Soziale Medien

Diese acht Politik-Influencer prägen millionenfach die Meinung in den sozialen Medien

Sie erklären Politik, streamen von Demos, mischen sich in Debatten ein – und erreichen damit Millionen. Ein Überblick über die wichtigsten politischen Influencer.

Jacqueline Albrecht
8 Min
Marcant, ein Politik-Influencer, spricht am 1. September 2026 in Haldensleben (Ostdeutschland) mit Menschen bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD.

Marcant, ein Politik-Influencer, spricht am 1. September 2026 in Haldensleben (Ostdeutschland) mit Menschen bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD.

© RONNY HARTMANN

Ein Wahlkampfstand, eine Demonstration, ein Smartphone. Während klassische Reporter versuchen, einen Politiker für ein kurzes Statement vor die Kamera zu bekommen, streamen andere stundenlang direkt ins Internet. Sie sind meistens keine Abgeordneten und Journalisten. Trotzdem erreichen sie teils ein Millionenpublikum.

Politische Influencer sind zu eigenen Akteuren im politischen Betrieb geworden. Manche sind Parteimitglieder, andere verstehen sich als Aktivisten, wieder andere treten als politische Kommentatoren oder Streamer auf. Eine eindeutige Schublade gibt es deshalb oft nicht. Der Begriff „Politfluencer“ beschreibt zunächst vor allem eines: Menschen, die soziale Medien nutzen, um politische Inhalte, Meinungen und Werte an ein breites Publikum zu vermitteln. Doch wer sind eigentlich die Gesichter hinter diesem neuen politischen Feed? Ein Who is Who von Linke- bis AfD-nahen Akteuren.

Die Konservativen wollen mit jungen Frauen punkten

Eine der sichtbarsten konservativen Stimmen in den sozialen Netzwerken ist Clara von Nathusius. Die Bundesschatzmeisterin der Jungen Union hat sich auf Instagram eine große Reichweite aufgebaut – über 100.000 Follower verzeichnet sie auf ihrem Kanal. In ihren Videos greift sie aktuelle politische Debatten auf, reagiert auf Aussagen aus Talkshows oder dem Bundestag und ordnet sie aus ihrer bürgerlich-konservativen Perspektive ein. Dabei spricht sie nicht wie ein klassischer Parteikanal, sondern direkt in die Handykamera – persönlicher, kürzer und mit deutlich mehr eigener Meinung.

Auch Meltem Seker bewegt sich in diesem Feld. Die 25-Jährige ist CDU-Mitglied und bezeichnet sich selbst als liberal-konservativ. Auf Instagram und TikTok kommentiert sie politische und gesellschaftliche Debatten, unter anderem zu Migration, politischer Kultur und dem Verhältnis von Freiheit und Staat. Zuletzt teilte sie in ihren Videos besonders gegen die Linkspartei aus und sprach darüber, warum man diese lieber nicht wählen sollte. Ihre politische Biografie ist dabei selbst Teil ihrer Geschichte: Seker ist Tochter türkischer Einwanderer, war früher selbst links, kurzzeitig beim BSW und fand später zur CDU.

Neben klassischen Parteimitgliedern, die online ihre politischen Inhalte teilen, gibt es eine wachsende Zahl konservativer Creator, die sich beispielsweise für traditionelle Rollenbilder und Familie aussprechen. Dazu kommen sogenannte Christfluencer: Influencer, die ihren christlichen Glauben öffentlich machen und dabei auch konservative Werte vermitteln. Der wahrscheinlich bekannteste von ihnen ist Leonard Jäger, der im Internet als „Ketzer der Neuzeit“ auftritt. Neben seinen christlichen Videoinhalten werden ihm unter anderem islamfeindliche und rassistische Positionen sowie eine besondere Nähe zur AfD nachgesagt. Auf YouTube hat Leonard über eine halbe Million Abonnenten.

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Das wohl bekannteste Gesicht: Luisa Neubauer

Luisa Neubauer ist keine klassische Influencerin, die Politik neben Lifestyle, Alltag oder Unterhaltung betreibt. Neubauer ist vor allem Klimaaktivistin, Publizistin und eine der bekanntesten Figuren von Fridays for Future. Schon seit Beginn der Klimabewegung nutzt sie soziale Netzwerke, um Forderungen zu verbreiten, Proteste zu mobilisieren und politische Debatten zu kommentieren.

Auf Instagram, TikTok und X folgen Neubauer inzwischen fast 1,5 Millionen Menschen. Dabei funktionieren ihre Social-Media-Auftritte anders als die eines klassischen Politfluencers. Sie erklärt nicht nur politische Nachrichten, sondern macht ihren Aktivismus selbst zum Inhalt: von Klimaprotesten über Reden und politische Forderungen bis hin zu Reaktionen auf aktuelle Ereignisse. Ihre Reichweite dient damit auch der Mobilisierung. Das macht sie zu einer wichtigen Figur im digitalen politischen Raum – ohne dass „Influencerin“ ihr eigentliches Selbstverständnis vollständig beschreibt. Ihre Mitgliedschaft bei den Grünen ist dabei ein weiterer Teil ihrer politischen Einordnung, aber nicht der Kern ihrer öffentlichen Arbeit.

Vom AfD-Wähler zum SPD-Creator

Einer, der ebenfalls zwischen Aktivismus, politischer Kommunikation und klassischem Influencer-Dasein liegt, ist Hannes Kreschel. Der 23-Jährige studiert Jura, schreibt Bücher und produziert Videos über politische Veranstaltungen. Er ist SPD-Mitglied und setzt sich in seinen Videos mit Rechtsextremismus und dem politischen Rechtsruck auseinander. Auf AfD-Veranstaltungen sucht er den direkten Austausch, filmt Gespräche und veröffentlicht Ausschnitte anschließend auf seinen Social-Media-Kanälen.

Seine eigene politische Geschichte macht ihn dabei zu einer ungewöhnlichen Figur: Kreschel kommt aus einer Kleinstadt nahe Magdeburg und hat früher selbst AfD gewählt. Auf seiner Website beschreibt er, wie er Anfang 2020 auf einer Party gemeinsam mit „Dorf Neo-Nazis“ war, die rechtsradikalen Rock machten – für ihn der Zeitpunkt, endgültig aus der Szene auszutreten. „Ich verstehe bis heute nicht, wieso bis auf mich das niemand dort scheinbar befremdlich fand. Deswegen setzte ich mich GEGEN RECHTS ein!“, schreibt er.

Sein Ansatz ist weniger klassische Parteikommunikation als politische Konfrontation vor laufender Kamera. Kreschel geht dorthin, wo politische Auseinandersetzungen stattfinden, und macht daraus Content. Dabei gehören auch Beleidigungen und Drohungen zu dem, was in seinen Videos dokumentiert wird. Ein ähnliches Grundprinzip verfolgt ein junger Mann, um den aktuell ein riesiger Hype herrscht: Marcant.

„Der Riese, der mit Rechten redet“

Die Zeit nennt ihn den „Riesen, der mit Rechten redet". Marcant, der eigentlich Marc heißt und ursprünglich aus Frankfurt kommt, hat sich innerhalb von nur einem Jahr vom Jura-Studenten zu einem der einflussreichsten Politfluencer entwickelt. Der 24-Jährige positioniert sich in seinen Videos gegen Rechtsextremismus und ist vor allem dafür bekannt, Gespräche mit AfD-Anhängern und Rechtsextremen zu suchen. Seine Videos werden teilweise millionenfach geklickt. Allein auf seinen Hauptkanälen auf Instagram, TikTok und YouTube folgen ihm insgesamt über drei Millionen Menschen. Der Hype um seine Person ist riesig, und überall, wo er hingeht, wollen viele, insbesondere jüngere Fans, ein Foto mit dem 2,09 Meter großen Mann aus Hessen.

Marcant und Luisa Neubauer stehen bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung.

Marcant und Luisa Neubauer stehen bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung.

© Philip Dulian/dpa

Rechts entsteht eine eigene Streaming-Szene

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums ist die Entwicklung der digitalen Unterstützer noch auffälliger. Rund um die AfD hat sich eine eigene Szene von politischen Influencern, insbesondere Streamern, entwickelt, die Wahlkampfveranstaltungen, Demonstrationen und Gegenproteste begleiten. WeichreiteTV, Aktivist Mann, Björn Banane oder Utopia TV sind Beispiele dafür.

Sebastian Weber, bekannt als WeichreiteTV, ist dabei ein besonders etabliertes Beispiel. Er streamt politische Veranstaltungen häufig über Stunden, führt Interviews und bewegt sich sowohl bei rechten als auch bei linken Demonstrationen. Weber ist AfD-Mitglied und war kommunalpolitisch für die Partei aktiv. Seine Videos leben stark von der unmittelbaren Situation: Smartphone, Selfie-Stick, Menschenmenge, Diskussionen und Konflikte. Aus der klassischen politischen Veranstaltung wird so ein Livestream, bei dem das Publikum nicht nur zusieht, sondern über Kommentare und Reaktionen Teil des Geschehens wird. Seinen YouTube-Kanal haben 264.000 Menschen abonniert.

