Schulangriff

120 Kinder im Iran getötet: Welche Rolle Palantir-KI beim US-Angriff spielte

Veraltete US-Zieldaten waren bereits im März bekannt. Neue Recherchen zeigen nun, wie Zeitdruck, Personalabbau und Palantirs KI-System Maven Teil der Fehlerkette wurden.

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Porträts der Opfer vor der zerstörten Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in Minab. Bei dem US-Angriff am 28. Februar starben 156 Zivilisten, darunter 120 Schulkinder.

Porträts der Opfer vor der zerstörten Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in Minab. Bei dem US-Angriff am 28. Februar starben 156 Zivilisten, darunter 120 Schulkinder.

© Abbas/imago

Die Veränderungen waren auf Satellitenbildern seit Jahren sichtbar: Neue Mauern und Eingänge trennten das Gelände von der benachbarten Militäranlage, auf dem Boden waren ein Fußballfeld, Spielflächen und Aufstellreihen für Schüler zu erkennen. Trotzdem führte eine zentrale Datenbank des US-Militärs das Gelände im südiranischen Minab weiterhin als Einrichtung der Revolutionsgarden.

Am 28. Februar, dem ersten Tag der gemeinsamen US-israelischen Angriffe auf den Iran, trafen zwei amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule und ihr Gelände. Nach Angaben der vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzten Untersuchungskommission starben mehr als 150 Menschen, darunter rund 120 Kinder. Bloomberg nennt auf Grundlage eigener Recherchen 123 getötete Kinder.

Wie eine seit Jahren als Schule genutzte Anlage zum Ziel des US-Militärs werden konnte, hat Bloomberg anhand von Gesprächen mit Personen rekonstruiert, die direkt an der internen Pentagon-Untersuchung beteiligt sind. Die nun veröffentlichte Recherche beschreibt eine Kette vermeidbarer Fehler: veraltete Geheimdienstinformationen, nicht aktualisierte Satellitenbilder, enormer Zeitdruck, stark verkleinerte Teams zum Schutz von Zivilisten und ein zu großes Vertrauen in künstliche Intelligenz. Die Pentagon-Untersuchung ist laut Bloomberg seit Monaten weitgehend abgeschlossen, wurde bislang aber nicht veröffentlicht.

Palantir-KI Maven führte Gelände als mögliches Ziel

Im Mittelpunkt steht das Maven Smart System des US-Unternehmens Palantir. Das KI-gestützte System führt große Mengen militärischer und geheimdienstlicher Informationen zusammen und unterstützt die Streitkräfte bei Planung und Entscheidungsfindung. Palantir selbst bezeichnet Maven als System, das im gesamten US-Verteidigungsapparat eingesetzt wird.

Die entscheidende Information über Minab war jedoch falsch. Das Gelände war in der maßgeblichen militärischen Datenbank weiterhin als Einrichtung der iranischen Revolutionsgarden klassifiziert. Diese Einstufung floss laut Bloomberg gemeinsam mit anderen möglichen Zielen in Maven ein. Am Ende gehörte der Standort zu den für den ersten Angriffstag empfohlenen Zielen.

Mitarbeiter des für den Iran zuständigen US-Zentralkommandos verließen sich nach Angaben von Personen, die an der Untersuchung beteiligt sind, teilweise darauf, dass Maven veraltete Informationen oder Widersprüche in den Daten erkennen und markieren würde. Warum diese Erwartung bestand, sei unklar, schreibt Bloomberg.

Palantir weist eine Verantwortung für den Angriff zurück. Das Unternehmen erklärte gegenüber Bloomberg, es sei nicht für die zugrunde liegenden Daten oder dafür verantwortlich, Mängel in Geheimdienstinformationen zu erkennen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Maven bei dem Angriff technisch versagt habe.

Nach dem Angriff ergänzte Palantir das System laut Bloomberg allerdings um Funktionen, die Geheimdienstinformationen erneut prüfen und mögliche Widersprüche oder Gründe gegen ein Ziel markieren sollen.

Maven verkürzte Vorbereitung von Stunden auf Minuten

Vor Beginn der Offensive stand das US-Militär unter erheblichem Zeitdruck. In früheren Konflikten hatte allein die Vorbereitung vorgeschlagener Ziellisten mehrere Stunden gedauert. Mithilfe von Maven wurde ein großer Teil dieser Arbeit vor dem Angriff auf den Iran auf wenige Minuten verkürzt. Arbeiten, für die zuvor Wochen oder Monate zur Verfügung standen, mussten innerhalb weniger Tage erledigt werden. Mehr als 1000 mögliche Ziele wurden in dieser Zeit erneut bewertet und freigegeben.

