Kommentar

PISA-Katastrophe: Diese Bildungspolitik ist Volksverrat

Bildung ist zu Sozialpolitik verkommen, Bestenauslese gestrichen. Schulen wurden zu Orten, die Kränkungen vermeiden und Abschlüsse verschenken. Unsere einzige Ressource wird wertlos.

6 Min
In Deutschland verfehlt ein Drittel der 15-Jährigen das Mindestniveau in Mathematik, beim Lesen sind es 32 Prozent.

In Deutschland verfehlt ein Drittel der 15-Jährigen das Mindestniveau in Mathematik, beim Lesen sind es 32 Prozent.

© Monika Skolimowska/dpa/dpa-tmn

Wozu unterhält ein Land Schulen? Die Frage klingt banal. Aber tatsächlich haben wir vergessen, warum Schulpflicht herrscht und wozu Bildung dient. Ein Staat zwingt seine Kinder zwölf Jahre lang in Klassenräume, er bezahlt Hunderttausende Lehrer, er unterhält Kultusministerien, Schulämter und Prüfungsbehörden. Er tut das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil er ohne gebildete Bürger aufhört zu funktionieren.

Der Betrieb, der eine Fachkraft sucht, das Amt, das einen verständlichen Bescheid schreiben soll, das Krankenhaus, in dem jemand eine Dosierung verstehen muss, die Brücke, deren Statik jemand berechnet, das Labor, in dem jemandem etwas einfällt, das Gericht, in dem jemand einen Sachverhalt erfassen soll: Bildung ist die Grundlage all dessen, und sie ist erfolgreich, wenn sie Menschen hervorbringt, die diese Aufgaben beherrschen. Wie es um all diese Bereiche bestellt ist, sehen wir ja.

Mindestniveau in Mathematik wird nicht erreicht

Auch der Einzelne, der etwas erlernt, profitiert davon, gewiss. Vor allem aber profitiert das Gemeinwesen, das die Kosten trägt. Selbstverwirklichung ist schön und wichtig. Wenn alle nur für das Gemeinwesen schuften, aber keiner für sich selbst, wie im Kommunismus, ist die Motivation gering. Doch der eigentliche Zweck bleibt prosaisch. Menschen werden vom Staat auf dessen Kosten ausgebildet, um ein produktiver Teil der Gesellschaft zu werden. Damit das Land überleben kann. Und ein Land wie unseres, ohne Öl, Gas und Erz, lebt von seinen Köpfen, und sonst von nichts.

An diesem Maßstab muss man die Zahlen messen, die die OECD am Dienstag vorgelegt hat. Die Studie prüft, ob 15-Jährige einen Text verstehen, einen Dreisatz lösen und ein Experiment deuten können, also genau die Fähigkeiten, die ein Betrieb, ein Amt oder ein Krankenhaus später voraussetzen. In Deutschland verfehlt ein Drittel der 15-Jährigen das Mindestniveau in Mathematik, beim Lesen sind es 32 Prozent. In einer Klasse mit 30 Schülern sitzen also zehn Jugendliche, die von einer Betriebsanleitung, einem Mietvertrag oder einem Beipackzettel überfordert sind. Diese zehn werden in zwei Jahren eine Lehre beginnen oder eine Berufsschule besuchen, und die Betriebe, die seit Jahren in jeder Konjunkturumfrage über fehlende Fachkräfte klagen, werden sie als Bewerber vorfinden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Der wissenschaftliche Leiter der Studie in Deutschland, Samuel Greiff, hat den Rückgang übersetzt. Was ein 15-Jähriger heute könne, habe ein 13-Jähriger vor zehn Jahren bereits gekonnt. Zwei Schuljahre sind innerhalb eines Jahrzehnts aus dem System verdunstet. Ein 15-Jähriger von heute steht dort, wo seine älteren Geschwister mit 13 standen. Niemand hat ihm das gesagt. Aber schlimmer noch, das Gegenteil wurde behauptet. Die Zeugnisse, die er mit nach Hause bringt, sehen besser aus als je zuvor. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs erwirbt heute eine Hochschulzugangsberechtigung, in den Achtzigerjahren war es rund ein Viertel. Deutschland war auf dem Papier nie so gebildet wie heute und hat zugleich in allen drei Prüfungsbereichen den schlechtesten Wert seiner PISA-Geschichte erreicht. Diese beiden Kurven laufen seit Jahren auseinander, und die Lücke dazwischen ist der Ort, an dem die deutsche Bildungspolitik ihre Schandtat vollbracht hat.

