„Auf einmal waren sie alle Kapitalisten. So eine Scheiße.“ Maik Hosang lacht, als er von seiner Zeit an der Humboldt-Universität erzählt. Mitte der 80er Jahre hatte er dort begonnen, Philosophie zu studieren. Eigentlich, sagt er, sei er mathematisch und physikalisch begabt gewesen; habe Elektrotechnik oder Physik studieren wollen. Dann sei ihm aufgefallen: „Ich muss doch erst mal Philosophie studieren, um mich zu verstehen.“
Die Philosophie an der Humboldt-Universität sei damals, obwohl das politische System längst erstarrt gewesen sei, erstaunlich offen gewesen. Hosang beschäftigte sich mit Marx, Fichte, Hegel, Schelling, mit der Romantik und der Frage, wie Menschen frei werden können. Dann kam die Wende. Viele seiner Professoren hätten sich schnell von Marx verabschiedet. Hosang nicht. „Diese Grundidee von Marx“, sagt er, „das müssen wir festhalten, das dürfen wir nicht vergessen“: die Vorstellung, dass der Kapitalismus irgendwann Bedingungen hervorbringen könnte, unter denen er sich selbst überholt.
Knapp vier Jahrzehnte später sitzt Hosang neben Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen, im Theater Ost. Noch hat der Kapitalismus sich nicht überholt. Aber vielleicht ist es bald so weit: An diesem Donnerstagabend im Frühherbst diskutieren Hosang und Friedrich darüber, ob die nächste große Veränderung nicht schon längst begonnen hat.
Staatsratsgebäude und Kaderschmiede für Kapitalisten
Hosang zieht dafür immer wieder die Wende heran. „In jeder untergehenden Epoche“ gebe es Menschen, die an ihren Positionen, Rollen und Sicherheiten festhielten. „Die haben dann wenig Interesse, dass sich das ändert.“ Auch in der DDR sei die Perestroika in der Sowjetunion längst in Gang gewesen, während sich die Führung noch gegen Veränderungen stemmte. „Zehn Jahre haben die Vertreter sich sehr viel Mühe gegeben, das zu verhindern“, sagt Hosang. Heute, glaubt er, könnte sich eine ähnliche Situation wiederholen, nur in erheblich größerem Maßstab.
Zukunft mit KI: Gehen wir in eine Welt ohne menschliches Zentrum?
Friedrich gefällt der Gedanke. Er erinnert an das frühere Staatsratsgebäude der DDR, in dem heute eine private Wirtschaftshochschule sitzt. Eine „imperialistisch geführte Kaderschmiede für Kapitalisten“, wie er sagt. Ende der 80er Jahre hätte sich kaum jemand vorstellen können, was nur wenige Jahre später aus den Institutionen der DDR werden würde. Friedrich zieht daraus die Gegenwartsfrage: „Was geschieht mit dem Bundeskanzleramt?“
Was spricht gegen eine Ein-Tage-Woche? Nichts
Der Umbruch, über den die beiden an diesem Abend vor allem reden, heißt allerdings Künstliche Intelligenz. Friedrich sieht wenig Grund für die verbreitete Angst. „Insofern ist nicht die Frage, dass wir die Technik weniger nutzen oder von uns fernhalten“, sagt er, „sondern dass wir lernen sollten, mit diesen erweiterten Möglichkeiten umzugehen.“ Wenn Maschinen immer mehr repetitive Arbeit übernehmen könnten, müsse das nicht weniger Freiheit bedeuten, sondern möglicherweise mehr. „Was spricht dagegen, dass wir nur noch eine Ein-Tage-Woche haben? Nichts.“
Hosang geht noch weiter. KI könne menschliche Schwächen ausgleichen, Informationen zusammenführen und Zusammenhänge sichtbar machen, die ein einzelner Mensch kaum überblicken könne. „Wie können wir diese Künstliche Intelligenz nutzen, um unsere Schwächen auszugleichen?“, fragt er. „Die deutsche Wissenschaft gibt Milliarden aus, um Vergangenheit zu erforschen, und um die Zukunft kümmert sich hier kein Schwein.“
Der Mensch muss Werte setzen
Ganz einig sind sich die beiden trotzdem nicht. Als Hosang der KI selbst eine Form von Intelligenz zuschreibt, widerspricht Friedrich. „Es ist simple statistische Kompression“, sagt er. Hosang hält dagegen, die Maschine verdichte immerhin, „was die Menschen da reingestellt haben“. Friedrich bleibt dabei: „Die KI ist frei von Intuition. Und das ist genau unser humaner Wert.“ Sie könne Informationen sammeln, ordnen und verbinden. Aber was davon relevant sei und welchen Wert etwas habe, müsse der Mensch entscheiden.
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Hosang nennt das „Co-Creation“. Schon Nietzsche hatte den Menschen als ein Wesen verstanden, das Werte setzt. Genau diese Aufgabe könne die KI nicht übernehmen. „Die KI braucht uns, um genau diese Wertsetzung“ vorzunehmen, sagt Hosang. „Der Mensch hat diese Verbindung mit dem Kosmos“, sagt er. „Das hat die KI nicht.“
Wie diese Verbindung zustande kommt? „Egal ob durch Pilze, durch guten Sex oder durch was auch immer“, sagt Hosang.
Das Publikum lacht. Friedrich schmunzelt.
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