Die menschliche Prüfung eines Ziels entfiel dadurch jedoch nicht. Auch der Standort in Minab durchlief mehrere Stufen der sogenannten „Kill Chain“. Daran waren unter anderem Geheimdienstanalysten, Spezialisten für Satellitenbilder, Zielplaner, Juristen, Kommandeure und die für den Abschuss zuständigen Kräfte beteiligt. Bis zum Start des ersten Tomahawk-Marschflugkörpers waren laut Bloomberg rund drei Dutzend Menschen entlang dieser Entscheidungskette beteiligt. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle von ihnen die Einstufung des Gebäudes eigenständig überprüften.

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Angehörige besuchen die Gräber der Opfer des Angriffs auf die Schule in Minab.

Angehörige besuchen die Gräber der Opfer des Angriffs auf die Schule in Minab.

© Fatemeh Bahrami/imago

Jeder Schritt wurde dokumentiert. Juristen prüften, ob das Ziel militärisch zulässig war, Spezialisten schätzten mögliche zivile Schäden ab. Vor der Freigabe musste der verantwortliche Kommandeur unter anderem beantworten, ob genügend Geheimdienstinformationen vorlagen und ausreichende Vorkehrungen zum Schutz von Zivilisten getroffen worden waren. Im Fall von Minab wurden diese Fragen nach Erkenntnissen der internen Pentagon-Untersuchung bejaht. Die Ermittler stellten zugleich fest, dass entlang der Entscheidungskette großes Vertrauen in die falsche Annahme herrschte, bei dem Gelände handele es sich weiterhin um eine Einrichtung der Revolutionsgarden.

Spezialteam zum Schutz von Zivilisten war nicht beteiligt

Eine zusätzliche Kontrollinstanz fehlte jedoch. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte zuvor große Teile der Pentagon-Einheiten zur Vermeidung ziviler Opfer abbauen lassen. Die Zahl der Mitarbeiter dieser Teams sank laut Bloomberg um rund 90 Prozent auf weniger als 20. Beim US-Zentralkommando wurde die entsprechende Einheit von zehn Personen auf eine verkleinert.

Kein Mitglied dieses speziellen Teams prüfte den Standort in Minab vor dem Angriff. Nach Angaben der an der internen Untersuchung Beteiligten lag das sowohl am Personalabbau als auch an der Entscheidung, die Einheit nicht in Planung und Durchführung einzubeziehen. Eine solche zusätzliche Kontrolle war nicht vorgeschrieben, hatte sich in den vergangenen Jahren aber zur Routine entwickelt. Dabei wären unter anderem die zivile Umgebung, die mögliche Anwesenheit von Nichtkombattanten und weniger riskante Angriffsoptionen untersucht worden. Ob eine solche Prüfung den Angriff verhindert hätte, lässt Bloomberg ausdrücklich offen.

Hinweis auf die Schule blieb in anderem US-System hängen

Dass veraltete Informationen hinter der Katastrophe stehen könnten, war bereits im März bekannt. Diese Zeitung berichtete am 11. März über vorläufige Erkenntnisse der internen US-Untersuchung. Demnach hatten Zielplaner auf alte Daten zurückgegriffen, obwohl Satellitenbilder zeigten, dass der Schulbereich bereits Jahre zuvor von der Militäranlage abgetrennt worden war.

Bloomberg liefert nun ein weiteres Detail: Ein US-Geheimdienstanalyst bemerkte die Veränderungen demnach bereits 2019 und hinterlegte einen entsprechenden Vermerk. Die Information landete jedoch in einem System, das nicht mit der zentralen militärischen Geheimdienstdatenbank verbunden war, auf die später bei der Zielplanung zurückgegriffen wurde.

UN: Versagen ging über bloße Fahrlässigkeit hinaus

Inzwischen hat auch die unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats den Angriff untersucht. Sie kam zu dem Schluss, dass die Schule klar als ziviles Objekt erkennbar gewesen sei und keine Hinweise auf eine militärische Nutzung vorgelegen hätten. Nach Ansicht der Ermittler gibt es hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass die USA mit dem Angriff gegen das humanitäre Völkerrecht verstießen und ein Kriegsverbrechen begingen.

Besonders deutlich bewertet die Mission den Umgang mit den veralteten Zieldaten. Dass die USA ihre Informationen über die Schule nicht aktualisierten und vor dem Angriff nicht ausreichend überprüften, ob das Gebäude tatsächlich ein militärisches Ziel war, sei mehr als bloße Fahrlässigkeit gewesen. Die Mission stellte ihren Bericht am Montag im UN-Menschenrechtsrat in Genf vor. Sie ist ein Untersuchungsorgan und kein Gericht.

Das Pentagon erklärte gegenüber Reuters zuletzt, die eigene Untersuchung dauere an und man habe derzeit nichts bekanntzugeben. Die US-Regierung weist die Bewertung der UN-Mission zurück.

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