Die internationale Ordnung befindet sich im Umbruch. Die lange Zeit prägende Dominanz des Westens wird durch neue Machtzentren, wachsende geopolitische Rivalitäten und eine zunehmende Konkurrenz um politischen und wirtschaftlichen Einfluss herausgefordert. In diesem Umfeld nimmt die Türkei eine besondere Stellung ein: Sie ist zwar Nato-Mitglied und wirtschaftlich eng mit Europa verbunden, verfolgt zugleich aber eine zunehmend eigenständige Außenpolitik und sucht ihre Handlungsspielräume zwischen unterschiedlichen Machtzentren auszuweiten. Genau hier setzt das Buch „Die Türkei als dritter Pol in der internationalen Ordnung“ von Zenonas Tziarras und Nikos Moudouros an.
Die Autoren argumentieren, dass sich die Türkei nicht einfach in die konventionellen politikwissenschaftlichen Kategorien wie „westlicher Verbündeter“, „Mittelmacht“ oder „Swing State“ einordnen lässt. Im Gespräch mit Co-Autor Zenonas Tziarras geht es um die Türkei als „dritten Pol“, die Entwicklung der türkischen Außenpolitik und um die Frage, welche Rolle Ankara in der entstehenden internationalen Ordnung tatsächlich einnehmen kann.
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Was macht die Türkei zu einer „Dritten Pol“-Macht in der internationalen Politik?
Zunächst möchte ich festhalten, dass wir nicht behaupten, die Türkei sei bereits ein unabhängiger „dritter Pol“ in der internationalen Ordnung. Die „Dritter Pol“-Ambition der Türkei ergibt sich aus ihrem Bestreben, eine größere strategische Autonomie zu erreichen und sich weder vollständig mit dem westlichen noch mit dem entstehenden eurasischen Pol zu identifizieren.
Die Türkei bleibt zwar in westliche Institutionen eingebunden, insbesondere in die Nato. Gleichzeitig hat sie jedoch bedeutende Beziehungen zu Russland, China und anderen nicht-westlichen Akteuren aufgebaut und verfolgt eine eigene regionale und internationale Agenda.
Wichtig ist, dass dieses Bestreben unter der AKP von einer ideologischen Vorstellung getragen wird, die die Türkei als führende Macht mit einer eigenständigen historischen und zivilisatorischen Rolle betrachtet – als Alternative zu den bereits bestehenden Machtzentren.
In diesem Sinne beschreibt der Begriff „dritter Pol“ sowohl eine ideologisch-zivilisatorische Vorstellung über den Platz der Türkei in der internationalen Ordnung als auch zunehmend autonome außenpolitische Praktiken, mit denen Ankara versucht, diese Vorstellung zu verwirklichen.
Zur Person
Ist die heutige türkische Außenpolitik damit hauptsächlich ein Produkt Erdogans und der AKP?
Die AKP ist von entscheidender Bedeutung, weil sie die spezifische ideologische Interpretation und das politische Projekt hervorgebracht hat, durch die die heutigen Ambitionen der Türkei zum Ausdruck kommen. Dies zeigt sich insbesondere in der Verbindung von Islamismus, Nationalismus und in jüngerer Zeit islamischem Eurasianismus.
Wie unser Ansatz jedoch nahelegt, handeln die Türkei und insbesondere die AKP innerhalb bestimmter struktureller Bedingungen. Diese schaffen sowohl Beschränkungen als auch Handlungsmöglichkeiten, auf die türkische Entscheidungsträger reagieren müssen.
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Spielen andere Faktoren wie die Geografie eine besondere Rolle?
Gerade die innenpolitische Ebene kann nicht ausschließlich auf Erdogan oder die AKP reduziert werden. Die geografische Lage der Türkei, das osmanische Erbe, langanhaltende Identitätskonflikte, wirtschaftliche Abhängigkeiten sowie das historisch komplizierte Verhältnis zum Westen schaffen insgesamt eine komplexe politische Landschaft, die berücksichtigt und interpretiert werden muss.
Gleichzeitig hat die AKP eine bedeutende Rolle bei der Neugestaltung der heutigen türkischen Außenpolitik gespielt – insbesondere durch das spezifische ideologische Paradigma, das sie innerhalb des Landes etabliert und gefestigt hat.
Welche Argumente sprechen dagegen, die Türkei als „dritten Pol“ zu betrachten?
Das stärkste Gegenargument ist, dass die Türkei nicht über die materiellen Fähigkeiten einer echten globalen Pol-Macht verfügt und weiterhin stark von bestehenden Zentren wirtschaftlicher, finanzieller und militärischer Macht abhängig ist.
Ihre Wirtschaft ist eng mit westlichen Märkten und Kapital verbunden, während ihre Sicherheit weiterhin in die Nato eingebettet ist. Gleichzeitig sind die Beziehungen zu Russland sowohl durch Kooperation als auch durch Konkurrenz gekennzeichnet.
