Dass in den großen Werkshallen in Görlitz nach 170 Jahren keine Straßenbahnen oder Doppelstockzüge mehr hergestellt werden, merkt man schon am Wachschutz. Besucher werden überall hinbegleitet - vom Parkplatz zur Pforte, selbst bis zur Toilette. Das Sicherheitspersonal kam auch von auswärts, um die Veranstaltung am Dienstag mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Görlitz' OB Octavian Ursu (CDU) und dem Deutschland-Chef von KNDS Florian Hohenwarter abzusichern.
Im Februar letzten Jahres übernahm das deutsch-französische Rüstungsunternehmen den von der Schließung bedrohten Standort des Waggonbauers Alstom. Von den 700 Mitarbeitern wechselten 300 zu KNDS, sie sollen bis Anfang nächsten Jahres auf 420 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt werden. Die Umrüstung des Werkes, von dem im Moment nur die Hälfte der Fläche genutzt wird, kostete KNDS bis jetzt 100 Millionen Euro.
Rüstungsindustrie im Osten: Ukraine-Krieg treibt die Nachfrage
Mercedes-Chef erwägt Einstieg in Rüstungsindustrie
Soweit lassen sich die Firmenchefs in die Karten schauen. Doch bei der Produktion bleibt die Presse hinterm Absperrband, nur Politik- und Wirtschaftsvertreter dürfen näher an die schweren Metallteile heran treten, die hier gerade zusammengeschweißt werden. An gleicher Stelle wurden vor nicht allzu langer Zeit Straßenbahndächer gefertigt. Jetzt setzen die Mitarbeiter Gehäuse für den BOXER, in der Ausführung des gepanzerten Sanitätsmoduls, zusammen. Noch.
Das Alstom-Schild grüßt noch am Werkstor
© Claudia Lord
Denn CEO Hohenwarter kündigt bereits an, dass „die Missionsmodule in Zukunft für unterschiedlichste Anwendungen wie den Panzer Schakal oder auch Führungsfahrzeuge in Görlitz“ gebaut werden sollen. Der BOXER wird in der KNDS-Hochglanzbroschüre als „weltweit modernster Radschützenpanzer“ vorgestellt. Wer wissen will, wie kriegstüchtig (das Wort fällt auf der Veranstaltung kein einziges Mal) Deutschland konkret wird, bekommt eine Ahnung von den Produktionsprognosen des CEO.
Produktion wächst drastisch
Die Stückzahl des Boxer soll sich versechsfachen. Zudem fertigen die Ostsachsen auch Trucker-Kabinen für Bundeswehr-Lkws sowie seit April Stahlwannen und Gehäuse für den Panzer Leopard 2. Auch hier soll die Stückzahl bald verdreifacht werden. Ab nächstes Jahr soll das Aluminium-Turmgehäuse für den Puma aus Görlitz kommen. Auch dessen Produktion soll sich verdoppeln. In drei Jahren ist die volle Auslastung des Görlitzer Werkes geplant.
Man habe jedem Görlitzer Mitarbeiter einen sicheren Job für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre bei der Einstellung versprechen können, so gut seien die Auftragsbücher gefüllt. „Insgesamt investieren wir deutschlandweit eine Milliarde Euro in den Ausbau der Produktion“, so Hohenwarter. Dafür suche man auch weitere Standorte in Deutschland. Ob in Sachsen, will Hohenwarter auf OAZ-Nachfage nicht konkret beantworten.
MP Kretschmer (li.) verfolgt nachdenklich den Werbefilm der Rüstungsfirma. Neben ihm: der Görlitzer KNDS-Standortleiter Enrico Blocksdorf
© Claudia Lord
Jobsicherung um jeden Preis?
Mit dem Besuch des Ministerpräsidenten und des Stadtoberhauptes wolle man sich bei der Belegschaft bedanken, die die Transformation mitgetragen habe. Es gibt kostenloses Mittagessen und Reden. Doch hört man sich unter der Belegschaft um, ist da durchaus Skepsis, wie man hier seine Brötchen verdient. „Es ist zwar schön, dass unser Job erhalten bleibt - aber nicht um jeden Preis“, sagt ein älterer Mitarbeiter. Sein Kollege pflichtet ihm bei: „Es gibt halt keine Alternativen in der Region. Wenn ich in München wäre, wäre ich schon lange weg aus der Firma.“
Die Lehrlinge sind „froh, dass wir übernommen wurden“. Man tröstet sich damit, „dass ja keine Geschütze auf die Teile gesetzt werden“. Andere finden den Produktionswechsel „gut“. Doch „die Mehrheit“ habe Bauchschmerzen. „Es redet nur keiner drüber“, sagt einer. Ein weiterer Kritikpunkt, den sie der Journalistin noch mitgeben wollten: „Wir sind zu wenig in Prozesse eingebunden.“
Der Görlitzer OB widerspricht dem, seine Gespräche vor Ort hätten ein anderes Bild ergeben. „Die Mitarbeiter sehen die Transformation als eine Chance für den Standort. Sie fühlen sich gut aufgehoben und sehen die Investition als sehr gutes Zeichen für die Zukunft“, so Octavian Ursu. Man habe sich der Aufgabe gestellt, „zur Modernisierung der Bundeswehr mit beizutragen.“
Generalmajor a. D. Kurczyk: „Wir sind das Angebot für die Rüstungsindustrie“
S-Bahn Berlin: Alstom verzichtet auf Beschwerde – neue Züge können bestellt werden
Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer blickt nachdenklich, als hinter ihm der Werbefilm des Rüstungsproduzenten abläuft, sagt dann aber pragmatisch zur versammelten Belegschaft: „Dieses Produkt ist die Grundlage für alles. Demokratie gibt es nur in Freiheit. Jeder Handschlag dafür ist ein Beitrag für die Sicherheit Europas. Danke, dass sie sich drauf eingelassen haben.“
KNDS-Chef Hohenwarter bleibt hält die ethischen Diskussionen für „legitim“. „Aber wir müssen uns die geopolitische Realität bewusst machen. Die Fahrzeuge sind nicht für den Einsatz gedacht, sondern eine Versicherung für den Fall der Fälle.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]