Rüstung

Radpanzer aus 7800 Kilometern Entfernung gesteuert – so könnte sich die Kriegsführung verändern

Der Test zeigt, wie Militärfahrzeuge künftig ohne Besatzung eingesetzt werden könnten. In der Ukraine übernehmen Bodenroboter bereits Transporte und Evakuierungen unter Beschuss.

5 Min
Ein Patria AMV fährt ferngesteuert über das Testgelände Parola in Finnland. Der Bediener saß während der Vorführung mehr als 7800 Kilometer entfernt in Tokio.

Ein Patria AMV fährt ferngesteuert über das Testgelände Parola in Finnland. Der Bediener saß während der Vorführung mehr als 7800 Kilometer entfernt in Tokio.

© Patria

Der Fahrer sitzt in Tokio vor einer Steuerkonsole. Mehr als 7800 Kilometer entfernt setzt sich auf einem militärischen Testgelände in Finnland ein gepanzerter Radpanzer in Bewegung. Gelenkt wird das Fahrzeug aus Japan – über eine Datenverbindung, die zwei Kontinente überspannt.

Der finnische Rüstungskonzern Patria hat den ungewöhnlichen Versuch am 25. und 26. August vorgeführt. Nach Angaben des Unternehmens stand der Patria AMV auf dem Testgelände Parola in Finnland, während der Bediener in Tokio die Kontrolle übernahm.

Die Demonstration zeigt, wie weit sich moderne Militärfahrzeuge theoretisch vom Einsatzort entfernt steuern lassen. Sie ist allerdings kein Beweis dafür, dass die Technik bereits unter Beschuss, bei Störangriffen oder ohne stabiles Mobilfunknetz zuverlässig funktioniert.

5G-Netz verbindet Tokio mit Radpanzer in Finnland

Der Patria AMV ist ein gepanzertes 8×8-Fahrzeug, das je nach Ausführung Soldaten transportieren oder mit unterschiedlichen Waffensystemen ausgerüstet werden kann. Bei der Vorführung wurde nach den bisher veröffentlichten Informationen jedoch kein Waffeneinsatz demonstriert.

Die Steuerbefehle liefen laut einer ausführlichen Darstellung des Herstellers über das 5G-Netz des Telekommunikationsunternehmens Telia. Der Datenverkehr sei durch ein virtuelles privates Mobilfunknetz geleitet worden. Dieses Firmennetz sei vom öffentlichen Internet getrennt gewesen.

Kameras am Fahrzeug lieferten demnach Bilder aus der Umgebung. Hinzu kamen Angaben über den technischen Zustand des Radpanzers sowie Satellitendaten des finnischen Unternehmens ICEYE. Auf diese Weise sollte der Bediener in Japan nicht nur sehen, was unmittelbar vor dem Fahrzeug geschah, sondern auch ein größeres Lagebild erhalten.

Blick auf die Steuerkonsole in Tokio: Von hier aus wurde ein Patria AMV auf dem Testgelände Parola in Finnland gelenkt – mehr als 7800 Kilometer entfernt.

Blick auf die Steuerkonsole in Tokio: Von hier aus wurde ein Patria AMV auf dem Testgelände Parola in Finnland gelenkt – mehr als 7800 Kilometer entfernt.

© Patria

Die Technik basiert auf einem sogenannten Drive-by-Wire-System. Lenkung, Beschleunigung und Bremsen werden dabei elektronisch angesteuert. Ein Mensch kann das Fahrzeug deshalb aus der Entfernung bedienen. Patria nennt daneben fahrerlose Transporte, ferngesteuerte Konvois und eine autonome Navigation entlang festgelegter Wegpunkte als mögliche künftige Anwendungen.

Was der 7800-Kilometer-Test nicht beweist

Entscheidend ist weniger die Entfernung als die Qualität der Verbindung. Solange Steuerbefehle und Kamerabilder zuverlässig übertragen werden, spielt es technisch zunächst keine große Rolle, ob der Bediener einige Kilometer oder einen Kontinent entfernt sitzt.

