Polizei entdeckt neuen Fall in Reinickendorf / Pankower Jugendstadträtin traf Mutter Gabriele B.

Ganz normale Kinder - nur verwahrlost

Lutz Schnedelbach Marin Majica
4 Min

Die Vorhänge seien schwarz vor Dreck, aus dem Türschlitz kröchen Maden, sagte der Mann am Telefon. Die Hotline des Landeskriminalamtes, die er gewählt hatte, ist einzigartig in Deutschland. Aber sie ist dringend nötig, wie sich am Montag gezeigt hat. Durch den Anruf beim Kommissariat zur Bekämpfung von Delikten an Kindern (Tel. 030-46 64 91 25 55) ist in Reinickendorf ein weiterer Fall von Kindes-Vernachlässigung bekannt geworden. In der Wohnung, die der Anrufer beschrieb, trafen Polizisten inmitten von Unrat auf eine 40-jährige Frau und ihre zwölf Jahre alte Tochter. Die vier Jahre alte Schwester des Mädchens war zu diesem Zeitpunkt in einer Kindertagesstätte, ein neugeborenes Zwillingspaar noch im Krankenhaus.Drei Jahre Haft drohenÄhnlich wie bei dem gerade erst bekannt gewordenen Fall der 46 Jahre alten Gabriele B., die ihre vier Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren in Pankow allein in einer Wohnung leben ließ, waren die Polizeibeamten schockiert über die hygienischen Zustände. In der Küche der Drei-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf türmten sich Müll, Essensreste und Geschirr bis zu einen halben Meter hoch. Die Beamten holten die jüngere Tochter daraufhin aus der Kita ab und brachten sie mit der Schwester in eine Pflegeeinrichtung des Bezirks. Das Jugendamt kümmert sich auch um das neugeborene Zwillingspärchen. Gegen die Mutter, die noch nicht vernommen wurde, wird nun ermittelt. Die Polizei wirft ihr vor, die Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt zu haben. Im schlimmsten Fall drohen ihr drei Jahre Haft.Zwei derartige Fälle kurz hintereinander, doch die Häufung ist kein Zufall. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 582 Fälle von Kindes-Vernachlässigung. Ein Jahr zuvor waren es 314, seit Jahren steigt die Zahl. Auch gegen Gabriele B. wird weiter ermittelt. Auch ihre Kinder, die seit Sommer 2006 allein gelebt haben sollen, werden betreut. Ob die Kinder von B. zu ihr zurückkehren können, werde in den nächsten Wochen geklärt, sagte am Montag der Leiter des sozialpädagogischen Dienstes Prenzlauer Berg, Axel Biere: "Wir wollen die Kinder nicht dafür bestrafen, dass sie richtig gehandelt haben". Der älteste Sohn und seine Mutter hatten sich am Donnerstag mit einer Mitarbeiterin des Jugendamtes treffen sollen. Als Gabriele B. nicht erschien, vertraute sich ihr Sohn der Amtsmitarbeiterin an."Die Mutter hat sich gesprächsbereit und kooperativ gezeigt", sagte die Pankower Jugendstadträtin, Christine Keil (PDS), nach einem Treffen mit der Mutter am Montag. Keil widersprach der Darstellung, Gabriele B. habe die Kinder wochenlang nicht gesehen. "Die Mutter hat die Kinder täglich versorgt", sagte Keil. Die Wohnung sei "in einem nicht akzeptablen Zustand" gewesen, aber "die Kinder selbst waren überhaupt nicht auffällig". In der Schule seien sie ordentlich angezogen und mit Pausenbroten erschienen. Die Mutter, die bereits 1998 wegen Mietschulden das Jugendamt kontaktiert hatte, sei sonst immer zu Elternabenden und Treffen gekommen. Keil: "Alles wie in einer ganz normalen Familie.""Es wäre leichter, wenn Sozialarbeiter das Recht hätten, in die Wohnung zu gehen", sagte Keil. Bisher könne sich das Amt nur mit der Polizei Zutritt verschaffen, dies gelte aber als letztes Mittel. "Man muss akzeptieren, dass es Fälle geben wird, die wir nicht früh erkennen", sagte Keil. Allerdings habe Gabriele B. "uns den Zugang zur Wohnung sehr geschickt verwehrt", räumte Axel Biere ein. Im Herbst sei der Kontakt zur Mutter abgebrochen, im März erst wieder aufgenommen worden, ohne dass das Amt alarmiert war. Zur Rolle des ehemaligen Lebensgefährten von B., der die Familie Ende der Neunzigerjahre verließ, wollte Keil keine Details nennen. "Es ist leider so, dass die Last oft ausschließlich auf dem alleinerziehenden Elternteil liegt, also meist den Frauen", sagte Jugendstadträtin Keil: "Ich würde mir wünschen, dass auch die Rolle der nicht-anwesenden Väter hinterfragt wird." Der Vater der vier Kinder von B. habe sich nach den Medienberichten gemeldet. Er soll jetzt an den Gesprächen über die Zukunft der Kinder beteiligt werden.------------------------------Foto: Hinter dieser Wohnungstür waren die vier Kinder oft ohne ihre Mutter.

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