Noch stärker auf Konfrontation setzt Matthäus Westfal alias „Aktivist Mann“. Seine Streams von AfD-Veranstaltungen sorgten zuletzt selbst innerhalb der Partei für Ärger. Der AfD-Bundesvorstand beschloss im September, Westfal nur noch unter der Bedingung zu Parteiveranstaltungen zuzulassen, dass er andere Streamer und Journalisten nicht belästigt. Zuvor hatte er wiederholt Journalisten gefilmt, bedrängt, beleidigt oder angerempelt.

Warum besonders links und rechts so viele Politfluencer hervorbringen

Auffällig ist: Gerade an den politischen Rändern und in aktivistischen Milieus gibt es besonders viele Menschen, die Politik selbst produzieren – statt nur über sie zu sprechen. Das hat auch mit der Logik sozialer Netzwerke zu tun. Politischer Streit lässt sich gut in kurze Clips übersetzen. Eine zugespitzte Frage, ein Widerspruch auf einer Demonstration oder eine direkte Reaktion auf einen Politiker erzeugt eher Aufmerksamkeit als eine lange Erklärung über parlamentarische Abläufe.

Dazu kommt: Wer nicht nur über Politik berichtet, sondern selbst eine klare Rolle einnimmt, kann leichter eine eigene Community aufbauen. Das gilt für den rechten Streamer, der AfD-Veranstaltungen begleitet, genauso wie für den Aktivisten, der gegen Rechtsextremismus protestiert oder den Creator, der politische Aussagen einem Faktencheck unterzieht. Durch Politik-Influencer entstehen so auch neue Zwischenformen: politische Bildung, Aktivismus, Kommentar, Unterhaltung und persönliche Meinung vermischen sich in einem einzigen Feed.

Unterschiedliche politische Welten, ähnliche Spielregeln

Ob Clara von Nathusius, Luisa Neubauer, Hannes Kreschel, Marcant oder WeichreiteTV: Politisch könnten die Positionen kaum weiter auseinanderliegen. Gemeinsam ist ihnen trotzdem eine Sache: Sie müssen keine Pressekonferenz organisieren und brauchen auch kein professionelles Fernsehstudio, um ein großes Publikum zu erreichen. Ein Smartphone oder eine Kamera reicht.

Sie setzen auf Persönlichkeit statt auf das Logo einer Partei. Sie reagieren schnell auf aktuelle Ereignisse, sprechen ihre Zuschauer direkt an und machen politische Auseinandersetzungen selbst zum Inhalt. Manche erklären, andere mobilisieren, andere konfrontieren – und wieder andere streamen das Geschehen möglichst unmittelbar. Genau darin liegt der Unterschied zu klassischer Parteienkommunikation. Der politische Influencer ist nicht einfach die digitale Version eines Wahlplakats. Er ist selbst die Marke, über die politische Inhalte vermittelt werden.

Youtuber / Streamer Matthäus Westfal, bekannt als Aktivist Mann (blaue Kappe), Marcant (grüne Jacke) und Sebastian Weber, bekannt als Weichreite TV (schwarze Kappe) am Rande des AfD Demokratiefests in Haldensleben, Sachsen-Anhalt

Youtuber / Streamer Matthäus Westfal, bekannt als Aktivist Mann (blaue Kappe), Marcant (grüne Jacke) und Sebastian Weber, bekannt als Weichreite TV (schwarze Kappe) am Rande des AfD Demokratiefests in Haldensleben, Sachsen-Anhalt

© IMAGO/Chris Emil Janssen

Und damit verändert sich auch die Frage, wer politische Botschaften verbreitet. Neben Parteien, Journalisten und klassischen Aktivisten treten Menschen, die ihre Reichweite selbst aufgebaut haben – und deren Einfluss nicht allein davon abhängt, welches Amt sie innehaben oder auf welcher Parteiliste sie stehen. Der politische Meinungskampf findet damit zunehmend dort statt, wo Parteien früher nur schwer hingelangten: im persönlichen Feed der Nutzer. Social Media wird zu einem immer wichtigeren Ort politischer Meinungsbildung – und die Frage, welche Videos dort gesehen, geteilt und diskutiert werden, kann am Ende auch bis an die Wahlurne reichen.

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