Auf einem Gefechtsfeld kann diese Verbindung jedoch gezielt gestört werden. Funknetze lassen sich überlasten, Signale unterdrücken und Satellitenverbindungen angreifen. Hinzu kommen Verzögerungen bei der Datenübertragung: Schon kurze Aussetzer können bei einem schweren Fahrzeug gefährlich werden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Patria veröffentlichte keine konkreten Angaben zur Geschwindigkeit während des Versuchs, zur Länge der gefahrenen Strecke oder zu möglichen Hindernissen. Ebenso bleibt offen, wie der Radpanzer auf einen vollständigen Verbindungsabbruch reagierte. Eine autonome Fahrt wurde nicht gemeldet. Das Fahrzeug wurde weiterhin auch von einem Menschen gesteuert.

Die Vorführung war damit in erster Linie ein kontrollierter Techniktest und zugleich eine Präsentation für potenzielle Kunden. Nach Angaben von Patria nahmen Vertreter des japanischen Verteidigungsministeriums und japanischer Rüstungsunternehmen teil.

Ukraine meldet mehr als 100.000 Roboter-Einsätze

Wie groß der Bedarf an unbemannten Fahrzeugen ist, zeigt der Krieg in der Ukraine. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums absolvierten Bodenroboter seit Jahresbeginn mehr als 100.000 Logistik- und Evakuierungseinsätze.

Die meist deutlich kleineren Fahrzeuge transportieren demnach Munition, Lebensmittel und Wasser an die Front. Sie werden außerdem eingesetzt, um Verwundete oder getötete Soldaten aus gefährlichen Gebieten zu bergen. Mehr als 22.000 solcher Systeme seien allein 2026 unter Vertrag genommen worden. Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Mit einem schweren Patria AMV sind diese Bodenroboter nur bedingt vergleichbar. Das Prinzip ist jedoch dasselbe: Ein Fahrzeug übernimmt Aufgaben in einem Bereich, in dem ein Mensch besonders gefährdet wäre.

China testet bewaffnete Roboter mit Soldaten

China erprobt bereits, wie Soldaten, Drohnen und Bodenroboter gemeinsam eingesetzt werden können. Das chinesische Staatsfernsehen zeigte 2025 eine Übung der Volksbefreiungsarmee, bei der vierbeinige „Roboterwölfe“ Aufklärungs- und Unterstützungsaufgaben übernahmen. Einige der rund 70 Kilogramm schweren Maschinen waren auf den Aufnahmen mit Sturmgewehren ausgerüstet, berichtete die staatsnahe Global Times.

Parallel zu diesen Militärversuchen wächst in China eine breit aufgestellte zivile Roboterindustrie. Ein Bericht dieser Zeitung vom 25. August beschreibt, wie das Unternehmen Jaka Robotics in Shanghai humanoide Maschinen und Roboterarme für Logistik, Montage, Schweißen und andere Arbeiten entwickelt. In der Grand New Bay Area rund um die Jiao-Tong-Universität haben sich demnach auf 17 Quadratkilometern etwa 16.000 Hightech-Unternehmen angesiedelt.

Zwischen einem Roboterarm in einer Fabrik und einer bewaffneten Maschine auf dem Schlachtfeld liegt ein großer Schritt. Technologien wie Objekterkennung, Sensorik, autonome Bewegung und Fernsteuerung lassen sich jedoch grundsätzlich in beiden Bereichen nutzen. Die Übung der Volksbefreiungsarmee zeigt, dass China diesen militärischen Einsatz bereits erprobt. Offen bleibt, wie zuverlässig die „Roboterwölfe“ unter Beschuss oder bei Störungen der Funkverbindung funktionieren und ob sie über einzelne Übungen hinaus eingesetzt werden.

Japan lässt Patria-Radpanzer im eigenen Land bauen

Die Vorführung in Tokio hatte auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Japan entschied sich bereits 2022 für den Patria AMV XP als Nachfolger seines älteren Transportpanzers Type 96. Die Fahrzeuge werden mit einer Lizenz von Patria durch Japan Steel Works produziert.

Das erste in Japan gefertigte Fahrzeug wurde im September 2025 an die japanischen Bodenselbstverteidigungsstreitkräfte übergeben. Die Präsentation der Fernsteuerung richtete sich somit nicht nur an Militärtechniker, sondern auch an einen bereits bestehenden Kunden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner