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Plädoyer für radikales Umdenken: ein neuer Blick auf Mary Shelleys „Frankenstein“

Der Klassiker ist mehr als eine Schauergeschichte. Er ist eine grundlegende Reflexion über Wissenschaft, Macht, Verantwortung und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Jenny Farrell
8 Min
Boris Karloff (l.) und Glenn Strange in „Frankensteins Haus“ aus dem Jahre 1944

Boris Karloff (l.) und Glenn Strange in „Frankensteins Haus“ aus dem Jahre 1944

© Ronald Grant/Imago

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Ein weiterer Frankenstein-Film ist in die Kinos gekommen. Trotz positiver Kritiken und erwarteter Auszeichnungen hat er nur wenig mit dem gleichnamigen Roman gemein. Anlässlich des 175. Todestages von Mary Godwin Shelley werfen wir einen neuen Blick auf dieses Werk.

Mary Shelleys „Frankenstein“ – achtzehnjährig 1816 verfasst – entstand in einer Phase ausgeprägten politischen Konservatismus im nachnapoleonischen Großbritannien. Die Angst vor einem Übergreifen revolutionärer Ideen aus Frankreich schuf ein repressives gesellschaftliches Klima. Das Erbe der Französischen Revolution, verstärkt durch Jahre des Kriegs und wirtschaftlicher Krisen, führte verbreitet zu Unruhen und veranlasste Staat und Verbündete, destabilisierende Ideen gezielt zu unterdrücken.

Radikale Politik, religiöser Dissens und neue wissenschaftliche Theorien über Leben und Materie galten als Bedrohung der sozialen Ordnung. Besonders materialistische Erklärungsmodelle und frühe evolutionäre Ansätze gerieten als Gefahr für Kirche und Staat unter konservativen Beschuss. Debatten über das Wesen des Lebens wurden politisiert, brachten Zensur, Verfolgung und Blasphemieprozesse. Wirtschaftliche Not, industrieller Wandel und Reformbewegungen verschärften die Lage weiter, sichtbar etwa in den Aufständen der Ludditen (1811–19).

Shelleys Roman muss zudem im Licht ihrer familiären Herkunft und ihres intellektuellen Erbes gelesen werden. Als Tochter William Godwins, des führenden radikalen englischen Denkers der 1790er-Jahre, und Mary Wollstonecrafts, der wegweisenden Frauenrechtlerin, wuchs sie inmitten von Debatten über Vernunft, Gleichberechtigung und soziale Reformen auf. Frankenstein spiegelt dieses Erbe deutlich wider.

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Entstanden an den Ufern des Genfer Sees

Der Roman setzt sich mit radikaler zeitgenössischer Wissenschaft auseinander, stellt Leben als Ergebnis materieller Prozesse ohne göttliches Eingreifen dar und leitet menschliche Entwicklung aus Empfindung, Umwelt und Erfahrung her. Damit schließt er ausdrücklich an materialistische Denkweisen an. Das Exil der Shelleys und Byrons auf dem Kontinent unterstreicht diesen Druck: Percy Bysshe Shelleys offener Atheismus und Radikalismus machten England für ihn zunehmend feindselig.

Nach ihrer Abreise 1816 kehrten Mary und Percy Shelley zu seinen Lebzeiten nicht mehr zurück. Aus der Schweiz und später Italien beobachteten sie die britische Repression; Shelley und Byron schufen einige ihrer radikalsten Werke, während Mary „Frankenstein“ verfasste.

„Frankenstein“ entstand im Sommer 1816 am Ufer des Genfersees im exilierten Kreis um Percy Bysshe Shelley, Lord Byron, Claire Clairmont und Byrons Leibarzt John William Polidori. Anhaltendes Schlechtwetter – das „Jahr ohne Sommer“ – zwang die Gruppe zu langen Abenden im Haus, gefüllt mit Gesprächen über Philosophie, Naturwissenschaft und das Wesen des Lebens. Nach der gemeinsamen Lektüre deutscher Schauerliteratur, insbesondere aus der Sammlung „Fantasmagoriana“ (1812), schlug Byron einen literarischen Wettbewerb vor: Alle sollten eine Schauergeschichte schreiben.

Aus dieser Anregung gingen zwei Texte von bleibender Bedeutung hervor: Mary Shelleys „Frankenstein“ und Polidoris Erzählung „The Vampyre“ (1819). Letztere begründete den modernen literarischen Archetyp des aristokratischen Vampirs, Lord Ruthven, als Metapher eines gefährlichen, bluttrinkenden Feudalherrn, und ebnete damit direkt den Weg für Bram Stokers „Dracula“ (1897). Während Byron und Percy Shelleys eigene Versuche Fragmente blieben, erdachte Mary Shelley einen Roman, der den Rahmen einer „Schauererzählung“ sprengte und zu einer grundlegenden Reflexion über Wissenschaft, Macht, Verantwortung und gesellschaftliche Ausgrenzung wurde.

Als eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur schildert „Frankenstein“ die Geschichte Victor Frankensteins, eines jungen Wissenschaftlers, der aus Wissbegier und dem Drang heraus, natürliche Grenzen zu überschreiten, ein Wesen aus zusammengesetzten Körperteilen zum Leben erweckt. Im Moment der Belebung jedoch weist Victor seine Schöpfung entsetzt zurück, verlässt sie und überlässt sie ihrem Schicksal.

Das Wesen ist zunächst gutherzig, erlernt Sprache und Literatur und bereitet seine erste Begegnung mit Menschen sorgfältig vor. Wiederholte Zurückweisung, Grausamkeit und Victors fortgesetzte Vernachlässigung treiben es jedoch letztlich dazu, Rache an seinem Schöpfer zu suchen.

Die Schauplätze des Romans, Genf und Ingolstadt, fungieren dabei als grundlegend gegensätzliche politische Räume. Genf, Victors Herkunftsort, verkörpert das dialektische Erbe der Aufklärung: einerseits Hochburg eines repressiven Calvinismus, andererseits Geburtsstadt Rousseaus, dessen Philosophie eben jene Ordnung radikal infrage stellte. Der Ort ist somit ein Spannungsfeld aus bürgerlicher Pflicht und dem ungenutzten Potenzial radikaler Gesellschaftsentwürfe.

Mary Shelley in einer restaurierten Reproduktion von einer Vorlage aus dem 19. Jahrhundert

Mary Shelley in einer restaurierten Reproduktion von einer Vorlage aus dem 19. Jahrhundert

© H.Tschanz-Hofmann/Imago

Streben nach schöpferischer Allmacht

Demgegenüber setzt Shelley Ingolstadt als bewusst gewählten Ort des Bruchs. In der zeitgenössischen britischen Wahrnehmung war die Stadt untrennbar mit dem Illuminatenorden Adam Weishaupts verbunden, der in konservativen Kreisen als Inbegriff einer jakobinisch-atheistischen Weltverschwörung galt. Indem Victor Frankenstein ausgerechnet hier, im vermeintlichen Epizentrum einer gefürchteten „Vernunft-Verschwörung“, sein Labor errichtet, wird sein scheinbar privates Experiment politisch aufgeladen.

Heimlichkeit, isoliertes Streben nach schöpferischer Allmacht und die gezielte Umgehung etablierter Institutionen spiegeln jene konspirative Praxis wider, die den Illuminaten zugeschrieben wurde. Shelley verortet Victors Ambition damit in einem Raum revolutionärer Überschreitung, in dem wissenschaftliche und gesellschaftliche Neuschöpfung miteinander verschränkt sind. Victors Scheitern liegt nicht in seinem Erkenntnisstreben, sondern in dessen verantwortungsloser Umsetzung, der entschiedenen Pflichtverweigerung.

In der Originalausgabe von 1818 vollzieht Shelley schließlich eine bemerkenswerte Umkehrung: Nicht Victor Frankenstein, sondern das von ihm geschaffene Wesen erweist sich als reflektierender Beobachter, konsequenter Moralist und analytischer Denker. Es dokumentiert seine Entwicklung sorgfältig und reflektiert über Sprache, Emotion und soziale Beziehungen. Sein Lernen vollzieht sich durch Sinneserfahrung, Beobachtung, Nachahmung und die Auseinandersetzung mit Literatur (Plutarch, Goethes „Werther“, Miltons „Das verlorene Paradies“).

Dieser Prozess spiegelt zeitgenössische physiologische und pädagogische Theorien wider, die Umwelt, Erfahrung und Nerven als prägend begreifen. Shelley verknüpft so wissenschaftliche Aufmerksamkeit mit ethischer Kompetenz: In dieser Hinsicht gelingt dem Wesen, woran Victor scheitert – es verfolgt Erkenntnis bis zu ihren Konsequenzen und reflektiert deren moralische Implikationen.

Entscheidend ist, dass Shelley das Wesen als vollständig menschliches, moralisches Subjekt darstellt. Von Natur aus wohlwollend, verrichtet es heimlich gute Taten, zügelt Zorn und bereitet seine Annäherung an Menschen überlegt vor, in der Hoffnung, Vernunft und Mitgefühl könnten Vorurteile überwinden. Diese moralische Haltung überdauert wiederholte Zurückweisung und Gewalt; erst die systematische Verweigerung von Anerkennung und Fürsorge – vor allem durch Victor – verwandelt sein Begehren nach Gemeinschaft in Rache. Der Wunsch nach einer Gefährtin erscheint dabei als Anspruch auf natürliche Gerechtigkeit, Geselligkeit und wechselseitige Zuneigung. Victors Zerstörung der halbfertigen Frau markiert den entscheidenden Verrat, der die Isolation des Wesens endgültig besiegelt.

Guillermo del Toro (l.) und Oscar Isaac in der Netflix-Produktion „Frankenstein“

Guillermo del Toro (l.) und Oscar Isaac in der Netflix-Produktion „Frankenstein“

© LMKMedia/Imago

Die Rollen von Verfolger und Verfolgtem verkehren sich

Diese Kritik wird durch die Romanstruktur verstärkt. Nach Elizabeths Ermordung verkehren sich die Rollen von Verfolger und Verfolgtem: Victor wird zum besessenen Jäger und spiegelt so die frühere existenzielle Suche des Wesens nach Akzeptanz, später Rache. Zugleich erleidet er das Schicksal, das er seinem Geschöpf zugedacht hatte – die Verbannung aus der „zivilisierten“ Welt in die Wildnis. Die letzte Verfolgung in der Arktis, einer in Shelleys Europa mit politischem Stillstand und restaurativem Konservatismus assoziierten Region, ist dabei kaum zufällig gewählt.

Die letzten Worte gehören dem Wesen: Es bekennt seine Verbrechen, zeigt Reue und kündigt seinen Rückzug aus der Welt an, während Victor an seiner Selbstrechtfertigung festhält. Das Monströse, so Shelley, liegt nicht im Ursprung des Wesens, sondern in Frankensteins Verzicht auf wissenschaftliche, soziale und ethische Pflicht.

Shelley rahmt den Roman mit Miltons „Das verlorene Paradies“ und stellt Adams Frage an den Schöpfer voran: „Hab ich’s von dir, mein Schöpfer, denn erbeten, / Daß du aus Lehm zum Menschen mich geformt?“ Das Urteil verschiebt sich damit von der Autorität des Schöpfers zu seinen Pflichten und zu den Rechten des Geschaffenen. Die Klage des Wesens ist folglich politisch wie moralisch: Ihm werden Anerkennung, Gemeinschaft und Gerechtigkeit verweigert; es artikuliert den radikalen Anspruch, dass Macht ohne Verpflichtung Gewalt erzeugt. „Frankenstein“ erscheint so als Kritik illegitimer Autorität und verortet wissenschaftliche Schöpfung im Kontext zeitgenössischer Debatten über Tyrannei, Gleichheit und revolutionäre Reform.

Schließlich bindet der Roman diese Fragen an imperiale und expansive Ambitionen. Clervals Wunsch, die Lebensbedingungen in Indien zu verbessern, und Waltons Arktisexpedition auf der Suche nach der Nordwestpassage beschwören das zeitgenössische Ideal von Expansion, Naturbeherrschung und Imperium.

Victor verkörpert die Gefahren dieser Haltung: Sein Streben nach absolutem Wissen steht in keinem Verhältnis zu seinen ethischen und sozialen Fähigkeiten. Demgegenüber entwickelt das Wesen Disziplin, Reflexion und moralische Zurückhaltung; erst fortgesetzter Ausschluss verwandelt dieses Potenzial in Gewalt. Diese Dynamik nimmt Heathcliffs Entwicklung in Emily Brontës „Sturmhöhe“ vorweg.

Beide Romane legen gesellschaftliche Heuchelei offen und fordern die Normen der britischen bürgerlichen Ordnung heraus – als eindringliches Plädoyer für radikales Umdenken.

Jenny Farrell, Publizistin und Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, studierte an der Humboldt-Universität und lebt seit 1985 in Irland.

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