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Pest-Verdacht in Russland: Wie groß ist das Risiko für Deutschland?

In Europa gilt die Pest seit mehr als 50 Jahren als verschwunden. Warum Fachleute trotz des Falls in Irkutsk keine Ausbreitung erwarten.

5 Min
Die Abbildung des für die Beulen- und Lungenpest verantwortlichen Bakteriums fotografiert eine Besucherin einer Ausstellung.

Die Abbildung des für die Beulen- und Lungenpest verantwortlichen Bakteriums fotografiert eine Besucherin einer Ausstellung.

© Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa

Ein mutmaßlich zerbrochenes Reagenzglas, eine tote Laborantin, Krankenhäuser unter Quarantäne: Seit knapp einer Woche beschäftigt ein Todesfall im sibirischen Irkutsk die russische Öffentlichkeit und inzwischen auch Gesundheitsbehörden in Brüssel und Washington.

Im Raum steht der Verdacht auf Lungenpest, die gefährlichste Form einer Krankheit, die viele Menschen in Europa vor allem aus Geschichtsbüchern kennen. Bestätigt ist dieser Verdacht bislang nicht.

Was über die Lage in Irkutsk bekannt ist

Eine 28 Jahre alte Laborantin des staatlichen Forschungsinstituts für Pestbekämpfung in Irkutsk soll am 29. September mit einer schweren Lungenentzündung in das Krankenhaus der Kleinstadt Schelechow eingeliefert worden sein. In der Nacht zum 2. Oktober sei sie dort gestorben, wie die Moscow Times berichtete. Kurz darauf meldete der russische Telegram-Kanal Mash, die Frau habe an Lungenpest gelitten.

Nach einer Version soll ihr im Labor ein Reagenzglas mit dem Pesterreger Yersinia pestis zerbrochen sein. Nach einer anderen habe sie sich auf einer Dienstreise im benachbarten Burjatien angesteckt.

Offiziell spricht die russische Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadsor von einer Lungenentzündung unbekannter Ursache. In den Proben der Verstorbenen habe man keine Erreger gefunden, mit denen sie beruflich zu tun hatte, teilte die Behörde nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax mit. Bei Kontaktpersonen seien lediglich zwei Corona- und zwei Rhinovirus-Infektionen festgestellt worden. Auch gegenüber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte Russland nach Angaben eines WHO-Sprechers, in Irkutsk sei kein Pestfall registriert worden.

Die Begleitumstände passen allerdings kaum zu einem gewöhnlichen Infekt. Nach Berichten der Moscow Times und von Euronews stehen rund 200 Menschen unter ärztlicher Beobachtung. Mehrere Kliniken in Irkutsk wurden unter Quarantäne gestellt, mehr als 60 Kollegen der Verstorbenen blieben im Institutsgebäude isoliert. Der Chef der Nachbarrepublik Burjatien, Alexej Zydenow, schrieb zunächst von einem Tod durch Pest und ergänzte seine Aussage später um ein „möglicherweise“.

Ein Bakterium löst die Lungenpest aus

Die Pest wird durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst. In der Natur zirkuliert es unter wild lebenden Nagetieren und wird meist durch Flohstiche auf den Menschen übertragen. Die WHO unterscheidet zwei klinische Hauptformen. Bei der häufigeren Beulenpest gelangen die Bakterien in die Lymphknoten, die stark anschwellen. Unbehandelt stirbt nach WHO-Angaben ein Drittel bis mehr als die Hälfte der Erkrankten. Erreichen die Erreger die Lunge, über die Blutbahn oder direkt durch Einatmen, entsteht die Lungenpest.

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Sie ist die seltenste, aber gefährlichste Form. Die WHO beschreibt sie als die virulenteste Ausprägung der Krankheit. Die Inkubationszeit kann kürzer als 24 Stunden sein, und ohne frühe Behandlung verläuft die Krankheit immer tödlich. Für die Seuchenbekämpfung ist ein weiterer Unterschied entscheidend: Die Lungenpest kann von Mensch zu Mensch übertragen werden, über Tröpfchen beim Husten, ohne ein Tier als Zwischenwirt. Typisch sind hohes Fieber, Schüttelfrost, Atemnot und Husten, oft mit blutigem Auswurf. Anfangs ähneln die Beschwerden einer schweren Grippe oder Lungenentzündung, was die Diagnose erschwert.

Die gute Nachricht: Pest ist heilbar

Nach Angaben der WHO wirken Antibiotika gegen den Erreger, allerdings nur, wenn die Therapie sehr früh beginnt. Patienten mit Lungenpest müssen isoliert und von Personal in Schutzausrüstung behandelt werden. Enge Kontaktpersonen sollen laut WHO überwacht werden und sieben Tage lang vorbeugend Antibiotika erhalten. Kontakte erfassen, beobachten und isolieren: Genau dieses Vorgehen lässt sich derzeit in Irkutsk beobachten.

Ausgerottet ist die Pest nicht. Natürliche Herde gibt es in Afrika, Asien und Amerika, und jedes Jahr stecken sich Menschen an, wie der Mikrobiologe Brendan Wren von der London School of Hygiene & Tropical Medicine gegenüber Euronews erklärte. Die meisten Fälle werden derzeit aus Afrika gemeldet, vor allem aus Madagaskar und der Demokratischen Republik Kongo. Auch in Südsibirien ist der Erreger heimisch. Im Altai und im Grenzgebiet zur Mongolei übertragen infizierte Nagetiere die Krankheit immer wieder auf Menschen, berichtet die taz. Deshalb steht das Pestforschungsinstitut in Irkutsk.

So groß ist das Risiko für Deutschland

Für Europa sehen Fachleute derzeit keine erhöhte Gefahr. Nach Angaben von Euronews ist die Pest hier seit mehr als 50 Jahren verschwunden. Selbst wenn sich der Verdacht in Irkutsk bestätigen sollte, sprechen die bisher bekannten Schutzmaßnahmen gegen eine unkontrollierte Ausbreitung. Der US-Infektiologe Amesh Adalja vom Johns Hopkins Center for Health Security bezweifelt laut Washington Times ohnehin, dass es sich um Pest handelte. Die Reaktion der russischen Behörden passe nicht zu einem solchen Fall. In Deutschland muss nach dem Infektionsschutzgesetz bereits der Verdacht auf Pest gemeldet werden.

Solange Russland keine Laborbefunde vorlegt, bleibt ungeklärt, woran die junge Frau gestorben ist. Die EU-Kommission mahnte eine rasche Aufklärung an. Die US-Regierung drängt Russland laut einem Bericht des Wall Street Journal ebenfalls zu mehr Offenheit.

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