Warum nicht auch ein großer Streik? Wenn es nicht anders geht, wenn anders die Versorgung der Millionen Menschen hierzulande nicht gesichert werden kann, die auf Pflege angewiesen sind. Da doch die Politik die aufziehende Katastrophe nicht zu erkennen scheint. Oder nicht erkennen will. Schon heute müssen vier von fünf Einrichtungen der Diakonie ihre Angebote einschränken. Mit rund 2500 Einrichtungen ist sie mit Abstand der größte Wohlfahrtsverband Deutschlands.
Darauf hat die Diakonie jetzt hingewiesen, denn an diesem Freitag ist der Tag der Pflege. Auf dem Washingtonplatz in Berlin werden sie demonstrieren. Kein Streik, aber vielleicht ein Anfang. „Wir überlegen, ob wir mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen zum Erfolg kommen“, sagt Maria Loheide, im Vorstand der Diakonie für Sozialpolitik zuständig. Denn die neuesten Zahlen sind alarmierend. Sie stammen aus einer Umfrage von März und April unter 665 Einrichtungen und Diensten des evangelischen Verbandes.
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Rund 91 Prozent der befragten Einrichtungen aus dem ambulanten Sektor gaben demnach an, dass sie während der zurückliegenden sechs Monate ihre Leistungen aus personellen Gründen eingeschränkt haben. In der stationären Versorgung, bei Pflegeheimen, waren es immerhin noch 72 Prozent. Häufigster Grund für die Engpässe waren erkrankte Mitarbeiter. In 73 Prozent der Fälle meldeten sie sich kurzfristig ab. 66 Prozent fielen langfristig aus. Stellen nachzubesetzen, erweist sich der Analyse zufolge als extrem schwierig. 67 Prozent der befragten Einrichtungen gaben zu Protokoll, wegen freier Stellen ihr Angebot nicht aufrechterhalten zu können.
„Die seit Jahren zu knapp bemessenen Personalschlüssel in der Pflege“ nennt Maria Loheide als einen wesentlichen Grund. „Selbst wenn alle Mitarbeitenden an Bord sind, ist zu wenig Zeit für die Pflege des Einzelnen.“ Der demografische Wandel wird die Lage weiter verschärfen, binnen der nächsten zehn Jahre werden geschätzt eine halbe Million Pflegebedürftige hinzukommen. Pflegekräfte gehen derweil in Rente, benötigen selbst Pflege. „Das ist ein Teufelskreis, den Dienste und Einrichtungen nicht allein durchbrechen können“, sagt Loheide. Zumal die größte Gruppe derjenigen, die Menschen pflegen, die schwächste Lobby hat: die Angehörigen. Sie machen mehr als 80 Prozent aus.
Diakonie: Mehr als die Hälfte der Heime kann Betten nicht belegen
Wilfried Wesemann ist Vorstand des evangelischen Verbands für Altenarbeit und Pflege, er findet ohnehin, dass die verschiedenen Bereiche der Pflege stärker als eine Einheit gedacht werden müssten. „Wenn die ambulante Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann, müssen Menschen früher einen Heimplatz in Anspruch nehmen.“ Bei der Diakonie nennen sie das „Heimsog“. Wesemann sagt: „Neukunden finden keinen ambulanten Dienst.“ Bei fast 90 Prozent der Anfragen war das laut Erhebung so. „Bestandskunden können Leistungen nicht aufstocken.“ Nahezu ein Drittel betraf das.
Wozu diese Entwicklung führt, hat die Umfrage ebenfalls ergeben. Mehr als 56 Prozent der befragten stationären Einrichtungen gaben an, dass sie während des zurückliegenden halben Jahres Betten nicht belegen konnten. Teils aus Eigeninitiative, teils auf Anordnung einer Behörde. In jedem Fall, weil eine qualitativ angemessene Pflege sonst nicht mehr zu gewährleisten gewesen wäre.
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Uwe Kremers kann als Geschäftsführer der Diakoniestation Radevormwald in Nordrhein-Westfalen nicht darauf warten, dass die Politik das Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe erfasst. Er und sein Team wollen Pflegebedürftige nicht im Stich lassen und haben sich inzwischen selbst Lösungen überlegt, um dem größten limitierenden Faktor beizukommen: dem Personalmangel. „Wir haben sogar einen Werbespot im Supermarkt geschaltet“, erzählt Kremers.
Vor allem haben sie überlegt, wie sie zu einem Gehalt beitragen können, das der anspruchsvollen Arbeit angemessen ist. Sie bieten nun Pflegekräften, die anderswo in Teilzeit beschäftigt sind, einen Minijob an, mit dem diese ihr Einkommen aufstocken können. „Das rechnet sich steuerlich günstiger“, sagt Kremers. So verdient sich etwa ein Mitarbeiter einer Klinik bei einem Dienst der Diakonie etwas dazu.
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Wilfried Wesemann sagt, auch andere Einrichtungen seien kreativ geworden. Das Problem lösen würden sie damit natürlich nicht: Rund drei bis sechs Monate dauert es derzeit im Durchschnitt, bis eine freie Stelle besetzt ist. Im ambulanten Bereich sind es sogar neun Monate bis ein Jahr. Ungelernte Mitarbeiter lassen sich zwar schneller finden, doch sie eignen sich bestenfalls für die Akutversorgung des Patienten Pflege. Der benötigt eine neue Therapie, von Grund auf überarbeitet und solide finanziert. Wesemann fordert: „Wir brauchen einen Pflegegipfel.“
Bundeskanzler Olaf Scholz hat ein solches Treffen zugesagt, eine Konferenz mit Vertretern aller an der Pflege Beteiligten, von den Angehörigen bis zu den Heimen. Da war der SPD-Politiker allerdings noch nicht Bundeskanzler, wollte Regierungschef erst noch werden. „Unser Eindruck ist“, sagt Wesemann, „dass die Politik die Situation nicht als so bedrohlich einschätzt, wie sie tatsächlich ist.“ Bei der Diakonie hoffen sie immer noch, dass sie nicht erst streiken müssen, damit sich etwas ändert. Denn, so hat es Maria Loheide formuliert: „Wir befinden uns auf dem Weg von der Krise in die Katastrophe.“
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