Open Source

Ostsee-Krimi: Das Minensuchboot M 1026 und sein dubioses Schicksal

Auf dem Ufer der Insel Dänholm liegt seit vielen Jahren ein Kriegsschiff. Aber warum? Und wie kam es dahin? Und was hat eine Berliner Firma damit zu tun?

Peer Schmidt-Walther
6 Min
Minensuchboot „Schütze“ unter der Rügengrabenbrücke in Stralsund

Minensuchboot „Schütze“ unter der Rügengrabenbrücke in Stralsund

© Stefan Sauer

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Wer täglich über die Ziegelgrabenbrücke fährt oder unter ihr hindurch, sieht seit 15 Jahren auf dem Ufer der Insel Dänholm ein graues Boot liegen und wundert sich zusehends. Man ahnt es: Dahinter verbirgt sich eine kurios-dubiose Geschichte.

Dreißig wurden von ihnen zwischen 1958 und 1963 zu einem Stückpreis von 7,33 Millionen DM von verschiedenen Werften an Weser und Trave gebaut. Bis 1995 waren sie im Einsatz, nachdem die ersten bereits 1973 außer Dienst gestellt wurden. Die Grundkonzeption des schnellen Minensuchboote geht auf bereits im Zweiten Weltkrieg entwickelte Räumboote zurück, die auch als Minenleger und -räumer eingesetzt wurden. Die Boote bekamen alle die Namen von Sternbildern und Himmelskörpern.

Das Minensuchboot M 1062 waren namensgebend für die Schütze-Klasse, besonders für ihre innovative Bauweise und vielseitige Verwendbarkeit bekannt.

Zwei Mercedes-Benz-Motoren von jeweils 2250 PS

„Schütze“ hatte die taktische Kennung M 1062, war 47,40 Meter lang, 7,20 Meter breit und hatte bei einer Verdrängung von 280 Tonnen maximal 2,20 Meter Tiefgang. Zwei Maybach- bzw. Mercedes-Benz-Dieselmotoren von jeweils 2250 PS  sorgten für eine Geschwindigkeit von 24 Knoten.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Über die Vebeg (Verwertungsstelle des Bundes) wurden dann ab 1973 die ersten außer Dienst gestellten Boote verkauft. Zum Teil wurden sie abgewrackt, zum Teil von privaten Käufern als Yachten oder Wohnboote weiter genutzt oder dienten als Heimboote für Marinekameradschaften. Oder wie „Frauenlob“ als Übungshulk für die MTS Parow.

Ein Boot hat eine etwas besondere Geschichte: die „Schütze“. 2006 wurde sie im ehemaligen Volksmarine-Hafen Peenemünde-Nord aufgelegt. Nach der Wende lagerte man hier Minensucher, Schnell- und Küstenwachboote der Volksmarine zwischen, bevor sie verkauft oder verschrottet wurden. Ein weiteres Boot konnte gerettet werden, das als „Independia“ in Stralsund lag und später in der Adria als luxuriöses Taucherschiff kreuzte – mit Heimathafen Stralsund. Wo sie heute liegt, ist nicht zu ermitteln gewesen.

Für die „Schütze“ interessierten sich damals ein paar Berliner Enthusiasten, die das Boot kaufen wollten. Erst mal gründeten sie den Verein „MS Schütze“ e. V. mit dem Ziel, das Boot wieder flott, sprich fahrfähig zu machen. Das Gegenteil trat ein: der Oldtimer ging infolge von Wassereinbruch auf Grund, blockierte den Hafen und musste gehoben und abgedichtet werden, um Umweltschäden zu vermeiden. Das gelang zwar, ein Restrisiko blieb jedoch, denn der Rumpf hatte seine Lebensdauer erreicht und war marode. Dazu liefen Kosten auf, die nicht bezahlt werden konnten.

Das Schicksal des Minensuchbootes „Schütze“ ist und bleibt ungewiss.

Das Schicksal des Minensuchbootes „Schütze“ ist und bleibt ungewiss.

© Stefan Sauer

Alarmglocken schrillten

In einer geheimen Nacht- und Nebelaktion – ohne Positionslichter zu führen - flüchteten 2008 Vereinsmitglieder 2008 mit ihrer „Schütze“ durch Peenestrom und Greifswalder Bodden nach Stralsund. Dort machte man sie im ehemaligen Fischereihafen an der Rügen- und Ziegelgrabenbrücke in der passenden Nachbarschaft einiger Kutterwracks fest. Monatelang passierte nichts. Doch die Gefahr kam mit „Väterchen Frost“, der den Hafen gefrieren ließ. Eis drückte gegen den Holzrumpf, aber man machte sich in Berlin keine Sorgen. Eine Lenzpumpe sorgte doch dafür, dass Regenwasser und durch Holzritzen eindringendes Seewasser aus dem Rumpf gepumpt wurde. Als der zuständige Hafenmeister im Januar 2010 im Krankenhaus lag, hatten Diebe ein leichtes Spiel und stahlen die Lenzpumpe.

Doch alsbald überschlugen sich die Ereignisse: „Schütze“ nahm wieder Wasser und neigte sich zur Seite. Bei den zuständigen Behörden schrillten die Alarmglocken. Der Verein wollte tätig werden, doch die Ämter verboten das „wegen des möglichen Austritts von Ölrückständen“.

Nachdem das Wasser- und Schifffahrtsamt entsprechende Bergungsangebote eingeholt hatte, erging schließlich gegen den Eigner eine Bergungsverfügung, der er allerdings nicht nachkam. Ein Jahr verging. Nachdem der Strelasund endlich eisfrei war, nahm das Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund die Bergung „im Rahmen einer Ersatzvornahme für den Eigner“ vor. Weil das Boot zunehmend zur Gefahr für Schifffahrt und Umwelt wurde, beauftragte das Amt Taucher einer Rostocker Firma mit der Bergung. Ein Kran rückte an und nahm „Schütze“ an den Haken.

Bergungskosten von mehr als 100.000 Euro

Die Kosten für die Bergung in Höhe von mehr als 100.000 Euro sollte der Besitzer tragen. Nach Ansicht des Amtes ist das der Verein. Als es darum ging, die Kosten für die Bergung zu übernehmen, wollte der jedoch von einem Besitz des Bootes nichts mehr wissen.

Laut Schiffsregister hat die Berliner Firma Code-A-Phone die „Schütze“ schon vor einigen Jahren gekauft. Firmenvorstand Heinz Müller ist auch Mitglied im MS Schütze e.V. „Das heißt aber nicht, dass wir als Verein auch Besitzer der ,Schütze' sind“, sagte er damals. Wem das Boot letztendlich gehöre, sei nicht klar und Bestandteil einer bis heute nicht abgeschlossenen Gerichtsverhandlung.

Dennoch drehte der Verein den Spieß um und zeigte die zuständige Behörde in Stralsund an. Es laufe eine Schadenersatzklage, weil „Schütze“ nie gesunken wäre, wenn das Abpumpen des Wassers erlaubt worden wäre, hieß es damals.

Nächste Frage: Hätte der Verein nicht schon viel früher reagieren müssen? Das wurde von dort zurückgewiesen, denn der Verein wollte alles Notwendige getan haben. Müller beklagte sich, dass seine Vereinsmitglieder die „Schütze“ nicht hatten leerpumpen dürfen. Als sie dann gesunken war, wäre es zu teuer gewesen.

Auf Nachfragen wird heute seltsamerweise von allen Seiten Stillschweigen gewahrt. Die Hansestadt Stralsund verweist auf privaten Grund und Boden, ebenso das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee in Stralsund. Neue Informationen sind nicht zu erhalten. Das Schicksal von „Schütze“ ist und bleibt ungewiss. Hin und wieder sieht man sie im Fernsehen, wenn der „Stralsund-Krimi“ durch deutsche Wohnstuben flimmert.

Das ehemals schnittige graue Boot verfällt vor einer unansehnlichen Brandruinen-Kulisse. Immerhin auf der zwischen Stralsund Rügen liegenden Insel Dänholm, der „Wiege der Deutschen Marinen“ von 1848 mit ehemaligen Kasernen der Ausbildungseinheiten von Kaiserlicher, Reichs-, Kriegs-, Volks- und Bundesmarine. Das dortige Marinemuseum gibt dazu einen historischen Überblick. Mit dem, wie es aussieht, endlosen Krimi in der Nachbarschaft.

Peer Schmidt-Walther ist Schifffahrts- und Reisejournalist, Buchautor und Hochschul-Dozent für Maritimen Tourismus. Zuvor war er als Presseoffizier (Kapitänleutnant d.R. a.D.) tätig.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner