Bei dem Flugobjekt, das während eines russischen Großangriffs auf die Ukraine tief im Osten Polens eingeschlagen ist, handelte es sich nach vorläufiger Einschätzung der polnischen Regierung vermutlich um eine russische Ch-101-Rakete.
Ministerpräsident Donald Tusk sagte am Donnerstag nach einer Sitzung mit Vertretern des Militärs und der Sicherheitsbehörden, die bisherigen Erkenntnisse deuteten auf diesen Raketentyp hin. Tusk mahnte jedoch, die detaillierte Untersuchung abzuwarten. Erst danach könne der Typ des Geschosses mit vollständiger Sicherheit benannt werden.
Auf einem Feld nahe Tarnawa-Kolonia in der Woiwodschaft Lublin fanden Einsatzkräfte einen rund zehn Meter breiten Krater und verstreute Trümmer. Der Fundort liegt etwa 75 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, berichtet TVP World.
Polnische Armee schickt F-16 zur Abfangjagd
Nach Angaben des operativen Kommandos der polnischen Streitkräfte wurde das Objekt um 3.40 Uhr im polnischen Luftraum erfasst. Es bewegte sich in westlicher Richtung. Ein bereitstehender F-16-Kampfjet wurde losgeschickt, um das Objekt zu identifizieren und abzufangen.
Sechs Minuten später verschwand das Flugobjekt jedoch von den Radarschirmen. Die Armee schickte daraufhin einen Mi-24-Hubschrauber in das Gebiet der letzten Ortung. Dessen Besatzung fand das mutmaßliche Einschlaggebiet auf unbebautem Gelände bei Tarnawa-Kolonia.
Anwohner berichteten von einem außergewöhnlich heftigen Knall. „Die Fenster wären beinahe herausgedrückt worden“, sagte ein Bewohner dem lokalen Portal Lublin 112, wie TVP World berichtete. Verletzt wurde nach Angaben der polnischen Polizei niemand. Der Krater befindet sich rund 1,5 Kilometer von den nächsten Häusern entfernt.
Polizisten entdeckten den Krater nach 5 Uhr zwischen Tarnawa-Kolonia und dem benachbarten Ort Tokary, rund zwei Kilometer von den nächsten Häusern entfernt. Neben Polizei und Militärpolizei wurden auch der Inlandsgeheimdienst ABW, der militärische Abschirmdienst SKW, die Staatsanwaltschaft und polizeiliche Spezialeinheiten eingeschaltet.
Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute sind in der Nähe des Dorfes Tarnawa-Kolonia im Osten Polens im Einsatz.
© Wojtek Jargilo/PAP/dpa
Ukraine spricht von russischer Ch-101-Rakete
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha hatte noch vor Tusks Erklärung öffentlich auf X behauptet, in der Nacht sei während des russischen Großangriffs auf die Ukraine ein russischer Marschflugkörper vom Typ Ch-101 in den polnischen Luftraum eingedrungen. Die Rakete habe damit Nato-Luftraum verletzt. Diese Darstellung wird inzwischen auch von der polnischen Regierung für wahrscheinlich gehalten.
Sybiha verband den Vorfall mit der Forderung nach einer raschen Verstärkung der ukrainischen Luftabwehr. Der Eindringling zeige, dass der Schutz der Ukraine zugleich der Sicherheit des gesamten euroatlantischen Raums diene.
Die polnische Luftabwehr hatte in der Nacht mindestens ein Dutzend Raketen über der Westukraine beobachtet, deren Flugrichtung als potenzielle Gefahr für Polen eingestuft wurde. Ein Geschoss näherte sich der Grenze nach Armeeangaben bis auf etwa fünf Kilometer, drehte dann aber wieder nach Osten ab.
Nach Selenskyj-Warnung: Ukraine meldet mindestens sieben Tote bei russischen Angriffen
Mindestens 13 Tote bei russischem Großangriff
Russland griff in der Nacht zahlreiche ukrainische Regionen an. Nach Angaben ukrainischer Behörden wurden mindestens 13 Menschen getötet. In Kiew starb ein Mensch. In Krywyj Rih kamen sechs Menschen ums Leben, darunter zwei Mädchen im Alter von fünf und zwölf Jahren. Nach Angaben der örtlichen Behörden traf eine russische ballistische Rakete vom Typ Iskander-M das Haus einer Familie.
In Lwiw, unweit der polnischen Grenze, wurden nach Behördenangaben mindestens 26 Menschen verletzt. Zwei Wohnhäuser wurden beschädigt, Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Verschütteten. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe mehr als 70 Raketen und über 280 Angriffsdrohnen eingesetzt.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte einen „massiven Angriff“ mit weitreichenden Waffen und Drohnen. Dieser habe militärischen Einrichtungen und drei Frachtschiffen gegolten. Die russischen Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Nur wenige Stunden vor dem mutmaßlichen Einschlag hatte Selenskyj auf seiner Rückreise aus den Vereinigten Staaten Tusk in Lublin getroffen. Nach Angaben beider Seiten ging es dabei auch um die Sicherheit Polens, der Ukraine und Europas.
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