Bildung

Pisa-Schock: Was Deutschland von Schulsystemen in China, Singapur und England lernen kann

Disziplin und Fachwissen statt vager „Kompetenzen“ und Handysperre: Was die Spitzenreiter stark macht, soll angeblich hier nicht möglich sein. Ein Vergleich

9 Min
Deutschland hat in der jüngsten Pisa-Studie erneut schlecht abgeschnitten.

Deutschland hat in der jüngsten Pisa-Studie erneut schlecht abgeschnitten.

© Bernd Weißbrod/dpa

Das lausige Abschneiden deutscher Schüler in der jüngsten Pisa-Studie hat nur einen kurzen Schreck ausgelöst – man kennt das ja schon, seit 15 Jahren geht es bergab. Die Leistungen der 15-jährigen Deutschen in Mathematik und Lesen sind noch einmal erheblich schlechter geworden, in den Naturwissenschaften fiel der Niedergang etwas weniger schlimm aus.

Wie man es auch nimmt: Die deutschen Schüler schneiden so schlecht ab wie nie zuvor in einer Pisa-Studie. Diesmal stand die Veröffentlichung der Ergebnisse unter dem Titel „Bereit für die Zukunft?“ – das Fragezeichen, das die Verfasser hier setzen, muss man sich als sehr groß vorstellen.

Zugleich zeugen die Resultate von einer Verschiebung der internationalen Verhältnisse im Vergleich der 91 untersuchten Länder. Die Gruppe der 38 OECD-Staaten, also der als wirtschaftlich stark geltenden Industrienationen, sackt massiv ab, Deutschland steht in diesem Kreis nicht allein als Verlierer da.

Es fehlen Grundkompetenzen für das Leben

Im Vorwort schreiben die Verfasser der Pisa-Studie 2025: „Im OECD-Raum gelten inzwischen 20 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in allen drei Kompetenzbereichen als leistungsschwach, gegenüber 16 Prozent im Jahr 2022. Diesen Schülerinnen und Schülern fehlen die nötigen Grundkompetenzen, um in der weiterführenden Bildung, im Beruf und im Alltag erfolgreich zu bestehen.“

Deutsche Zahlen bestätigen die Einschätzung: Mehr als sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs, also fast 60.000 junge Leute pro Jahr, verlassen die Schule ohne Abschluss. Der INSM-Bildungsmonitor 2026 lieferte diese Auskunft: 18,8 Prozent der jungen Erwachsenen haben keinen Berufsabschluss. Fast jeder Fünfte. Die wichtigste Ressource des Landes – die jungen Menschen – wird abgehängt.

Die Spitzengruppe der Länder mit den besten Schulleistungen besteht aus asiatischen Staaten: Die vier chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang, bei Pisa als P-S-J-Z (China) ausgewiesen, sowie Singapur (beide keine OECD-Länder) erzielten in allen drei Kompetenzbereichen die höchsten Ergebnisse. Auch Macau (China), Taiwan, Japan und Südkorea gehören zu den Leistungsstärksten. Recht weit vorn dabei sind noch zwei europäische Staaten: Estland und England. Was machen diese Länder besser? Wie haben sie ihre Bildungssysteme organisiert, und wie motivieren sie die Schülerinnen und Schüler?

Eine Lehrerin schmückt ein Klassenzimmer in einer Grundschule in Taizhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu. Chinesische Eltern nehmen Schule sehr ernst.

Eine Lehrerin schmückt ein Klassenzimmer in einer Grundschule in Taizhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu. Chinesische Eltern nehmen Schule sehr ernst.

© Zhou Shege/XinHua/dpa

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

China belegt Platz 1 in Mathematik und Naturwissenschaften. Wang Min ist 27 Jahre alt und hat das chinesische Bildungssystem komplett durchlaufen: sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Sekundarschule. Dann endet die Schulpflicht. Für die weiterführende Schule legte sie eine Prüfung ab, für die sie sehr, sehr viel gebüffelt hat. Der nächste Härtetest folgte mit Abschluss der zwölften Klasse. Hier entscheidet sich, ob man an einer der renommierten Hochschulen weitermachen darf. Wang Min hat in Shanghai studiert und arbeitet in Deutschland an ihrer Dissertation. Es geht gut voran.

Ihren Heimatort beschreibt sie als „eine dieser kleineren Städte“ im Süden Chinas. Nur vier Millionen Einwohner. Geradezu beschaulich. Heiter und entspannt erzählt sie von ihrer Schulzeit: Von 7.30 Uhr bis 17.30 Uhr füllte Unterricht den Tag, zu Hause ging das Lernen weiter: „Ich hatte in meiner Schulzeit kein Wochenende frei.“

Die Eltern zahlten Förderunterricht, „nicht weil ich eine schlechte Schülerin war, sondern weil alle Eltern das machten“. Als verantwortungslos gelte, wer das nicht tue. „Der Druck ist hoch“, sagt Wang Min, die Regierung versuche, diesen Bildungswettstreit der Eltern zu mildern. Aber das sei schwer. Die vielen Mühen, die geringe Freizeit beklagt sie nicht. Sie sieht es als Voraussetzung, um etwas aus dem eigenen Leben zu machen.

