt fast allen hier als zweite Muttersprache. Mehrere antworten schlicht, dass sie Herausforderungen mögen. Eine junge Frau, die Luft- und Raumfahrttechnik studieren möchte: „Deutschland ist das Land der Ingenieure und Erfinder. Da will ich hin.“

Eine angehende Wirtschaftsingenieurin meint: „Ich bin fasziniert vom Unternehmertum. Siemens, Grundig, Bosch und Nixdorf – große Namen, tolle Unternehmer aus Deutschland.“ Das Beste zum Schluss – ein junger Mann sagt: „Ich bin jung und habe das Gefühl, ich sollte mal meine Komfortzone verlassen.“ Die Stille nach diesem Satz ist ohrenbetäubend, meine Kollegen und ich tauschen vielsagende Blicke – wir verstehen uns gerade ohne Worte.

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