Diese Ost-West-Liebesgeschichte beginnt schon vor der Öffnung der Mauer: Anfang 1989, mitten in der DDR. Anke von Usedom, damals 22 und in Halle lebend, kam zu Besuch bei Freunden vorbei – just an dem Tag, als der 30-jährige Mathematiker Holger aus dem niedersächsischen Sibbesse auch dort war.
Am Tag der Deutschen Einheit ist der richtige Moment, um von dieser besonderen Lovestory einmal öffentlich zu erzählen. Sie ist sehr romantisch, macht die allen bekannte Geschichte der Wiedervereinigung lebendig und erzählt auch von den Schwierigkeiten im Privaten beim Zusammenwachsen zweier völlig verschiedener Welten. Heute leben Anke und Holger immer noch glücklich vereint auf ihrem Resthof in Sibbesse bei Hildesheim.
Drama: Liebe zwischen Ost und West vor dem Mauerfall
Holger, der aus einem Dorf bei Oldenburg stammt, hatte und hat schon immer einen Faible für den Osten. Im Sommer 1988 wanderte er mit einem Freund rund um die Insel Rügen. Dabei lernte er ein Ehepaar aus Halle kennen. Er blieb mit ihnen in Kontakt und nahm die Einladung an, die beiden Anfang 1989 in Halle zu besuchen.
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Bei diesem Besuch tauchte plötzlich eine Freundin des Ehepaars auf: Anke. „Wir mochten uns“, sagt Holger heute schlicht. Was folgte, war eine Fernbeziehung unter erschwerten Bedingungen. Telefonieren war kaum möglich, denn nur sehr wenige DDR-Haushalte hatten einen Telefonanschluss. Handys und Internet gab es noch nicht.
„Dann haben wir erst mal über Monate ganz lange Briefe geschrieben“, erinnert sich der heutige Gymnasiallehrer. Denn zwischen den beiden lag nicht nur eine Entfernung, sondern vor allem eine schwer bewachte Staatsgrenze.
Annäherung bei einer Paddeltour in Mecklenburg
Für den Sommer 1989 planten die beiden dann einen gemeinsamen Urlaub – und weil Anke nicht in den Westen reisen durfte, musste das Ziel im Osten liegen. Es hieß Mecklenburger Seenplatte: Von Feldberg aus paddelten sie bis nach Rheinsberg und nahmen unterwegs mit, was an Seen, Flüssen und Kanälen zu erreichen war.
„Das war eine wunderschöne Mecklenburger Seenplatte, die damals noch sehr leer war. Heute sind da viele Menschen unterwegs. Damals war es noch sehr romantisch und sehr einsam“, blickt Anke auf diese Zeit zurück. „Und genau auf dieser Reise sind wir uns dann nähergekommen. Aber da war ja noch nicht klar, dass dann die Mauer irgendwann aufgeht.“
Mit dem Kanu über die 1.000 Seen der Müritz Mecklenburgischen Seenplatte zu paddeln, ist auch heute noch ein schönes Erlebnis.
© Redaktion Bonder
Dabei lag über allem schon eine seltsame Stimmung, sagt Holger. Menschen flohen über Ungarn in den Westen, andere suchten Zuflucht in der Prager Botschaft. „Dass die Mauer bald fallen würde, war nicht abzusehen“, sagt jedoch auch er.
„Ich bin damals über Silvester immer mit Freunden nach Dänemark gefahren. Und Anke hat mir nach der Paddeltour versprochen, sie kommt am Jahresende mit nach Dänemark“, erzählt Holger. Wie das gehen sollte, war noch unklar.
Um fortan so oft wie möglich mit Anke zusammen sein zu können, betrieb Holger enormen Aufwand. Nach eigener Schätzung verbrachte er rund ein Viertel des Jahres 1989 in der DDR – möglich durch mehrere parallel laufende Visumsanträge, denn für Halle benötigte er immer ein Visum.
„Ich wollte gar nicht weg aus der DDR“
Dabei stand gar nicht von Anfang an fest, dass das Paar im Westen leben würde. Für Holger wäre auch der umgekehrte Weg denkbar gewesen: „Ich hätte mir vorstellen können, in die DDR zu ziehen.“ Er erkundigte sich sogar an der Universität Halle, ob es dort für ihn als Mathematiker eine Stelle gäbe – jedoch ohne Erfolg.