Und wie hielt man es mit der Handynutzung?

Die deutsche Bundesbildungsministerin Prien hat wenige Tage nach dem neuerlichen Pisa-Schock ihre zunächst noch vagen Pläne zum Begrenzen der Handynutzung vorgestellt. Eine Expertenkommission lieferte 56 Handlungsempfehlungen, darunter ein mögliches Handyverbot bis zur siebten Klasse. Prien will die Altersgrenze für Social-Media-Nutzung bei 13 Jahren setzen.

China mit seiner technikbegeisterten Bevölkerung und der Allgegenwart von Mobiltelefonen führte bereits 2021 strenge Regeln ein. Wang Min erzählt: „In allen Schulstufen ist das private Handy strikt verboten. Wer trotzdem eins dabei hat und erwischt wird, muss mit harter Bestrafung rechnen: Die Eltern werden einbestellt. Gesichtsverlust. Sehr peinlich.“

Selbstverständlich würden im Unterricht digitale Medien genutzt und stünden für Einzelarbeit in entsprechenden Räumen zur Verfügung. Zu Hause habe sie kein eigenes Gerät gehabt, sondern immer mit den Eltern verhandeln müssen. Erst mit 14 bekam sie ein eigenes Handy, allerdings auf wenige Apps beschränkt und mit Zeitbegrenzung. So sei das bei ihren Freundinnen auch gewesen.

Der Staat setzt den Rahmen: Kinder unter acht Jahren dürfen maximal 40 Minuten, Sechs- bis 16-Jährige eine Stunde und Jugendliche bis 18 Jahre maximal zwei Stunden am Tag im Netz surfen. Für das mobile Internet gilt eine Nachtsperre zwischen 22 und 6 Uhr.

Musikunterricht in Shanghai: Vor allem Mittelstandseltern investieren einen großen Teil ihres Einkommens in Nachhilfe und fördern ihre Kinder extrem.

Musikunterricht in Shanghai: Vor allem Mittelstandseltern investieren einen großen Teil ihres Einkommens in Nachhilfe und fördern ihre Kinder extrem.

© Maritta Tkalec/Berliner Zeitung

Aus den Pisa-Ergebnissen lässt sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Leistung und Handyregeln erkennen. Verbote gehen mit weniger Ablenkung einher, zeigt die Auswertung: Schülerinnen und Schüler in Schulen mit Handyverbot berichten mit einer um rund 22 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit von digitaler Ablenkung.

Auf die entsprechende Pisa-Frage gaben 70 Prozent der Schüler in P-S-J-Z (China) an, dass sie keine Ablenkung durch Verwendung digitaler Medien erlebten, in Deutschland sagten das nur 37,5 Prozent. Dort wie hier nutzen Schüler Künstliche Intelligenz zur Problemlösung, in Deutschland etwas häufiger als in China. In beiden Ländern geben sie an, sie lernten im Unterricht, mit KI erzeugte Informationen zu bewerten. In Deutschland sagten das 47,6 Prozent, in China 50,2 Prozent.

Die Pisa-Autoren schlussfolgern: „Wenn digitale Geräte nur in begrenztem oder moderatem Umfang zum Lernen in der Schule genutzt werden, geht dies häufig mit besseren Ergebnissen einher; wenn sie jedoch zum Zeitvertreib in der Schule genutzt werden, verkehrt sich dieser Zusammenhang ins Gegenteil und die Schülerleistungen fallen deutlich niedriger aus.“

Den Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und Leistungen beschreiben die Pisa-Autoren als „komplex“: Schüler, die KI nicht für konkrete Schulaufgaben nutzten, erzielten bessere Leistungen als solche, die KI für diesen Zweck nutzten. Gehe „eine häufige KI-Nutzung mit Möglichkeiten zur Entwicklung von KI-Kompetenzen einher“, schnitten die Schüler in der Regel etwas besser ab.

Singapur – das Lehrerparadies

Singapur, der andere Pisa-Star, kann als Stadtstaat (mit kleinerer Fläche als Berlin und sechs Millionen Einwohnern) nicht auf Rohstoffreichtum aufbauen. 1965, als Singapur unabhängig wurde, zählte die Mehrheit der Einwohner zu den Analphabeten. Seither verlief die Bildungskarriere sensationell. Zwar endet die gesetzliche Schulpflicht nach der sechsten Klasse, doch wechseln in der Realität nahezu 100 Prozent der Schüler freiwillig für vier bis fünf Jahre auf die Sekundarschule, um dort nach weiteren vier bis fünf Jahren einen Abschluss zu machen. 20 Prozent der Staatsausgaben fließen in das Schulsystem – vor allem in die Lehrkräftebildung. Lehrerinnen und Lehrer haben in Singapur in jeder Hinsicht einen hohen Sozialstatus: Ansehen, Verdienst, Karrierechancen.

