Die neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) lassen aufhorchen: Die Löhne in Deutschland steigen wieder schneller als die Preise. Zieht man die Inflation vom nominalen Wachstum ab, bleibt bundesweit ein Plus von 1,5 Prozent bei den sogenannten Reallöhnen: ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, wie stark die Lebenshaltungskosten tatsächlich steigen, aber wohl besser als nichts.
Denn immer wieder sorgen Insolvenzen und Stellenabbau für Schlagzeilen – auch im Osten. In Zwickau wächst derzeit die Angst vor der Werksschließung von VW. Immer mehr Industriejobs werden im Stillen abgebaut; allein 2025 beendete die Ost-Industrie fast 30.000 Beschäftigungsverhältnisse mehr, als sie neu begann. Wie entwickeln sich dort die Löhne vor dem Hintergrund dieser alarmierenden Veränderungen?
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Gastronomie und Sozialwesen: Wächst in Ostdeutschland nur der Niedriglohnsektor?
Auf eine Nachfrage der Berliner Zeitung teilt Destatis mit, dass der Reallohnindex ausschließlich für Deutschland insgesamt berechnet werde. Getrennte Reallohnwerte für Ost und West gibt es nicht.
Dennoch zeigt eine Destatis-Auswertung: Im Osten stiegen die Nominallöhne im zweiten Quartal um 4,7 Prozent, im Westen um 3,9 Prozent. Allein im Juni lagen die regelmäßigen Bruttomonatsverdienste im Osten gut vier Prozent über dem Vorjahreswert, im Westen waren es rund 3,4 Prozent, sagt Prof. Dr. Steffen Müller, Arbeitsmarktexperte beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), auf Anfrage dazu.
Müller sieht einen klaren Grund dafür, warum der Osten bei den Lohnsteigerungen vorne liegt. Besonders kräftig seien die Verdienste derzeit in mehreren bislang eher schlecht bezahlten Bereichen gestiegen: Gastronomie, Arbeitnehmerüberlassung, Sozialwesen sowie Gebäudebetreuung und Gartenbau.
„Dieses Muster spricht dafür, dass die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von 12,82 auf 13,90 Euro, also um mehr als acht Prozent, eine wichtige Rolle spielt“, sagt Müller weiter. Weil im Osten mehr Menschen im Niedriglohnbereich arbeiten, wirke die Erhöhung dort stärker – und ziehe häufig auch Verdienste knapp oberhalb des Mindestlohns mit nach oben.
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Inflation war im Osten zuletzt teils höher als im Westen
Noch im ersten Quartal 2026 war es knapp umgekehrt: Damals legte die Nominallöhne im Westen um 4,3 Prozent zu, im Osten um 4,1 Prozent. Im zweiten Quartal öffnet sich nun wieder ein Vorsprung zugunsten Ostdeutschlands. Bereits 2025 lagen die Zuwächse dort in mehreren Quartalen über denen im Westen.
Aber: In ostdeutschen Bundesländern war die Inflation in den vergangenen fünf Jahren stärker als in den meisten westdeutschen Regionen. Während die Inflation bundesweit zwischen 2020 und 2025 bei 21,8 Prozent lag, war Brandenburg mit 23,6 Prozent laut einer Auswertung des ifo-Instituts am stärksten betroffen; Sachsen mit 23,5 sowie Sachsen-Anhalt mit 23,4 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich stark. Das heißt: Von stärkeren Lohnzuwächsen blieb im Osten nicht automatisch mehr übrig, denn gleichzeitig stiegen dort auch die Preise besonders stark.
Hinzu kommt: Ausgerechnet das Fünftel der Vollzeitbeschäftigten mit den niedrigsten Verdiensten verzeichnete zuletzt mit 6,7 Prozent die stärksten Lohnzuwächse. Beim obersten Fünftel waren es nur 3,3 Prozent. Die kräftigen Zuwächse am unteren Ende ziehen damit auch den Durchschnitt nach oben.
Joachim Ragnitz: „Der Lohnabstand Ost-West wird sich sicherlich verkleinern, aber groß bleiben“
Prof. Dr. Joachim Ragnitz, der stellvertretende Leiter des ifo-Instituts in Dresden, verweist seinerseits auf Daten der Bundesagentur für Arbeit für 2025. Schon damals seien die Löhne im Osten „in der Breite“ stärker gestiegen als im Westen. Besonders kräftig fiel das Plus bei stark gefragten Beschäftigten aus – etwa in Maschinenbau- und Elektroberufen im verarbeitenden Gewerbe oder in betriebswirtschaftlichen Berufen.
Ob sich dieses Muster 2026 fortsetzt, lasse sich derzeit nicht belegen. Ragnitz vermutet es allerdings. Als wichtigsten Treiber sieht er die zunehmende Arbeitskräfteknappheit.
Trotzdem erwartet Ragnitz keine schnelle Angleichung. Der Lohnabstand zwischen Ost und West werde sich „sicherlich verkleinern, aber groß bleiben“. Ein wesentlicher Grund sei die weiterhin geringere Produktivität: Mehr gebe diese derzeit schlicht nicht her.
Ostdeutschland holt auf: Warum bleibt die Lohnlücke trotzdem?
Auch Müller hält eine vollständige Angleichung auf absehbare Zeit für unwahrscheinlich. Die Lohndebatte sei keine reine Fairnessfrage. „Löhne hängen in einer Marktwirtschaft wesentlich von Produktivität, Wirtschaftsstruktur und der Nachfrage nach Arbeitskräften ab“, erklärt der Experte.
Zudem verläuft die Trennlinie längst nicht nur zwischen Ost und West, denn auch innerhalb Westdeutschlands unterscheiden sich die Löhne erheblich. Im Saarland oder in Schleswig-Holstein liegen die Stundenlöhne laut Müller deutlich unter denen Bayerns und Baden-Württembergs.
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