Partei organisiert Radtouren entlang der ehemaligen Grenze / Ministerin Künast rollt auf Inline-Skates mit

Der Mauer auf der Spur

Iris Brennberger
5 Min

In der Kleingartenanlage in Treptow verliert sich die Spur. Vögel zwitschern, der Flieder blüht. Aus einer Laube dringt die Radioübertragung eines Fußballspiels. "Alle zurück", ruft Michael Cramer. Der Verkehrsexperte der Grünen im Abgeordnetenhaus führt die Gruppe an. Etwa 100 Radfahrer mit Regenjacken und umgeschnallten Rucksäcken bremsen, versuchen zu wenden und stehen sich dabei gegenseitig im Weg. Cramer schwingt sich auf den Sattel und fährt voran. Irgendwo hier muss sie doch gewesen sein, die Berliner Mauer."Im Prinzip habe ich den Mauerverlauf ganz gut in Erinnerung", sagt ein junger Radler im Pulk. Aber eben nur im Prinzip. Es geht ihm wie den meisten hier. In Reinickendorf wüsste sie genau, wo die Mauer stand, sagt eine Frau. Aber hier im Süden? Keine Ahnung. Und erst in der Stadtmitte mit den vielen Neubauten. Wer soll da noch wissen, wo die Grenze war? "Es ist eine Schande, dass die Erinnerung an die Mauer nicht besser bewahrt wird", schimpft eine Zehlendorferin und tritt in die Pedale.Radweg gefordertDie Fahrradtour entlang des ehemaligen Mauerstreifens ist halb Demonstration, halb Sightseeing-Tour. Startpunkt war der Potsdamer Platz, Ziel ist der S-Bahnhof Schöneweide. 20 Kilometer liegen dazwischen. Eingeladen haben die Berliner Grünen. Michael Cramer, ihr verkehrspolitischer Sprecher, spielt den Fremdenführer. Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, rollt ebenfalls ein Stück mit, allerdings auf Inlineskates. Die Grünen fordern, dass der frühere Mauerverlauf in und um Berlin wieder erkennbar sein muss. Dazu sollen entlang der 160 Kilometer langen Strecke Schilder aufgestellt werden. Außerdem wollen die Grünen, dass ein Fahrradrundweg auf dem früheren Grenzstreifen angelegt wird. Einzelheiten darüber können alle Teilnehmer der Radtour in der Broschüre "Mauerstreifzüge" nachlesen. Cramer verteilt sie am Start. 2 000 Hefte wurden in der ersten Auflage gedruckt, erzählt er, nach drei Tagen waren alle vergriffen. "Auf so viel Interesse ist noch nie eine Broschüre von uns gestoßen." Für Cramer ist die Tour eine Premiere. Bis August bietet er jeden zweiten Sonnabend eine geführte Radwanderung entlang der früheren Grenze an. Jede Etappe geht über 20 bis 30 Kilometer. Die Teilnahme ist kostenlos.Trotz Regen und Kälte - beim ersten "Mauerstreifzug" ist das Interesse groß. Rund 150 Radfahrer kommen zum Treffpunkt am Potsdamer Platz. An einem Rad flattert eine Parteifahne im Wind, einige Radfahrer haben grüne Luftballons an die Gepäckträger gebunden. Aber die meisten Teilnehmer sind keine ausgewiesenen Grünen-Mitglieder. Sie sind einfach neugierig, wo die Mauer stand: Ältere Ehepaare, junge Männer mit Rennmaschinen, eine Frau mit Kinderanhänger am Rad. Zwei Austauschstudentinnen aus den USA strampeln auf Leihrädern mit.Der erste Streckenabschnitt ist die übliche Touristenroute durch die Innenstadt: Vom Potsdamer Platz durch die Niederkirchnerstraße zum Checkpoint Charlie, dann zur East Side Gallery und zur Oberbaumbrücke. Das Tempo ist gemächlich. An den einzelnen Stopps packt Cramer sein Megafon aus und erzählt die wichtigsten Fakten. Nur am Checkpoint Charlie springt Renate Künast als Fremdenführerin ein. "Also ihr Lieben, ich erzähle euch mal ein paar Agentengeschichten", sagt die Ministerin. Der Regen hat ihren Pulli durchweicht, die Sonnenbrille sitzt im nassen Haar. Fünf Minuten plaudert Renate Künast über den Checkpoint und das "Problem der Geheimdienste, nach dem Mauerfall ihre Planstellen zu rechtfertigen". Dann geht s weiter.Am Schlesischen Tor, nach acht Kilometern Fahrt, verabschieden sich die ersten. Renate Künast, die übers Kopfsteinpflaster mitgerattert ist, hat noch einen Termin. Die Sonne scheint jetzt. Knapp 100 Radler machen sich auf zur zweiten Hälfte der Tour, ins Grenzland zwischen Kreuzberg, Treptow und Neukölln.Stadtpläne aus DDR-Zeiten helfen weiterAuch Heidi Krickeberg ist noch dabei. Die 68-Jährige hat Mauerbau und Mauerfall in Berlin erlebt. "Hochinteressant" findet sie die Tour. "Ich fahre sonst immer U-Bahn", sagt sie. "Da nimmt man die Stadt ganz anders wahr." In der Harzer Straße in Treptow wartet Joachim Hildebrandt von der "Interessengemeinschaft ehemaliger Grundstücksbesitzer auf dem Mauerstreifen". Das geltende Recht zwinge die Eigentümer, "ihren Grund zu kaufen". Das sei "staatliche Hehlerei", sagt er. Die Radler fahren über die Kiefholzstraße nach Süden, dann entlang des Teltowkanals. Cramer spricht von Chris Gueffroy, dem letzten Mauertoten. Grün ist es hier. Wilde Heidelandschaft und gepflegte Kleingartenanlagen wechseln sich ab. Und wo war die Mauer? Ein Mann holt einen Stadtplan aus dem Rucksack. Die Karte stammt noch aus der DDR. "Darauf ist der Westteil Berlins als weiße Fläche eingezeichnet", sagt der Mann: "Das macht es heute leichter, den Verlauf der Mauer herauszufinden."Der nächste "Mauerstreifzug" führt am 2. Juni vom S-Bahnhof Schöneweide zum S-Bahnhof Lichtenrade. Weitere Touren am 16. und 30. Juni, 14. und 28. Juli sowie am 11. August. Beginn: 14 Uhr. Informationen unter Tel. 23 25 24 00 und im Internet unterwww.parlament-berlin.de/gruene"Es ist eine Schande, dass man die Erinnerung an die Mauer nicht besser bewahrt." Radlerin aus Zehlendorf BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Wo war hier die Mauer? Renate Künast kam zwar mit dem Auto zum Mauerstreifzug, fuhr dann aber trotz Regens einige Kilometer auf Skates mit.

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