Anke wiederum wollte in der DDR bleiben. Sie hatte ein Studium der sozialistischen Ökonomie in Merseburg abgebrochen und arbeitete ungelernt in einer Bibliothek in Halle. Sie war Teil der friedlichen Revolution, viel in Halle (an der Saale) und Leipzig auf Demonstrationen unterwegs. Die Vervielfältigungsmaschine in der Bibliothek leistete bei ihrem Engagement wichtige Dienste. „Ich fand dieses Land eigentlich tausendmal spannender als die Bundesrepublik“, erklärt sie.
Auch Holger war im Herbst 1989 in Halle bei Demonstrationen dabei und saß in überfüllten Kirchen, in denen Forderungen formuliert wurden. „Ich habe da die Klappe gehalten“, sagt er. Als Westdeutscher wollte er nur zuschauen, nicht mitreden.
Der Mauerfall: getrennt erlebt, gemeinsam ungläubig
Die Öffnung der Grenze am 9. November 1989 erlebten beide getrennt in Ost und West. Anke saß mit Freunden in der „Taverne“ in Halle. „Und dann kam irgendjemand rein und meinte, die Mauer ist auf. Und keiner hat’s geglaubt. Es war völlig irreal“, schildert sie. Erst durch das Fernsehen wurde die Nachricht bestätigt.
Holger war zu Besuch bei einem befreundeten Ehepaar in Hildesheim – ausgerechnet bei zweien, die selbst eine deutsch-deutsche Geschichte hinter sich hatten. Sie hatten sich schon zwei Jahre zuvor ineinander verliebt, im Osten geheiratet und zusammen gelebt, waren dann aber in den Westen ausgereist. „Und die Frau durfte seitdem ja nicht mehr ihre Familie und ihre Freunde im Osten besuchen.“
Grenzer auf der Berliner Mauer und Menschenmassen davor am Brandenburger Tor während des Mauerfalls.
© imago stock&people
Auch für sie änderte der 9. November 1989 alles. „Bei denen war ich an dem Abend zu Besuch. Da rief ein Freund an und sagte: Macht mal den Fernseher an. Das glaubt ihr nicht, was ihr da seht! Und dann haben wir das gesehen und waren wirklich völlig von den Socken“, erzählt Holger. „Am nächsten Morgen habe ich mir wirklich die Finger wund gewählt, um Anke in ihrer Bibliothek zu erreichen – aber das hat nicht geklappt.“
Überfordert vom Überfluss im Westen
Ende November 1989 feierte Holger seinen Geburtstag in Ostberlin, in einer Wohnung in Köpenick. Das hatte er schon vor dem Mauerfall geplant, um mit allen seinen Freunden, aus Ost und West, feiern zu können. Eine Woche später kamen alle nach Sibbesse, um den Geburtstag noch einmal zu feiern – auch Anke. „Das war meine erste Reise in den Westen. Ich habe mir hier auch in Sibbesse auf der Post meine 100 Mark Begrüßungsgeld abgeholt. Da war ich zusammen mit einem Freund die Einzige.“
Was die Ostlerin überwältigte, war nicht der Konsum. „Ich habe im Osten nicht die Bananen vermisst und auch nicht, dass ich nicht nach Paris reisen konnte. Mich hat eher gestört, was sie uns eingetrichtert haben überall. Das wollte ich nicht mehr.“
Doch diese Fülle, dieser Überfluss an Produkten, eine Auswahl von 20 verschiedenen Joghurts – das habe sie völlig überfordert, sagt Anke. „Ich bin ohne Westfernsehen und ohne West-Verwandtschaft aufgewachsen, ich kannte nichts.“
Wirklich angetan und beeindruckt war sie von der hippieartigen Wohngemeinschaft, in der Holger zusammen mit dem Puppenspieler Uwe und der Hebamme Claudia genau in dem bäuerlichen Fachwerkhaus lebte, das später das Zuhause des Ost-West-Paares wurde: „Alle waren so nett und alles war so unkompliziert.“
Der Plan war zuerst: eine bessere DDR zu schaffen
Anke blieb dann erst einmal in Halle und Holger in Sibbesse. „Das war ja dann auch kein Thema. Wir konnten uns ja besuchen an den Wochenenden.“ Entweder kam Holger zu ihr oder sie fuhr zu ihm nach Niedersachsen. „Ich habe ja auch dran geglaubt, dass mit dieser DDR noch irgendwas anderes passiert. Also, ich wollte nicht weg aus diesem Land, ich fand diese Wendezeit wahnsinnig spannend.“
Daher sei ein Umzug über den ganzen Winter hinweg überhaupt kein Thema gewesen. „Im März war dann diese Wahl, und zu diesem Zeitpunkt sind diese Illusionen von einer anderen DDR zerbröselt. Dass es eben doch kein anderes Land wird, ein Land, das wir so wollten. Sondern mehr so einen Anschluss an diese BRD. Da kam dann auf einmal erst die Idee auf: Dann kann ich auch im Westen wohnen.“
Ankommen als Herausforderung: Zweifel statt Triumph
Im Herbst 1990 zog Anke nach Sibbesse. „Ich wollte aber nicht nur die Frau an Holgers Seite sein, sondern ich wollte hier schon auch was zu tun haben.“ So begann sie in Hildesheim ein Studium der Sozialpädagogik.
Als erste Ostdeutsche an ihrer Fachhochschule stieß sie zunächst auf viele Klischees. „Du sprichst ja gar nicht Sächsisch“, wunderten sich manche. Es begann eine Zeit der Verunsicherung. „Da ist mir so ganz klar geworden, wie unterschiedlich wir sozialisiert wurden. Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass ich überhaupt nichts weiß, und alle anderen alles wissen“, erinnert sie sich.
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Bücher und Autoren, die für die anderen selbstverständlich waren, kannte sie nicht. Zeitweise wollte sie alles hinschmeißen. Holger und die Freunde in der WG richteten sie auf und schenkten ihr auch ein Buch über die Geschichte der Bundesrepublik, damit sie sich informieren konnte.
Heute sagt Anke, es sei damals weniger um fehlendes Wissen gegangen als um das selbstbewusste Auftreten. „Diese Selbstdarstellung – das konnten die Menschen im Westen besser als wir“, lautet ihr Fazit. Holger widerspricht dem Überlegenheitsgefühl mancher Westdeutscher ausdrücklich – für ihn zählen nicht die Herkunft oder die Bildung, sondern der Charakter eines Menschen.
Im Frühling 1991 erlebte Anke plötzlich einen absurden Rollentausch. Bei einem Praktikum im gerade entstehenden Sozialamt in Halle galt sie plötzlich als „die Westfrau“, von der die Mitarbeiter aus der gerade abgewickelten DDR Antworten erwarteten – nach nur einem halben Jahr Studium.
Eine Familie zwischen Ost und West – auch heute noch
Die Ereignisse überschlugen sich auch privat. Schon im Sommer 1991 kam Sohn Peer zur Welt, im Dezember 1992 heirateten Anke und Holger, im Mai 1993 folgte Hauke. Ost-West-Prägungen spielten in der Erziehung nach beider Einschätzung kaum eine Rolle – deutlicher wurden Unterschiede bei den Großeltern.
Für die Söhne selbst war die deutsche Teilung nie ein bestimmendes Thema. Sie wuchsen mit beiden Welten auf – mit ihren Großeltern an der Ostsee und an der Nordsee. „Das war für beide auch eine Bereicherung“, sagt Holger.
Dieses Bild zeichnete Alfrun, die Tochter der Ostberliner Freundin des Paares, zur Hochzeit von Holger und Anke 1992.
© Holger Schütte
Heute sind die Kinder aus dem Haus, und das Paar lebt immer noch zufrieden auf dem schönen Resthof in Sibbesse. Geblieben sind ihre gemeinsamen Interessen – das Beackern ihres großen Naturgartens, das Reisen von Norwegen über Schottland bis nach China, Bücher, gemeinsames Puzzeln und die Besuche bei Holgers weltweiten Brieffreundschaften, die er auch nach Russland und die Ukraine hält.
Der ältere Sohn, Naturwissenschaftler wie sein Vater, ist vor kurzem nach Sachsen-Anhalt gezogen, also zurück in den Osten. „Aber ihm geht es dort einfach nicht gut“, erzählt Anke, die ja ebenfalls lange in Sachsen-Anhalt lebte. „Auch nach dem Wahlsieg der AfD. Mein Sohn hatte eine Regenbogenfahne auf dem Balkon gehisst, so wie es die Studenten in Braunschweig auch alle tun. Die haben sie ihm runtergerissen und dann in der nächsten Nacht einen Aschenbecher gegen die Balkontür geschmissen. Er findet das bedrückend und erwägt, wieder wegzugehen.“
Anke hängt noch sehr an ihrer alten Heimat Usedom. „Wenn ich über die Peene fahre, geht mir das Herz auf“, sagt sie. Sie überlegt mit Holger immer mal wieder, ob sie mal dorthin zurückziehen, wenn sie Rentner sind. Ihre Entscheidung werde auch von der politischen Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern abhängen, erklären die beiden.
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