Ost-West-Unterschiede

Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser: „Aufstieg darf nicht vom Elternhaus abhängen“

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die Deutschen wollen Leistung und Bildung als Aufstiegsschlüssel – sehen aber Vermögen und Beziehungen als entscheidend.

Jacqueline Albrecht
5 Min
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung Elisabeth Kaiser (SPD).

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung Elisabeth Kaiser (SPD).

© Christian Ditsch/epd

36 Jahre nach der Wiedervereinigung geht es im neuen Bericht der Ostbeauftragten um eine alte Frage: Wie viel hängt im Leben davon ab, woher jemand kommt? Elisabeth Kaiser (SPD) stellte am Mittwoch den Bericht „In Bewegung bleiben“ vor. Im Mittelpunkt steht das Aufstiegsversprechen und die Frage, ob Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, sich aus eigener Kraft etwas aufzubauen.

Die Zahlen des Deutschland-Monitors, die im Bericht herangezogen worden, zeigen eine deutliche Lücke. 95 Prozent der Befragten finden, dass Leistung und Fleiß für gesellschaftlichen Aufstieg zählen sollten, 91 Prozent nennen Bildung und Ausbildung. Als tatsächlich entscheidend werden dagegen häufiger Vermögen und Beziehungen (je 80 Prozent) sowie die soziale Herkunft (72 Prozent) wahrgenommen. Leistung und Fleiß kommen in dieser Einschätzung auf 69 Prozent.

„Das Aufstiegsversprechen darf nicht davon abhängen, wieviel die Eltern verdienen, was man erbt oder wen man kennt“, sagte Kaiser bei der Vorstellung. Entscheidend müsse sein, „was man kann, was man leistet und welche Möglichkeiten man hat, daraus etwas zu machen“. Genau dafür brauche es laut ihr „gute Bildung, gute Arbeit und einen Sozialstaat, der Sicherheit gibt, wenn Menschen etwas wagen“.

Weniger Menschen wollen „nach oben“

Dabei ist sozialer Aufstieg für die Deutschen nicht automatisch das wichtigste Lebensziel. 38 Prozent halten einen persönlichen gesellschaftlichen Aufstieg für wichtig oder sehr wichtig. Nur ein Viertel wäre bereit, dafür hohe Belastungen in Kauf zu nehmen. Zugleich wollen 87 Prozent Beruf und Privatleben gut miteinander vereinbaren können.

Eine große Mehrheit hält gleiche Aufstiegschancen für wichtig, tatsächlich überzeugt ist davon aber nur etwa die Hälfte. Der Deutschland-Monitor zeigt zudem: Gerade jüngere Menschen sind aufstiegsorientierter. Wo Aufstieg als realistisch wahrgenommen wird, ist auch der Wunsch danach größer.

Der Blick auf die Zukunft fällt dagegen skeptisch aus. Rund 70 Prozent sagen, dass es in der Generation ihrer Eltern mehr Auf- als Abstiege gegeben habe. Für die Gegenwart sehen das nur 22 Prozent so. Zwei Drittel glauben zudem nicht, dass es kommenden Generationen besser gehen wird.

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Ost und West: ähnliche Wünsche, andere Ausgangslagen

Kaiser verbindet die Ergebnisse ausdrücklich mit den fortbestehenden Unterschieden zwischen Ost und West. Die Wünsche der Menschen in Ost und West seien ähnlich, die Möglichkeiten aber nicht überall gleich – etwa bei Einkommen, Eigentum und Vermögen.

Der Bericht verweist darauf, dass es in der DDR kaum privaten Vermögensaufbau gab und unterschiedliche Erwerbs- und Vermögensbiografien bis heute nachwirken. Nach aktuellen Zahlen lag das durchschnittliche Netto-Gesamtvermögen je Haushalt 2023 in Ostdeutschland bei 125.500 Euro, in Westdeutschland bei 257.100 Euro. Beim Immobilienvermögen waren es 97.800 Euro gegenüber 214.500 Euro.

