Wer sich in den vergangenen Tagen durch die Pariser Kollektionen geklickt hat, wollte bei vielen Looks am liebsten ganz nah heranzoomen. Vom 28. September bis zum 6. Oktober 2026 zeigte sich auf den Laufstegen ein deutlicher Trend zu Handarbeit, Applikationen und Verzierungen.
Es ist die bewusste Abkehr von der kühlen Zurückhaltung der vergangenen Jahre: Maximalismus, Applikationen und Überbordendes sind zurück. Besonders die Stickerei hat es den Designern angetan: Jedes Haus interpretiert sie auf seine eigene Weise, aber allen ist eines gemeinsam: die menschliche Komponente.
Gabriela Hearst: Fokus auf die Frauen hinter der Stickerei
Gabriela Hearst zeigte eine von Afghanistan inspirierte Kollektion, für die sie mit afghanischen Kunsthandwerkerinnen zusammenarbeitete.
Nach ihrer Show am 5. Oktober im Gartenhof des Petit Palais führte Hearst die Vertreter der Presse persönlich an den Models entlang und zeigte auf die Details: handgemalte Miniaturen, Blumenstickereien und Patchwork. Ihr Fazit fiel stolz und kurz aus: „Made in Afghanistan!“ Das Land beschäftigt die Designerin, seit die Taliban 2021 Kabul eingenommen haben.
Gabriela Hearst Spring/Summer 2027: Kulturtechniken und Handwerk im Fokus.
© IMAGO/Gonzalez Alain-Gil/ABACA
Zu sehen waren unter anderem Kleider mit sogenannter „Shisha“-Stickerei, bei der kleine Spiegel in den Stoff eingearbeitet werden. Jeder Lichtreflex erinnert daran, dass hinter diesen Kleidern Frauen stecken, deren inneres Licht sich verstecken muss. Über die Organisation Turquoise Mountain, die Kunsthandwerksgemeinschaften in Afghanistan unterstützt, kam sie in Kontakt mit Frauen, die dort Textil-, Stick- und Schmucktraditionen am Leben halten. Im Film gezeigt werden durften allerdings nur ihre Hände. Aus Angst vor Repressalien filmte Hearsts Team keine Gesichter.
Gabriela Hearst Spring/Summer 2027
© IMAGO/Gonzalez Alain-Gil/ABACA
Statt eines Moodboards hatte Hearst hundert Jahre afghanischer Geschichte gesammelt. Auf jedem Sitzplatz lag ein Heft dazu. So wird aus diesen Stickereien etwas Größeres: eine Hommage an die unterdrückten Frauen Afghanistans und – in Zeiten, in denen die Angst vor der KI hochkocht – eine Erinnerung daran, dass es keine Maschinen braucht, um Menschen zu unterwerfen.
Dries van Noten: Ein Gefühl als Ausgangspunkt
Wann fühlt man sich eigentlich glamourös? Diese Frage stellte Julian Klausner am 30. September in Paris für Dries Van Noten. In seinen Kollektionsnotizen beschreibt er eine Schauspielerin, die nach einem Drehtag zurück auf die Straße und in die Wirklichkeit geht, die Filmmusik noch im Kopf. Um sich glamourös zu fühlen, brauche es nur wenig: roten Lippenstift, eine funkelnde Brosche, einen eng geschnallten Gürtel. Vor allem aber: Die Fähigkeit, zu fühlen.
Dries Van Noten Women's Ready-to-Wear Spring/Summer 2027
© IMAGO/Agence / Bestimage
Dass das eine Künstliche Intelligenz genau diese Fähigkeit nicht besitzt, mag die letzte Frontier zwischen Mensch und Maschine sein. Klausner schöpft die Kluft jedenfalls mit dieser Kollektion voll und ganz aus.