Es besteht daher eine anhaltende Lücke zwischen den Ambitionen der Türkei und ihren tatsächlichen Fähigkeiten.
Aus diesem Grund argumentieren wir nicht, dass die Türkei bereits zu einem vollständig etablierten dritten Pol geworden ist. Stattdessen strebt sie nach einem solchen Status. Gleichzeitig hat die Türkei in den vergangenen 25 Jahren bedeutende Schritte hin zu einer autonomeren und global ausgerichteten Rolle unternommen.
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Regionalmacht mit Ambitionen
Ist der Einfluss der Türkei tatsächlich global, oder ist er hauptsächlich regional?
Ich würde sagen, dass die Türkei weder eine globale noch ausschließlich eine regionale Macht ist. Genauer gesagt handelt es sich um eine interregionale Macht mit einer zunehmend weitreichenden internationalen Präsenz, die einen Großmachtstatus anstrebt.
Ihre stärkste Fähigkeit, internationale Entwicklungen zu beeinflussen, liegt in ihrer unmittelbaren und erweiterten Nachbarschaft, insbesondere im östlichen Mittelmeerraum, auf dem Balkan, im Nahen Osten, im Schwarzen Meer, im Kaukasus und in Teilen Eurasiens. Gleichzeitig erstrecken sich ihre diplomatischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aktivitäten zunehmend auch auf Afrika, Zentralasien und andere Regionen.
Die Beteiligung der Türkei am Ukraine-Krieg verdeutlicht diese Unterscheidung besonders gut. Die Türkei kann das globale Machtgleichgewicht nicht bestimmen. Ihre geografische Lage, ihre militärischen Fähigkeiten sowie ihre Beziehungen zu Russland, zu nicht-westlichen internationalen Bündnissen und zum Westen ermöglichen ihr jedoch einen überproportional großen Einfluss auf bestimmte internationale Fragen.
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Sind die strategischen Aktivitäten der Türkei ausreichend, um sie zu einem unabhängigen Pol der internationalen Politik zu machen?
Noch nicht – zumindest dann nicht, wenn wir unter einem „Pol“ eine Großmacht verstehen, die in der Lage ist, das internationale System unabhängig zu strukturieren. Dennoch verhält sich die Türkei zunehmend auf eine Weise, die mit ihrer Ambition, ein dritter Pol zu sein, verbunden ist.
Beispielsweise greift sie militärisch über ihre Grenzen hinaus ein, entwickelt eigene Verteidigungsfähigkeiten, unterhält Beziehungen zu miteinander konkurrierenden Großmächten und versucht, Konflikte und diplomatische Prozesse zu beeinflussen – von Syrien und der Ukraine bis hin zu Gaza und Afrika.
Die Bedeutung liegt in der Kombination dieser Aktivitäten mit einem ausdrücklichen Streben nach strategischer Autonomie und internationalem Status, das auf einer spezifischen ideologischen und ideellen Vorstellung beruht. Der „dritte Pol“ sollte daher am besten als ein (idealistisch geprägtes) strategisches Projekt im Entstehen verstanden werden und nicht als bereits verwirklichte geopolitische Realität.
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Nato-Macht: Europas größte Armee
Kann die Türkei als Nato-Mitglied tatsächlich eine autonome Außenpolitik verfolgen?
Die Nato-Mitgliedschaft schränkt eine vollständige Autonomie sicherlich ein. Autonomie darf jedoch nicht mit völliger Unabhängigkeit von jedem Bündnis oder jeder externen Einschränkung gleichgesetzt werden. Die Türkei hat gezeigt, dass innerhalb der Nato ein beträchtlicher Handlungsspielraum existiert. Die Türkei hat beispielsweise das russische S-400-Raketenabwehrsystem gekauft, enge Beziehungen zu Moskau aufrechterhalten, militärische Operationen entsprechend ihren eigenen Prioritäten durchgeführt und häufig eine andere Meinung als ihre westlichen Verbündeten vertreten.
Gleichzeitig stellt die Nato-Mitgliedschaft selbst eine Quelle türkischer Macht und internationalen Einflusses dar. Deshalb hat Ankara wenig Anreiz, das Bündnis einfach zu verlassen.
Interessanterweise betrachten einflussreiche Kreise innerhalb des Machtblocks von Erdogan die Nato-Mitgliedschaft nicht primär als Ausdruck von Verpflichtung oder strategischer Loyalität. Vielmehr sehen sie sie als ein Mittel, die Türkei innerhalb des Bündnisses vor möglichen Einflüssen des Bündnisses zu schützen.
Genau hierin liegt das Paradox des „dritten Pols“: Die Türkei strebt nach größerer Autonomie gegenüber dem Westen, profitiert aber gleichzeitig strategisch, wirtschaftlich und institutionell von ihrer Zugehörigkeit zum Westen.
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