Seit 130 Jahren lehrt uns Bram Stokers „Dracula“ das Fürchten. In den vergangenen Jahrzehnten hat das Publikum aber auch oft über Vampire gelacht, siehe „Tanz der Vampire“ oder „5 Zimmer Küche Sarg“.
Auch Peter Jordan geht das Blutsauger-Thema in seinem neuen Stück „Dracula – Blutige Anfänger“ mit Humor an. Der Schauspieler hat die schräge Komödie über historische und gegenwärtige Untote nicht nur geschrieben, sondern führt auch Regie.
Das Ergebnis gibt es ab Oktober in der Komödie am Kurfürstendamm im Ernst-Reuter-Saal zu sehen. Vorher aber lesen wir noch, wo Peter Jordan in seiner Wahlheimat Berlin Puls kriegt und warum er trotzdem lieber ruhig Blut bewahrt.
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1. Herr Jordan, Sie sind 1967 in Dortmund zur Welt gekommen und dort auch aufgewachsen. Wann führte Ihr Weg Sie nach Berlin?
Ich bin immer der Arbeit hinterhergezogen. Nach neun Jahren fest angestellt am Thalia Theater in Hamburg ging der Chef Ulrich Khuon nach Berlin, um zur Spielzeit 2009/2010 das Deutsche Theater zu übernehmen. Meine Freundin ist mit ins Ensemble gegangen. Ich wollte frei arbeiten, bin aber natürlich trotzdem mit in die Hauptstadt.
2. Das erste Mal in Berlin – wie war das, was war Ihr erster Eindruck?
Ich kam aus Hamburg, was soll ich sagen? Dreckig, laut, chaotisch, aber deswegen sehr interessant. Das Ruppige kannte ich aus dem Ruhrgebiet. Auch wenn es da etwas netter rüberkommt. In Berlin sind sie wirklich schlecht drauf.
3. Ist Ihnen der Wechsel dennoch leicht gefallen oder haben Sie das Maritime oder den Ruhrpottcharme Ihrer Heimat vermisst?
Hamburg kann ganz schön kühl sein. Aber die Hamburger sind treu. Sie brauchen nur etwas länger. Sie müssen erst rausfinden, ob es sich lohnt. Aber der Hafen! Der Hafen!
Ruhrgebiet ist Heimat. Das ist undiskutierbar.
Zur Person
Seine Inszenierung „Dracula – Blutige Anfänger“ (Foto) feiert am 11. Oktober Premiere und ist bis 6. November an der Komödie am Kurfürstendamm im Ernst-Reuter-Saal zu sehen.
4. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
Wir hatten anfangs ein paar Wohnungsbesichtigungen, und unsere erste Wohnung im Prenzlauer Berg gefiel uns am besten. Die haben wir dann auch zum Glück bekommen.
Aber wo ich mich befand und was das alles „bedeutete“, das habe ich mir dann von Leuten, die in den Neunzigern aus dem Westen zugezogen waren, erklären lassen. Plus die unausweichliche Info, dass ich natürlich „für Berlin viel zu spät“ wäre. Ich hätte – natürlich – damals hier sein müssen!
5. Mittlerweile wird ja über Berlin mehr geschimpft als gejubelt. In den sozialen Medien heißt es gern, die Stadt verwahrlose zusehends, werde immer voller und aggressiver. Verstehen Sie den Unmut?
Die Leute sollten mal nach Delhi, Dakar oder Kairo fahren! Da wüssten sie, was sie hier hätten.
6. Was nervt Sie persönlich am meisten an der Stadt – und was heitert Sie wieder auf?
BVG nervt. Immer was kaputt oder Ersatzverkehr. In so einer Stadt sind die Öffis ein Statussymbol! Aber ich verlange viel und bin verwöhnt. In Stuttgart wartet man manchmal 15 Minuten auf die S-Bahn! Aber immer noch besser als in Bangladesch sechs Stunden auf den Bus.
Was ich mag: Die Welt ist hier. Im Sommer mit einem Bier am Späti, und alle kommen vorbei. Diese Stadt atmet Geschichte!
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Kreuzung Eberswalder Straße. Immer kurz vor dem Infarkt. Unter den Linden auf Höhe des Alten Fritz. Das macht schon was her!
Peter Jordan als Radiomoderator Jacoby (re.) in „Babylon Berlin“
© Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film
8. Ihre persönliche No-go-Area?
Es gibt ein paar Ecken im alten Westen und auch im alten Osten, die ich einfach nicht verstehe. Der Westen der City wurde nach dem Krieg einfach praktisch verbaut. Man füllte die Kriegslücken mit ungeplantem Sechziger- und Siebzigerjahre-Kram. Das finde ich sehr schade.
Natürlich hatte der Osten den Vorteil, dass man die alte Baustruktur erhalten musste, weil man gar nicht bauen oder sanieren konnte, aber der Westen hätte sich da schon ästhetisch ein bisschen Mühe geben können. Und dann verstehe ich nicht, warum man Schultheiss-Bier trinkt. Aber man möge mir verzeihen, ich komme aus Dortmund.
Der Osten ist vielerorts lebendig und modern, aber plötzlich kommt man in Gebiete, die spießiger sind, als es der Westen jemals war, mit Zäunen, zugepflasterten Vorgärten, Gartenzwergen und einem selbstgebauten Unterstand für die Wärmepumpe. Aber vielleicht ist auch das eher ein gesamtdeutsches Phänomen.
9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Uhh! Schwierig! Ein Lieblingslokal habe ich nicht. Dazu bin ich zu neugierig. Die Kinder allerdings wollen immer zum gleichen Asia. „Unser Asia“ ist ein Restaurant. Geführt wird es vom Bruder des „Freundes“ meines Sohnes. Der war der Vorbesitzer und ist mittlerweile im Ruhestand in Vietnam. Er hatte meinen Sohn immer mit „Hallo, mein Freund!“ angesprochen. Kinder nehmen das sehr ernst. Der neue Besitzer muss da jetzt durch.
10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Ich kaufe nie ohne Limit. Hippes Zeug in Mitte; aber wenn es passen soll im Westen mit Beratung. Ich brauchte mal eine Hose zu einem Jackett und wollte nicht gleich einen Anzug. Also bin ich nach Mitte und musste dann nach fünf Minuten Englisch-Konversation feststellen, dass der junge Mann mit den Tattoos leider keine Ahnung hatte.
Da bin ich an den Kudamm gefahren. Der Verkäufer in einem klassischen Herrenausstatter sah das Jackett und kam nach fünf Minuten mit sechs passenden Alternativen um die Ecke, von denen er drei gleich wieder weglegte, nachdem er sie mir eine Sekunde vor die Brust gehalten hatte. „Das nicht, das auch nicht!“, sagte er und warf sie auf einen Haufen Pullover. Sehr professionell!
11. Der beste Stadtteil Berlins – und der schlimmste?
Der beste Kiez ist immer der, in dem man selber wohnt. Kiez-Philosophie Berlin. Sonst überlebt man das nicht. Bei mir ist es eindeutig die Schönhauser Allee! Man sieht alles und man bekommt alles und das rund um die Uhr.
Ich liebe die Hochbahn, wie sie über den Straßen schwebt. Das macht eine große Stadt aus, weil man das tun muss, damit für alles Platz ist. Jede Seitenstraße hat ihren Reiz, und wenn man genug hat, dann kann man sich am Falkplatz oder im Mauerpark entspannen. Alles da und fußläufig!
12. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus?
Abhängen zu Hause und bei gutem Wetter zum See.
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