Frohe Weihnachten

Papa, gibt es den Weihnachtsmann wirklich?

Was tun, wenn Kinder vom Weihnachtsmannglauben abfallen? Über das Ende der Magie, begründete Hoffnungslosigkeit und einen Himmel voller Arschgeigen.

Paul Linke
4 Min
Nur echt mit echtem Bart: der Weihnachtsmann.

Nur echt mit echtem Bart: der Weihnachtsmann.

© imago/Image Source

Ich fürchte, meine Tochter glaubt nicht mehr an den Weihnachtsmann. An diese wunderbare Version der Wirklichkeit, diesen Bart, Mantel und Jutesack gewordenen Spezialeffekt kindlicher Fantasie, der Augen leuchten und Herzen in einem Dreieck aus Vorfreude, Aufgeregtheit und Glückseligkeit springen lässt. Doch genau weiß ich es nicht. Ich spüre eine seltsame Angst, sie danach zu fragen. Als könnte die finale Gewissheit etwas ändern. Als würde womöglich das Scharnier einer Gefühlsmechanik zuschnappen, eine Tür krachend ins Schloss fallen, etwas unwiederbringlich wegsperren.

Meine Tochter ist jetzt sieben, also in einem Alter, in dem Kinder die Welt und ihren Platz darin neu vermessen, plötzlich alles anders denken, vieles anzweifeln, einiges klarer sehen. Sie wollen die Dinge und den Kitt, der die Dinge zusammenhält, begreifen. Sie glauben längst nicht mehr alles, was Eltern ihnen erzählen. Sei es aus Schutz vor dem Erwachsenwerden, sei es eine kindheitsverlängernde Strategie. Dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt zum Beispiel. Oder ist es doch das Christkind? Von Jahr zu Jahr wird es komplizierter, das himmlische Jobsharing und die Schlittenverladelogistik dahinter glaubwürdig zu verpacken und als Realität zu verkaufen.

Vor zwei Jahren war meine Tochter zum ersten Mal stutzig geworden. Da trug der als Weihnachtsmann verkleidete Großonkel eine Maske – vorbildlich, aber eben auch fahrlässig unter dem Bart justiert. Die Gummibänder an den Ohren sah meine Tochter sofort und vergaß den Schwindel erst, nachdem sie sich der Echtheit der Geschenke versichert hatte. Trotzdem erinnert sie sich noch daran. Und immer dann, wenn ich denke, dass sie es jetzt aussprechen, dass sie jetzt aber wirklich vom Weihnachtsmannglauben abfallen wird, legt sie die Indizienkette beiseite und wechselt das Thema.

Vor ein paar Tagen kam sie mit einem Brief aus der Schule, Absender: Weihnachtsmann, Weihnachtspostfiliale, 16798 Himmelpfort. Dann las sie mit dem unverbrüchlichen Stolz einer Zweitklässlerin vor: „Weihnachten ist ein Fest der Liebe und des Beisammenseins mit der Familie. Es ist eine besinnliche Zeit, in der sich die Menschen füreinander Zeit nehmen. Das beobachte ich zusammen mit meinen Rentieren bei unserer Reise um die Welt. Darüber freue ich mich sehr. Die Familien essen selbstgebackene Plätzchen und trinken Kakao.“ Sie deutete auf die Briefmarke, den Stempel mit dem Datum drauf und fragte mich oder sich oder welche Glaubensinstanz auch immer: „Ist alles echt, oder?“ Ich nickte und lächelte und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Ist das Weihnachts-Positivity? Und wenn ja, wie lange noch?

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Der Klimawandel ist ja nur die allergrößte kollektive Verdrängungsleistung

Der Glaube an den Weihnachtsmann wirft einen langen Schatten, in dem sich Kinder verstecken können vor allem, was später kommen wird, wenn die Entzauberung der Welt unumkehrbar eingesetzt hat. Wenn der Vorrat an Magie aufgebraucht ist und man diese Welt mit anderen Augen sieht. Und damit all die Ungerechtigkeiten, die dem Weihnachtsmann auf seinen Plätzchen-und-Kakao-Welteisen offenbar nicht begegnen. Die er vielleicht einfach nur ausblendet oder verdrängt, so wie Heranwachsende es lernen und als Erwachsene perfektionieren. Der Klimawandel ist ja nur die allergrößte kollektive Verdrängungsleistung. Alle sorgen sich, kaum jemand kümmert sich.

Reagiert eigentlich noch jemand mit Optimismus auf die multiplen Krisen dieser Zeit? Stecken wir nicht fest zwischen vorauseilender Ängstlichkeit und begründeter Hoffnungslosigkeit? Und ist das nicht ein dunkler Himmel voller Arschgeigen wie Trump, Putin, Musk, Höcke, der über uns hängt? Diese Fragen lassen sich so stellen, als würde man ein Bein gestellt bekommen. Und wen das Leben noch nicht verprügelt hat, der muss spätestens jetzt zu Boden gehen.

Im Jahre 1897 fragte die kleine Virginia ihren Vater, ob Santa Claus wirklich existiere. Nach einem alarmierenden Gespräch mit ihren Freunden hatte sie zu zweifeln begonnen. Der Vater gab eine ausweichende Antwort, und so schrieb Virginia einen Brief an die New York Sun. „Niemand sieht den Weihnachtsmann“, stand in der Antwort, „aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können.“

Virginia war acht damals, ein Jahr älter als meine Tochter heute. Ich fürchte, es könnte das letzte Mal sein, dass sie so tut, als würde sie an den Weihnachtsmann glauben.

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