Sie hat der Schule den Zweck genommen. Aus einer Einrichtung, die Leistung hervorbringen und prüfen soll, wurde eine Einrichtung, die Kränkungen vermeidet. Hamburg schaffte 2010 das Sitzenbleiben ab, andere Länder erklärten es zur Ausnahme oder ersetzten es durch Fördervereinbarungen. Niemand sollte beschämt werden, niemand am Ende ohne Abschluss dastehen. Der Abschluss wurde zur Transferleistung, die man für Anwesenheit erhält, und Bildungspolitik wurde zu Sozialpolitik. Das wirkt nur human. Am Ende dient die Lüge niemandem.

Das ist Verrat an der Jugend und am Land

Dem Handwerksmeister dient sie nicht, er erkennt binnen Minuten, was das Zeugnis wert ist. Der Universität dient sie nicht, sie schickt ihre Erstsemester in Vorkurse, in denen Bruchrechnen wiederholt wird. Dem Jugendlichen dient sie auch nicht, denn er ist der Einzige, der zehn Jahre lang geglaubt hat, es sei alles in Ordnung. Jetzt ist er ein Versager. Man hat ihm die Zumutung erspart und ihm damit die Erfahrung genommen, an etwas zu scheitern und es beim zweiten Anlauf zu bewältigen. Das ist Verrat an der Jugend und am Land.

Wer die Bestenauslese aufgibt, gibt die Voraussetzung dafür auf, dass die anspruchsvollen Aufgaben eines Landes von denen erledigt werden, die sie beherrschen. Acht Prozent der deutschen Schüler erreichen in Mathematik die beiden oberen Kompetenzstufen, Deutschland rangiert auf den Plätzen 23–25 weltweit, angeführt werden alle drei Listen von Singapur und vier chinesischen Regionen.

Das deutsche System verwaltet Schwäche mit großem Aufwand und duldet Stärke mit Unbehagen. Wer schnell begreift, langweilt sich. Wer besser sein will, hat Pech gehabt. Exzellenz existiert in Förderanträgen und Ministerbroschüren. Ein Land, das seine klügsten Köpfe nach Zürich, Kopenhagen und Kalifornien treibt und den Rest durch ein System schickt, das abwärts befördert, vergisst sich und seine Daseinsberechtigung.

Seit 2015 fällt die Kurve

Deutschlands beste PISA-Werte stammen aus dem Jahr 2012, als das Land in Mathematik 514 und in den Naturwissenschaften 524 Punkte erreichte. Seit der Erhebung 2015 fällt die Kurve, und sie hat sich seither in jeder Runde weiter geneigt. Ab Herbst 2015 kamen innerhalb weniger Jahre Hunderttausende Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Gesellschaften ins Land, die kein Deutsch sprachen, und die Jahrgänge, die 2018, 2022 und jetzt 2025 getestet wurden, sind die ersten, die mit ihnen durch das System gegangen sind.

In den Naturwissenschaften erreichen Schüler ohne Migrationsgeschichte 521 Punkte, spät zugewanderte Schüler 392. Der Abstand von 129 Punkten entspricht nach dem Umrechnungsschlüssel der OECD mehr als vier Schuljahren, und beide Gruppen sitzen in denselben Räumen. Der Unterricht verlangsamt sich auf das Tempo derer, die ihm kaum folgen können, und verliert sie trotzdem. Die Politik hat 2015 die Grenzen offen gehalten und die Bildung von Hunderttausenden deutschen Kindern dafür geopfert. Man setzte Migranten ohne Deutschkenntnisse in Regelklassen und wartete ab. Zu den Lernschwierigkeiten kam die Gewalt traumatisierter Personen.

Was zu tun wäre, ergibt sich aus der Eingangsfrage. Wenn Bildung dem Gemeinwesen dient, muss sie prüfen, ob sie ihren Zweck erfüllt, und sie muss Konsequenzen ziehen, wenn nicht. Ein verbindlicher Sprachtest mit vier Jahren, Förderung vor dem Schuleintritt, Prüfungen, die man auch verfehlen kann, Noten, die etwas bedeuten, ein Abitur, das wieder eine Auslese darstellt, und Lehrer, die etwas verlangen dürfen, ohne dass Eltern den Anwalt holen oder gleich handgreiflich werden. Nichts davon ist grausam. Grausam ist ein Land, das seinen 16-Jährigen und sich selbst vorgaukelt, sie hätten etwas gelernt und könnten im Wettbewerb mithalten. Und es ist für einen Staat, der nur von den Fähigkeiten seiner Bürger lebt, Volksverrat.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner