BERLIN. Helmut Müller-Enbergs, einem der prominentesten Wissenschaftler der Stasi-Unterlagenbehörde, droht der Rausschmiss durch Behördenchefin Marianne Birthler. Anlass ist ein Referat, das der über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Politologe verfasst hatte und bei einer wissenschaftlichen Konferenz mit früheren Stasi-Offizieren an einer Universität im dänischen Odense verlesen ließ. Der Wissenschaftler selbst war aus Krankheitsgründen nicht zur Tagung angereist. Jetzt soll ein dienstrechtliches Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet werden.Die Birthler-Behörde beschränkte sich auf zwei Halbsätze, mit denen sie gestern den Vorgang kommentieren wollte. "Es wird Konsequenzen geben - welche, wird noch geprüft", sagte Sprecher Andreas Schulze. Der schwer erkrankte Müller-Enbergs war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.60 MfS-Offiziere angereistAm Wochenende hatte die Süddänischen Universität von Odense eine Tagung über die Auslandsspionage der Stasi-Hauptverwaltung A (HVA) veranstaltet. Neben 13 Wissenschaftlern aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA hatten auch elf hochrangige HVA-Mitarbeiter Vorträge gehalten. Sie und die in ihrer Begleitung befindlichen rund 50 ehemaligen Stasi-Offiziere nutzten die Tagung zur Rechtfertigung ihrer Arbeit und hießen auch die Hinrichtung eines MfS-Offiziers gut, der 1981 wegen Spionage zum Tode verurteilt worden war.Müller-Enbergs war am Freitag kurz vor seiner Abreise in Berlin schwer erkrankt. Seinem in Odense verlesenen Vortrag, der die HVA-Tätigkeit einer kritischen Analyse unterzog, hatte er eine persönliche Erklärung vorangestellt. Darin heißt es, er halte den Vortrag "im eigenen und privaten Auftrag und nicht im Namen und mit Genehmigung meines Dienstherren". Für das Referat habe er allgemein zugängliche, in seiner Freizeit gelesene Literatur genutzt. "Ich nehme das Recht des Wissenschaftlers wahr, meinem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang zu folgen", hieß es in Müller-Enbergs Erklärung.Bei der Birthler-Behörde akzeptiert man diese Sichtweise nicht. Es sei auch unerheblich, ob Müller-Enbergs einen Stasi-kritischen Vortrag gehalten habe, denn es gehe nicht um eine fachliche, sondern eine politische Frage, heißt es. Stasi-Offiziere seien keine Zeitzeugen, denen Mitarbeiter der Behörde auf gleicher Augenhöhe begegnen könnten, so die Argumentation.Die Behörde hatte Müller-Enbergs bereits im Juni, als die Konferenz in Berlin stattfinden sollte, eine Teilnahme schriftlich verboten. Als die damals ausgefallene Tagung nun in Odense nachgeholt wurde, soll Müller-Enbergs Vorgesetzter dieses Verbot mündlich wiederholt haben.Auch ohne den erkrankten Politologen war die Stasiunterlagenbehörde übrigens in Odense vertreten. Marianne Birthler hatte Jens Giesecke, einen von Müller-Enbergs Wissenschaftlerkollegen, nach Dänemark beordert. Als Beobachter, wie es offiziell hieß.------------------------------Foto: Im Grenzbereich der Wissenschaft: Helmut Müller-Enbergs.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]