Kaiser will deshalb auch die Verteilung von Erbschaften zum Thema machen. Sie brachte einen finanziellen Ausgleich zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Erbschaftsteueraufkommen ins Gespräch. Wenn große Erbschaften stärker besteuert würden, sollten davon nicht nur Länder profitieren, in denen besonders viel vererbt wird. 2025 entfielen 95 Prozent des Werts der steuerlich erfassten Erbschaften und Schenkungen auf die westlichen Bundesländer.

Bei der Pressekonferenz ging Kaiser noch einen Schritt weiter: Man müsse über die Idee eines „Grunderbes“ diskutieren. Gemeint ist ein staatlicher Startbetrag für alle 18-Jährigen, der etwa für Ausbildung oder den Aufbau von Vermögen genutzt werden könnte. Auch Finanzbildung und frühe Möglichkeiten des Vermögensaufbaus sieht sie als Instrumente für mehr Chancengleichheit.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), stellte am Mittwoch den Jahresbericht 2026 mit dem Titel "Im Bewegung bleiben" vor.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), stellte am Mittwoch den Jahresbericht 2026 mit dem Titel "Im Bewegung bleiben" vor.

© Christian Ditsch/epd

Mehr Ostdeutsche in Führungspositionen

Der Bericht nimmt auch die Frage in den Blick, wer in Deutschland an wichtigen Stellen entscheidet. Der Anteil der Ostdeutschen unter den Führungskräften der obersten Bundesbehörden ist 2026 auf 16,3 Prozent gestiegen. 2022 waren es 13,9 Prozent. Kaiser sprach von einem „guten Fortschritt“. Gleichzeitig gilt laut Bericht weiterhin: Je höher die Führungsposition, desto geringer der Anteil Ostdeutscher.

Auch bei der Bildung setzt der Bericht an. Das Startchancen-Programm unterstützt bundesweit rund 4.000 Schulen, darunter mehr als 560 in Ostdeutschland. Die Idee dahinter: Wer früh bessere Bildungs- und Startbedingungen erhält, soll später bessere Chancen auf Ausbildung, Arbeit und eigenen Vermögensaufbau haben.

„Die letzten Wochen waren eine Zäsur“

Die Vorstellung des Berichts fällt in eine politisch aufgeladene Zeit. Besonders der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt beschäftigt Kaiser. Bei der Landtagswahl am 6. September wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft; sie verfügt über 39 der 83 Sitze und verfehlte damit die absolute Mehrheit. Die CDU auf Platz zwei kam auf 17,2 Prozent.

„Die letzten Wochen waren eine Zäsur“, sagte Kaiser. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt sprach sie von einem besonderen Einschnitt. Die Frage müsse auch sein, warum die AfD dort so viel Zustimmung bekomme. Kaiser verwies dabei auf soziale und wirtschaftliche Erfahrungen: Wenn Menschen den Eindruck hätten, dass ihre Chancen ungerecht verteilt seien und sie politisch nicht vorkämen, könne dies Unzufriedenheit verstärken.

Gleichzeitig warnte sie vor den Folgen des Wahlergebnisses für das Bild Ostdeutschlands nach außen. Internationale Unternehmen seien auf Fachkräfte und politische Stabilität angewiesen. Ostdeutschland müsse deshalb stärker als Region mit Zukunftschancen wahrgenommen werden.

Kaiser will den Blick weg von einem reinen Defizit-Narrativ lenken. Ostdeutschland sei nicht mehr nur „Aufholregion“, heißt es auch im Bericht, sondern eine „Aufstiegs- und nicht Aufholregion“. Der Bericht verweist auf Industrie, Forschung und Zukunftstechnologien.

Fast genau 36 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands wird die Frage lauter, wieso überhaupt noch eine Ostbeauftragte nötig ist. Kaiser entgegnet dieser Frage mit: „Solange es strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West gibt, solange braucht es dieses Amt.“.

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