Politiker verduften

Klaus Georg Koch
2 Min

Mit dem Sommer ist eine Leichtigkeit über die Deutschen gekommen, von der man nicht weiß, ob sich das im Ausland als ernst und schwer gescholtene Volk nun freuen soll. Ernst und schwer ist Rudolf Scharping gewesen, ihn von seinem Sessel zu schieben, hat das Land Mühe gekostet. Aber Scharping ist die Ausnahme gewesen, ein letzter, schon skurriler Charakter der Kohl-Zeit, die fast vergessen ist. Weiß man noch, wie hart und beschwerlich die Verabschiedung Kohls und seiner Leute das Land und noch mehr Kohl selbst angekommen ist? Dass es den Deutschen emotional auch etwas bedeutet hat, dass es sie bewegte, endlich eine neue Regierung zu wählen? Damals hatte man noch keinen Begriff von der Leichtigkeit, die jetzt über die Deutschen gekommen ist, es waren andere Maßstäbe in einer anderen Zeit. Nur vier Jahre nach dem Machtwechsel, mit dem das Alte fortgesetzt werden sollte, haben die Deutschen jetzt den Abschied ihrer Regierung verabredet, um eine neue zu wählen, die dann das Alte fortsetzen wird. Man kann nicht einmal sagen, die SPD werde die Wahl verlieren. Sie wird nur ganz leicht zur Seite geleitet, wie ein Schmetterling, von dem man nicht möchte, dass er auf dem Limonadenstrohhalm Platz nimmt.Das ist der Sommer in Deutschland, und wer sich erinnert, fünf einmal gerade sein gelassen zu haben, der tritt zurück. Es gab Rücktritte, die waren schwer; die Beschuldigten wichen unter dem Druck der öffentlichen Meinung, unter der Last der Vorwürfe. Filbinger, Brandt, Jenninger, Engholm - die Beschuldigten litten, auch die Öffentlichkeit litt. In diesem Sommer aber wird beiläufig zurückgetreten, schnell, mit der Grazie einer Seiltänzerin, die sich für ihren Auftritt geschmeidig macht, und das mit den Lustbarkeiten des Sommers beschäftigte Publikum muss schon genau zusehen, will es den Rücktritt selbst erleben.Gysi hat von Privilegien gesprochen und gesagt, er fürchte sich vor seinen eigenen Persönlichkeits- veränderungen. Dabei ist das Problem viel einfacher: Nicht seine Persönlichkeit hat sich zur Vorteilsnahme hin verändert, sondern der Mann hat dem banalen Hang zur Vorteilsnahme nicht widerstanden. Dass Gysi sein Versagen in einer ethischen Standardsituation zum Anlass nimmt, als Politiker zu verduften, ist allerdings bedenklich, und die Öffentlichkeit muss sich fragen, ob nicht Korruptibilität das kleinere Übel wäre. Denn der sommerliche Rücktritt ist nicht, wie behauptet, Ausdruck höchster Maßstäbe, er ist ein Zeichen des Maßstabsverlusts: Irgend eine Konsequenz wird jetzt gezogen als Beweis für eine Moralität, deren konkretere Bestimmung dem Sünder längst davongeflattert ist.

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