Ostdeutsche fühlen sich vom Aufschwung abgekoppelt

Die Revolution frisst ihre Macher

Boris Herrmann
3 Min

BERLIN. Gunnar Winkler sagt, er sei alles in allem zufrieden mit seinem Leben. Er ist 1931 geboren und lebt in Bernau. Er wäre ein gutes Beispiel für einen jener ostdeutschen Senioren, die der gestern vorgestellte "Sozialreport 50plus" mit statischen Methoden zu erklären versucht. Allerdings hat Winkler als Präsident des Sozialverbandes Volkssolidarität die Studie selbst in Auftrag gegeben. Er spricht lieber über den Ostdeutschen allgemein als über sich selbst.Den unzufriedenen Ostdeutschen als solchen gibt es nicht. Das vielleicht als gute Botschaft vorneweg. Zufriedenheit ist ein Gefühl, und Gefühle hängen eben nicht nur mit den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen, sondern auch mit individuellem Glück. Mit einer erfüllten Ehe, gesunden Kindern, einem hübschen Vorgarten. Was das angeht, herrscht in West wie Ost weitestgehend Chancengleichheit. Gleichwohl belegt der mittlerweile neunte Seniorenreport aber auch eine wachsende Unzufriedenheit, die sich an dem Gefühl festmacht, dass sich der soziale Angleichungsprozess verlangsamt hat. Nach einem raschen Anstieg der allgemeinen Zufriedenheit in den neuen Bundesländern zu Beginn der 90er-Jahre, sind heute nur noch 43 Prozent der Ostdeutschen über 50 Jahren mit ihrem Leben zufrieden. Unter den Arbeitslosen waren zur Jahrtausendwende 20 Prozent unzufrieden. Heute sind es doppelt so viele."Der konjunkturelle Aufschwung und die eingeleiteten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen haben die Älteren in Ostdeutschland bisher so gut wie nicht erreicht", sagte Winkler. Auf Nachfrage schränkte er allerdings ein, dass die Befragung von 1 020 Bürgern bereits im Juni dieses Jahres vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg durchgeführt wurde, also noch bevor der SPD-Vorsitzende Kurt Beck sich aufmachte, das Land mit neuer gefühlter Gerechtigkeit zu beglücken.Unabhängig davon besteht laut Winkler die Tragik der 50- bis 70-Jährigen im Osten darin, dass sie 1989 maßgeblich die Wende in der DDR eingeleitet hätten und heute als ihre maßgeblichen Verlierer dastünden. Elf Prozent der Erwerbstätigen über 50 lebten 2007 in Armut, bei den Rentnern sind es gar 29 Prozent. Die Revolution frisst in diesem Fall also nicht ihre Kinder, sondern ihre Macher. Das wirkt sich offenbar stark auf die Beurteilung der Zukunft aus. Nur zwei Prozent der Befragten über 50 erwarten sich Verbesserungen. Auch was die Arbeitschancen angeht, ist mit steigendem Alter eine erschreckende Desillusionierung zu beobachten. So würden 48 Prozent der Menschen bis 25 Jahren dem Satz zustimmen: "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit." Bei den 50- bis 54-Jährigen sind es gerade einmal fünf Prozent."Soziale Zufriedenheit hat auch eine Auswirkung auf die geistige und politische Orientierung der Menschen", sagt Bernd Niederland, der Geschäftsführer der Volkssolidarität. Und die Zahlen der Studie lassen sich ja auch nicht anders deuten, als dass es im Osten weiterhin reichlich fruchtbaren Boden für Protestparteien aller Art gibt. 47 Prozent der Rentner in den neuen Bundesländern stimmen der Aussage voll zu, dass es in Deutschland zu viele Ausländer gibt, obwohl - oder vielleicht gerade weil - sie in jenem Teil des Landes leben, wo der Ausländeranteil nur knapp über der Grenze des Messbaren liegt.------------------------------Grafik: Wie bewerten Sie heute Ihre eigene wirtschaftliche Lage? (1992-2007)

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