Alexander Brand erzählt in seinem Buch „Die Bildungsweltmeister: Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können“ aus Singapur von den Vorzügen der staatlichen Lernplattform Student Learning Space mit KI-Funktion. Ein Geschichtslehrer habe letztere in einer Stunde zum Nationalsozialismus eingesetzt. Die Schülerinnen und Schüler sollten schriftlich auf ihren Laptops darlegen, welche Eigenschaften der NSDAP den Aufbau eines totalitären Staates begünstigten. Das KI-Tool analysierte die Texte in Echtzeit und lieferte dem Lehrer eine Übersicht, welche Merkmale von wem erkannt wurden. Derart informiert über den Wissensstand führte er den Unterricht fort.

Im Fall des Pisa-Musterschülers Estland beobachtete der Autor zwar ungünstige äußere Umstände, recht traditionelle Unterrichtsmethoden und erheblichen Lehrermangel, aber eine herausragend motivierte Lehrerschaft mit „fast märtyrerhafter Arbeitshaltung“. Das attestiert der Bildungsreisende dem Land generell: ein „allgemeines Ethos von Ehrgeiz und Disziplin“.

Großbritannien gelang mit Pisa 2025 der Sprung in die globalen Top Ten in allen drei Kernbereichen. Das bewirkte allein der Leistungszuwachs in England, während die Schüler in Schottland und Wales auf teilweise historische Tiefstände fielen. Wie das? Brand erfuhr: England führte einen Lehrplan ein, der Fachwissen statt Kompetenzorientierung in den Vordergrund stellt.

Nun weiß man auch in England um die Bedeutung der sogenannten 21st Century Skills wie Kreativität, Problemlösen und kritisches Denken in modernen Volkswirtschaften. Aber man kam zu der Einsicht, dass diese Kompetenzen nicht unmittelbar unterrichtet werden können, sondern Folge und Ausdruck von erworbenem Fachwissen sind. Klare Strukturierung und systematisches Einfordern von Disziplin verbesserten in den Schulen das Arbeitsklima. Das half vor allem Schülern mit Bildungsproblemen. Die Engländer haben die Bildung vom Kopf auf die Füße gestellt!

Genau andersherum lief es in Finnland, das früh das DDR-Bildungssystem in angepasster Form übernommen hatte und um die Jahrtausendwende zum Bildungsstar aufgestiegen war. Nun fällt das Land seit Jahren ab. Der finnische Bildungshistoriker Jari Salminen von der Universität Helsinki erklärt es so: „Die Regierung hat die fachspezifischen Lernziele zugunsten abstrakterer Kompetenzen zurückgedrängt, die schwer zu fassen sind.“

Nicht nur die Schüler der Eliteschule Eton genießen gute Bildung. England ist in die Pisa-Spitzengruppe aufgestiegen: Man setzt seit Jahren auf Wissenvermittlung statt vager Formung von „Kompetenzen“.

Nicht nur die Schüler der Eliteschule Eton genießen gute Bildung. England ist in die Pisa-Spitzengruppe aufgestiegen: Man setzt seit Jahren auf Wissenvermittlung statt vager Formung von „Kompetenzen“.

© Tim Graham/Imago

Wenn diese Debatte mal die deutsche Bildungslandschaft so richtig erfasste! Das hiesige System bewegte sich – siehe Finnland – von der inhaltsorientierten Wissensvermittlung weg hin zur „handlungsorientierten Kompetenzorientierung“. Die Resultate sind unübersehbar. „Etwas mit Medienkompetenz“ zu lernen und „zu wissen, wo etwas steht“, ging einher mit sinkendem Anspruchsniveau – selbst literarische Texte wurden in der Einfache-Sprache-Mühle geschrotet. Genaues Lesen schlaucht die armen Schüler womöglich zu sehr. Falsch verstandene Demokratisierung senkt offenkundig das allgemeine Niveau zum Schaden aller.

Die bittere Wahrheit, die Pisa 2025 für Deutschland nahelegt: Das System benachteiligt Benachteiligte weiter. Es hat sich den Ruf erworben, das ungerechteste der Welt zu sein. In den besten Bildungsnationen lohnt sich Leistung statt Herkunft. Das unbeliebte Büffeln und Bimsen bringt spürbare Erfolge. Deutsche Bildungspolitiker wollen vom Vorteil disziplinierten Lernens lieber nichts wissen, reden sich mit Föderalismus, anderer Kultur, Landesgröße heraus.

In der neuen Pisa-Studie findet sich eine abgründige Einschätzung: 33 Prozent der befragten Schüler in Deutschland stimmen der Aussage zu, die Schule sei Zeitverschwendung. Seit 2022 ist dieser Anteil um vier Prozentpunkte gestiegen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner