Weihrauch liegt in der Luft. Im Magdeburger Dom drängen sich die Menschen nach vorne, Sitzplätze gibt es längst keine mehr. Irgendwo raschelt ein Programmheft, ansonsten herrscht andächtige Stille. In den ersten Reihen sitzt dicht an dicht die Prominenz von Kirche und Landespolitik: Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), Kulturminister Rainer Robra (CDU), Ex-Ministerpräsident Rainer Haseloff (CDU), Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) und viele weitere Ehrengäste. Daneben eine Schulklasse, jede Menge Pressevertreter und Hunderte Menschen, die gekommen sind, um einem Kaiser die letzte Ehre zu erweisen. Denn fast 1000 Jahre nach seinem Tod wird Otto der Große an diesem Tag in Magdeburg erneut zur Ruhe gebettet.
Dass die Ruhe des römisch-deutschen Kaisers überhaupt gestört werden musste, hatte einen schlichten, aber dringlichen Grund: Sein Grab war in Gefahr. Frühere Eingriffe hatten den Sarkophag beschädigt, die Konstruktion war zunehmend instabil geworden. 20 Monate lang wurde das Grab saniert, die Gebeine untersucht, die Grabbeigaben analysiert. Und dabei kamen Erkenntnisse ans Licht, die Wissenschaftler noch Jahre beschäftigen werden. Die wichtigste vorab: „Es ist uns gelungen zu beweisen, dass Otto Otto ist“, sagt Prof. Dr. Harald Meller, Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Was banal klingt, ist es nicht – denn dass in einem Kaisergrab tatsächlich der Kaiser liegt, ist keineswegs selbstverständlich.
Für Magdeburg ist dieser Tag mehr als ein wissenschaftlicher Abschluss einer archäologischen Untersuchung. „Ich bin heute aufgestanden mit dem Wissen, einen unvergesslichen Tag in unserer Stadtgeschichte mitzuerleben“, sagt Oberbürgermeisterin Simone Borris. Ihr Gesicht trägt, was sich schwer in Worte fassen lässt: Stolz, Staunen, vielleicht auch ein leises Gefühl von Verantwortung. Die Festrede hält Staatsminister Dr. Wolfram Weimer, der den Dom als das beschreibt, was er an diesem Tag spürbar ist – ein sakraler Raum, in dem die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit sich auflöst.
Sven Schulze (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, spricht im Magdeburger Dom zu den Gästen der Wiederbeisetzung von Kaiser Otto dem Großen.
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Ein Gottesdienst für Otto
Bevor der neue Titansarg seinen Weg antritt, ist es zunächst ein klassischer, ökumenischer Gottesdienst, der die Feierstunde eröffnet. Weihrauch zieht durch das Kirchenschiff, es folgen die Predigt, gehalten von Bischof Dr. Gerhard Feige, Psalmen, lateinische Passagen und immer wieder Sprechchöre aus dem Publikum.
Auffällig ist allerdings auch, wer an diesem Tag nicht in der ersten Reihe sitzt: Auch Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag, ist erschienen – im blauen Anzug steht er am Rand und beobachtet die Zeremonie. Statt unter den Ehrengästen findet er sich jedoch zwischen den übrigen Besuchern und der Presse wieder.
Bei den Fürbitten, gesprochen von Dr. Friederike Maier, senkt sich die Stimmung noch tiefer ins Andächtige. Gebetet wird für alle, die glauben und durch die Taufe zu Gott gehören, für die Kirchen im Land, für eine glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums – und dafür, den Glauben in Freiheit leben zu können. Tillschneider blickt dabei andächtig zu Boden. Gebetet wird auch für alle, die Verantwortung in Stadt und Land tragen, für alle, die in ihrer Rolle ein Vorbild sind, und für ein gerechtes und solidarisches Miteinander. Und schließlich für alle Menschen in Not, für alle, die um geliebtes Leben bangen – und für all das, was die Anwesenden in diesem Moment im Herzen bewegt: „um Kraft und Mut, unsere Welt mit Hoffnung zu gestalten“. Beim gemeinsamen Vaterunser bewegen sich auch Tillschneiders Lippen. Domprediger Jörg Uhle-Wettler hält den Segensspruch zum Ende des Gottesdienstes.
Mitarbeiter vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt heben den Sarg von Kaiser Otto in den Sarkophag.
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Kaiser Otto gehört Europa
Es folgen zahlreiche Grußworte. Wolfram Weimer stellt in seiner Festrede eine klare These in den Mittelpunkt: Otto lasse sich weder von links als Klassenkämpfer noch von rechts als „Deutschesten unter den Deutschen“ vereinnahmen. Beide Bilder, so Weimer, seien aus dem engen Winkel des 19. Jahrhunderts gedacht – und falsch. „Sie sind in erster Linie Europäer. Sie haben europäisch gedacht und gehandelt“, ruft er dem Kaiser über die Jahrhunderte hinweg zu. Es ist eine Botschaft, die an diesem Tag mehrfach anklingt. Auch Kulturminister Rainer Robra betont im Gespräch mit dieser Zeitung, Otto wäre heute keine rein deutsche, sondern eine europäische Figur: „Wenn Otto heute noch leben würde, wäre Sachsen-Anhalt zu klein für ihn.“
Zur Wegeleitung des Sarges hin zu seiner hoffentlich letzten Ruhestätte im hohen Chor setzt die Musik des Ensembles wieder ein. Vier Menschen mit weißen Handschuhen versammeln sich um den Sarg und setzen sich langsam und andächtig in Bewegung – genauso wie dutzende Kameraleute.
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Sehr lange stehen die Anwesenden so da. Eigentlich passiert nichts, während der Weihrauch mystisch durch den Raum wabert. Es folgt ein weiteres Gebet, noch mehr Weihrauch. „Der Friede sei mit dir.“ Dann ertönt die Orgel – majestätisch, bedeutungsvoll, als wolle sie das letzte Wort behalten. Begleitet von Weihrauch und Orgelklang ziehen die Geistlichen und Ehrengäste hinaus, schreiten ein letztes Mal um den Sarg herum.
Als sich der Weihrauch langsam legt, bleibt ein Grab, das für kommende Generationen gesichert ist – und ein Kaiser, der nach fast 1000 Jahren an den Ort zurückgekehrt ist, an dem er wohl schon im 10. Jahrhundert seine Ruhe fand. „Heute kehrt Otto der Große in seinen Magdeburger Dom zurück“, sagte Oberbürgermeisterin Simone Borris.
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