Machtstrukturen

Wider die Ost-West-Tümelei: Wer den Osten erklärt, sollte über Macht statt Herkunft sprechen

Wir müssen einen Begriff präzisieren. Denn gerade zeigt sich, wohin unpräzise Kollektivierungen in der Ost-West-Debatte führen.

Dirk Jehmlich
Dirk Jehmlich
3 Min
Die neuen Trennlinien verlaufen heute weniger geografisch als in politischen und medialen Deutungen.

Die neuen Trennlinien verlaufen heute weniger geografisch als in politischen und medialen Deutungen.

© Jürgen Ritter/Imago

Brechtken erklärt in der FAZ den Osten. Die Welt zieht daraus die maximal konfliktträchtigen Aussagen. Der Spiegel stellt zuvor den „zahlenden Westen“ gegen den die AfD wählenden Osten. Kowalczuk prognostiziert nun Zustimmung aus West/Nord/Süd und „Hass“ aus dem Osten.

Langsam sollten wir aufpassen, dass aus einer politischen Auseinandersetzung nicht tatsächlich jener Ost-West-Konflikt wird, den alle Beteiligten angeblich nur beschreiben. Der Fehler ist die Kollektivierung: Aus Kritik an der AfD wird Verurteilung der AfD-Wähler und daraus ein Vorurteil gegenüber den Ostdeutschen – „der Osten“.

Brechtkens Argumentation ist dafür ein gutes Beispiel: Andere Wahlergebnisse werden nicht primär als politische Entscheidung behandelt, sondern als Ausdruck ostdeutscher Sozialisation, Autoritätsorientierung, Identität und mangelnder rationaler Selbstanalyse.

Der Spiegel macht daraus zusätzlich eine materielle Front: zahlender Westen gegen politisch abweichenden Osten. Kowalczuk macht daraus nun wiederum eine emotionale Landkarte: vernünftige Zustimmung dort, Hass hier. Das ist eine gefährliche Eskalationsspirale.

Kowalczuk reagiert auf X auf Brechtkens Artikel in der FAZ. Er prognostiziert „Hass“ aus dem Osten.

Kowalczuk reagiert auf X auf Brechtkens Artikel in der FAZ. Er prognostiziert „Hass“ aus dem Osten.

© Screenshot

Aber wer diesen Mechanismus kritisiert, muss selbst sauber bleiben. Wenn wir als OAZ von einem „westdeutsch dominierten Mediensystem“ sprechen, meinen wir nicht 60 Millionen Westdeutsche.

Das wäre genauso töricht.

Macht statt Herkunft

Gemeint sind historisch gewachsene Strukturen der alten Bundesrepublik: Eigentums- und Kapitalstrukturen, Redaktions- und Führungsnetzwerke, große Medienhäuser und Institutionen, Deutungs- und Auswahlmacht, ein politisch-kultureller Referenzrahmen, in dem Westdeutschland häufig noch immer als Normalfall und der Osten als Abweichung erscheint. Das ist eine Machtfrage, keine Herkunftsfrage.

Unsere eigene Redaktion ist ein schönes Beispiel: halb Ost, halb West. Und viel wichtiger: Ein Westdeutscher kann diesen Machtstrukturen genauso kritisch gegenüberstehen wie ein Ostdeutscher. Ein Ostdeutscher kann sie genauso reproduzieren wie ein Westdeutscher.

Kowalczuk ist dafür geradezu das perfekte Beispiel: ostdeutsche Biografie schützt nicht davor, ein bestimmtes Defizitbild des Ostens zu reproduzieren. Umgekehrt teilen viele Menschen mit Migrations- oder Transformationserfahrungen etwas, das in der klassischen Ost-West-Kategorie gar nicht vorkommt: Erfahrung damit, dass politische Systeme verschwinden können, Vermögen und Status verloren gehen, Biografien entwertet werden und man neu anfangen muss.

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Die eigentliche Konfliktlinie

Damit verschiebt sich die eigentliche Konfliktlinie. Es geht nicht um Ost gegen West. Es geht um Menschen und Institutionen, die das bestehende System für den selbstverständlichen Normalfall halten, versus Menschen, die gelernt haben, dass politische und wirtschaftliche Ordnungen weder naturgegeben noch unvergänglich sind.

Das finden wir publizistisch und gesellschaftlich auch sehr viel interessanter.

Wer jede Kritik am westdeutsch geprägten Machtgefüge als „Ostdeutschtümelei“ abtut, begeht denselben Fehler, den er den anderen vorwirft. Er ersetzt Argumente durch Herkunft.

Vielleicht kommt Brechtken im Osten übrigens nicht nur „Hass“ entgegen. Vielleicht auch Widerspruch. In einer Demokratie soll das gelegentlich vorkommen.

Es gibt eine neue Brandmauer – aber zwischen zwei Denkweisen. Die Mauer haben wir alle gemeinsam abgerissen und den Stacheldraht entsorgt. Uns alle verbinden enge Ost-West-Freundschaften, familiäre Bande und ein gutes Gefühl, alle gemeinsam die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.

Die Grenze verläuft nicht zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Sie sollte zwischen denen verlaufen, die Menschen nach Herkunft kollektivieren, und denen, die über Argumente, Interessen und Machtstrukturen sprechen wollen.

Nicht jeder Wessi ist das westdeutsche Establishment. Und nicht jeder Ossi ist dessen Opfer. Manchmal ist es sogar umgekehrt.

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