Auf den ersten Blick wirkt vieles wie zufällig zusammengewürfelt: ein aufwendig verzierter Brokatmantel konterkariert von einem Baumfällerhemd und einem T-Shirt mit Aufdruck. Ein semitransparenter Rock mit aufgestickten Applikationen in Form von Figuren und Floralem: War hier ein menschlicher Verstand am Werk, oder kann eine KI schon so schön fantasieren?
Dries Van Noten zeigt für Spring/Summer 2027 die Bandbreite der Handwerkstechniken.
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Burberry: Die menschliche Hand
Bereits am 21. September zeigte Daniel Lee in London die Frühjahr-/Sommerkollektion von Burberry, und er hatte sich viel vorgenommen. Er spricht von nichts Geringerem als der „Rückkehr zum Ursprung der Dinge“, zu etwas Instinktivem und Gefühltem. Zum 170. Geburtstag des Hauses holte er sich dafür die Textildesignerin Celia Birtwell an seine Seite.
Burberry S/S/ 2027
© Burberry
Die heute 85-Jährige prägte in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren gemeinsam mit Ossie Clark den Look der britischen Mode mit ihren zarten Blüten und kleinteiligen Paisleys. Für Burberry entwarf sie einen ganzen Strauß neuer Pflanzenmotive: Mimosen, Rosenknospen und Veilchen. Auf Bleistiftröcken erscheinen sie als aufgesetzte Paillettenblüten, auf Trenchcoats und Regenschirmen als kleine Streublümchen.
Burberry SS27
© Burberry
Dazu kommen Trenchcoats aus hauchdünner Seide, bestickt in Lavendel und Burgunder, Farben eines pittoresken englischen Gartens. Ob das noch Mäntel sind oder schon Kleider, ist kaum zu sagen. Vor Regen schützen sie wohl eher nicht, aber das verzeiht man ihnen gern.
Gürtel und Schulterklappen sind teils nur angedeutet, als hätte jemand sie auf den Stoff gezeichnet. Robustere Modelle aus Seidenfaille und Taft sehen absichtlich getragen aus, mit Falten und Knitterspuren. „Nichts ist übermäßig gebügelt oder makellos“, sagt Lee und über Birtwells Linien und Karos: Man spüre darin wirklich „die menschliche Hand“.
Burberry SS27
© Burberry SS27
Statt einheitlicher Models sollte zudem jede Person ihre Eigenheiten zeigen. Der Nebeneffekt dessen: die Kleider wirken menschlich statt perfekt. Damit trifft Lee ziemlich genau, worum es in dieser ganzen Saison geht.
Nadel, Faden, Stimme: Sticken als Frauengeschichte
Auch das Sticken selbst hat eine zwiespältige Geschichte, changierend zwischen Ermächtigung und Ausbeutung. In England und Nordamerika gehörte es vom 17. bis weit ins 19. Jahrhundert fest zur Erziehung von Mädchen. Viele lernten Lesen und Schreiben über das Mustertuch: darauf stickten sie Alphabete und Zahlen, weil sie später Laken und Unterwäsche mit Initialen kennzeichnen sollten. So fand die Wäsche nach dem Waschtag zu den richtigen Besitzern zurück.
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Wer das Mustertuch stickte, bestimmte auch, wofür es diente. Bei Töchtern aus wohlhabenden Familien wurde es gerahmt und an die Wand gehängt, als Beweis für eine gute Erziehung. Mädchen aus Armen- und Waisenschulen, die in England ab dem 18. Jahrhundert entstanden, zeigten damit künftigen Dienstherren, dass sie Wäsche kennzeichnen und flicken konnten.
Die Kunsthistorikerin Rozsika Parker zeigte 1984 in ihrem Buch „The Subversive Stitch“, wie die Trennung der Stickerei von der „hohen“ Kunst die Arbeit von Frauen an den Rand drängte. Für Historiker sind solche Mustertücher heute ein Glücksfall. Meist stickten Mädchen ihren Namen, ihr Alter und das Datum hinein. Oft ist das alles, was von ihren sonst nirgends festgehaltenen Leben übrig ist.
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