Das Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann, einem Literaturprofessor aus Leipzig, ist sofort nach seinem Erscheinen zum Bestseller geworden. Und eröffnet eine neue Debatte über ostdeutsche Identität. Gibt es sie überhaupt? Was macht sie aus? Verbergen Menschen, dass sie aus dem Osten kommen? Sind sie stolz drauf? Die Berliner Zeitung lässt Menschen mit Ost-Biografie zu Wort kommen. Wollen auch Sie von Ihrer Erfahrung berichten? Wir freuen uns über Zuschriften an [email protected]. Dieser Text stammt von unserem Leser Karsten Zeidler und ist ein Beitrag zur Debatte.
Ich bin in Frankfurt (Oder) geboren. Die Wende erlebte ich in Berlin und stand dieser aufregenden Zeit positiv gegenüber. Ich hatte das Gefühl, dass die DDR so, wie sie damals war, keine Zukunft haben würde. Im Frühjahr 1990 wurde mir immer klarer, dass die angelaufene Entwicklung zu hastig, ja unkontrollierbar geworden war.
Schon bald kamen aus der Altbundesrepublik diejenigen, die es in ihrer Heimat nicht ganz nach oben geschafft hatten. Die vielleicht sogar gut, aber im Westen eben nur zweite Wahl waren: Politiker, Geschäftsleute, Sportfunktionäre. Und es kamen die, die die Leichtgläubigkeit der Noch-DDR-Bürger ausnutzten.
Zum Autor
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Keine Vorbehalte wegen meiner Ost-Herkunft
In den 90ern hatte ich keinen nennenswerten Kontakt mit Menschen aus den alten Bundesländern. Das änderte sich um das Jahr 2000. Ich trat eine neue Arbeitsstelle in einem Planungsbüro an. Lage: nähe Kurfürstendamm. Chef: auffallend gut gekleidet, jovial, etwas großspurig – mehr West-Klischee ging nicht. Von seiner Ost-Biografie habe ich erst ein paar Wochen später erfahren. Zu spüren bekam ich auch seinen distanzierten Führungsstil und seine ausgeprägte „Hire-and-Fire-Mentalität“.
Meine Kollegen kamen sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen Deutschlands. Nie hatte ich das Gefühl, dass bei unserer Zusammenarbeit die Herkunft eine Rolle spielte. In dieser Zeit begann ich, parallel zu meinem Bürojob an einer Dissertation zu arbeiten. Ich promovierte 2008 an der TU München. Meine Doktormutter und die anderen Gutachter kamen aus den alten Ländern. Immer wieder reiste ich nach München, hielt zum Beispiel einen Vortrag vor Studierenden – mehrheitlich aus Oberbayern. Auch bei diesen Begegnungen sind mir keine Vorbehalte wegen meiner Ost-Herkunft aufgefallen.
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Ein friedlicher und respektvoller Umgang ist wichtig
Vor bald zwanzig Jahren habe ich mich mit zwei Kollegen selbstständig gemacht. Beide kommen aus den alten Bundesländern. Wir haben etwa 20 Angestellte. Mindestens doppelt so viele Angestellte sah ich kommen und das Büro wieder verlassen. Im Büro hatte ich noch nie das Gefühl, dass es zwischen Kollegen aus Ost und West Vorbehalte gibt.
Grenzen zwischen Kategorien beginnen zu verschwimmen. Im Büro haben wir zwei Kollegen, die seit langen Jahren in Ost-West-Beziehungen stehen und Eltern geworden sind. Eine andere Kollegin ist im Vorschulalter mit ihren Eltern von West nach Ost gezogen und weitgehend im Osten aufgewachsen. Ist sie jetzt Wessi oder Ossi (ich mag diese Begriffe nicht besonders)?
Im teils stressigen Büroalltag haben wir anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Das Wichtigste ist für mich, dass wir dabei freundlich und respektvoll miteinander umgehen. Ich habe kaum das Bedürfnis, meine Kollegen mit West-Biografie zu fragen, wie sie über meine Ost-Biografie denken oder über Geschehnisse, die mehr als 30 Jahre zurückliegen.
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Menschen aus den alten Ländern sollten mehr Fragen stellen
Grob geschätzt habe ich an 100 Vorstellungsgesprächen teilgenommen. Neue Mitarbeiter wurden und werden immer nach Eignung eingestellt. Meine beiden Gesellschafter haben nie angeregt, jemanden wegen seiner West-Herkunft einzustellen – auch nicht bei gleicher Eignung zweier Bewerber.
Schließlich wären da noch unsere Auftraggeber: Auch bei denen ist mir nie aufgefallen, dass sie meine beiden Chef-Kollegen für kompetenter halten würden.
Meine Biografie eignet sich also nicht, Differenzen zwischen Alt- und Neubundesbürgern zu belegen. Natürlich nehme ich über Medien und durch Berichte von Menschen in meinem Umfeld wahr, dass es diese Differenzen durchaus gibt. Daher habe ich einige Wünsche an die Art und Weise, wie Menschen aus Ost und West miteinander umgehen.
Ich denke, Menschen aus den alten Ländern sollten mehr Fragen stellen, sich weniger sicher sein, schon alles über die DDR zu wissen. Allen im Osten Geborenen sollte dabei bewusst sein, dass schon in der Altbundesrepublik über viele Jahre ein mediales Bild von der DDR gezeichnet wurde. Nach der Wende war und ist es immer noch schwierig, dieses Bild bei den Westgeborenen zu relativieren.
Dass es eine Ostidentität gibt, steht für mich außer Frage
So scheint es für viele Menschen in den alten Ländern unvorstellbar, dass es im Osten auch einen Alltag jenseits des Politischen gab. In dieser Sichtweise werden sie nach meinem Eindruck in gesellschaftlichen Diskursen sowie in Kultur und Kunst mit DDR-Bezug eher noch bestärkt.
Menschen mit Ostherkunft sollten versuchen, offen und selbstbewusst mit ihrer Biografie umzugehen, auch wenn das je nach persönlichem Umfeld schwerfällt. Einen Grund für Zurückhaltung, für Verunsicherung oder gar Scham gibt es keineswegs.
Dass es eine Ostidentität gibt, steht für mich außer Frage. Diese ergibt sich aus der Sozialisierung in der DDR und dem Erleben zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme. Letzteres sehe ich als Privileg und wertvolle Erfahrung.
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