Parteipresse verschweigt Ausstand in Hennigsdorf

Streikende erzielen erste Erfolge

Stefan Melle
2 Min

Am 10. Juni 1953 hat die Berliner Zeitung auf Seite eins viel zu vermelden: Die Aussichten auf einen Waffenstillstand im Koreakrieg, den Umbau westdeutscher Äcker in US-Flughäfen, den Erfolg der Westberliner im Protest gegen Brotpreiserhöhungen, kommunistische Wahlsiege in Städten Italiens. Weiter hinten fordert der Schriftsteller Stefan Heym die Freilassung von Ethel und Julius Rosenberg, die die USA der Atomspionage beschuldigen. Von den wichtigsten Ereignissen in der DDR aber erfahren die Leser an diesem 10. Juni nichts. Etwa dass das SED-Politbüro und Moskaus Hochkommissar Wladimir Semjonow am Vortag ein Kommuniqué über die neue Politik im Land vereinbart haben, das Ulbrichts Widersacher Rudolf Herrnstadt, Chef des "Neuen Deutschland", nun ausformulieren muss. Keine Zeile auch darüber, dass Betriebe und Straßen künftig keine Namen lebender Genossen mehr erhalten sollen, auch nicht den Walter Ulbrichts, der bald seinen 60. Geburtstag begeht. Vor allem aber schreibt die Zeitung nichts vom ersten großen Ausstand gegen die kürzlich verfügte Normerhöhung. Im Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf streiken seit dem Vortag 2 000 Beschäftigte. Die Staatssicherheit verhaftet fünf Streikende, die Werksleitung lobt 1 000 Mark für den Verrat der "Rädelsführer" aus. Am 10. Juni dauert die Arbeitsniederlegung an, die Arbeiter fordern nun neben der Rücknahme der Normerhöhung auch die Freilassung der Verhafteten - beide Forderungen werden erfüllt. (sm.)BERLINER ZEITUNG VOM 10. JUNI 1953

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner