Polizei findet 160 Päckchen und Geld. Drogenringe setzen immer öfter Kinder ein

Zwölfjähriger mit Heroin erwischt

Lutz Schnedelbach
4 Min

Er ist gerade mal zwölf Jahre alt, er wurde mit Rauschgift erwischt: Polizisten der Wache 53 haben am Montagabend zufällig einen der jüngsten Drogentäter geschnappt. Der Zwölfjährige war beobachtet worden, als er gegen 17.45 Uhr in einer Grünanlage in der Skalitzer Straße zwei sogenannte Heroinbomben vergrub. Sie waren mit 160, je einen Gramm schweren Szenekugeln gefüllt. Als das Kind die Polizisten bemerkte, versuchte es weg zu laufen. Die beiden Zivilfahnder hielten den Jungen fest. Sie stellten die Kugeln sicher und außerdem rund 200 Euro, die das Kind bei sich hatte. Der Junge sei bisher im Drogengeschäft nicht auffällig gewesen, hieß es gestern bei der Polizei. Bekannt ist nur, dass er aus dem Libanon kommt und seit geraumer Zeit in einem Heim untergebracht ist. Über sich erzählt hat der Junge nichts. Die Polizei ermittelt nun, ob er als Drogenkurier oder -händler unterwegs war.Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder Mitglieder in organisierten Drogenkartellen sind. Wer jünger als 14 Jahre alt ist, ist strafunmündig und muss die Polizei nicht fürchten, selbst wenn er mit großen Mengen Heroin unterwegs ist. Weil Minderjährige zudem unauffällig sind, werden sie von den Clans zunehmend als Kuriere eingesetzt. Sie erhalten den Stoff vom Großdealer und beliefern dann die Einzelhändler. Oder sie verkaufen die Drogen selbst - an Orten, an denen sich vorwiegend Kinder und Jugendliche aufhalten. Es wurden schon Drogenkinder gesehen, die vor Schulen und in Schnellrestaurants verkauften. Oder sie liefern im Haus-zu-Haus-Versand. Für die Kinder, die meist selbst nicht abhängig sind, ist der Handel ein einträgliches Geschäft. Sie bekommen für jeden Lieferauftrag zwischen 20 und 30 Euro, manchmal auch mehr.Der Zwölfjährige betreibe das Geschäft noch nicht lange, vermuten Polizisten. Ein buddelndes Kind am helllichten Tag in einem Kreuzberger Park falle natürlich auf. Deshalb wird das Heroin tagsüber vor allem in Mülltonnen oder Kellergängen versteckt. Auch die zurzeit stillgelegten S-Bahnhöfe würden gern als Depot genutzt, sagen Bundespolizisten. Sie vermuten, dass zur Leichtathletik-WM im August mehr Drogenkinder unterwegs sein werden, ähnlich wie bei den Taschendieben.Polizisten befürchten, dass der Anteil der Kinder an Drogengeschäften in den nächsten Jahren zunehmen wird. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 28 tatverdächtige Kinder, darunter acht ausländische Mädchen und Jungen. Ein Jahr zuvor waren es zehn weniger. Fahnder schätzen, dass täglich hundert Kinder mit Heroin zu den Kunden unterwegs sind. Zumeist gelangt der Stoff auf Lastern, Kleinflugzeugen oder auf Binnenschiffen zu den Großdealern in Deutschland. Auch versteckt in Buch- oder Weinsendungen gelangte schon Heroin in die Stadt. Fast zwölf Kilo Heroin wurden 2008 allein an den Berliner Flughäfen entdeckt.Früher wurden die ausländischen Kinder nach Deutschland geschleust und dann zum Drogenhandel gezwungen. Wurden sie erwischt, kamen sie in ein Jugendheim. Nach einigen Tagen liefen sie von dort wieder weg und die Polizei fahndete nach ihnen. Das war unnötiger Stress für die Drogenkartelle. Heute besuchen die meisten Kinderkuriere offiziell ihre Verwandten in Deutschland. Nach getaner Arbeit reisen sie mit ihrem Lohn zurück in die Heimat. Wegen der Strafunmündigkeit haben sie nichts zu befürchten.Das will die CDU ändern. Der Landes- und Fraktionsvorsitzende Frank Henkel forderte gestern den Senat auf, im Bundesrat darauf zu drängen, die Strafmündigkeit von 14 Jahre auf zwölf Jahre herabzusetzen. Das lehnt Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) als "verfehlt" ab. Bei Kindern gehe es um Erziehung und nicht um Wegsperren, sagte sie der Berliner Zeitung.------------------------------Bestellung übers InternetIn Berlin wird braunes und weißes Heroin angeboten. Verkauft wird das Rauschgift vor allem in der Hasenheide, am Görlitzer Park, an U-Bahnhöfen, im Mauerpark sowie am Weinbergspark.Kunden nutzen auch das Internet zur Bestellung der Drogen und lassen sich den Stoff mit der Post schicken.Die Reinheit des Stoffs bestimmt den Preis. Ein Gramm braunes Heroin kostet zwischen zehn und 20 Euro. Ein Kügelchen mit weißem Heroin ist für 100 bis 120 Euro zu haben.In der Türkei ist Heroin am billigsten. Dort kostet ein Gramm bis zwanzig Euro. Das meiste Geld muss in den nordischen Ländern gezahlt werden. In Schweden, Finnland und Norwegen kostet ein Gramm bis zu 130 Euro. Zurzeit sinken die Preise.Der Stoff wird vor allem in der Türkei, in Holland sowie in Osteuropa und in China hergestellt.152 Menschen sind im vergangenen Jahr wegen Drogenkonsums gestorben. 2007 waren es 158 Frauen und Männer. Der größte Teil war heroinabhängig.An den Flughäfen Tegel und Schönefeld beschlagnahmten die 250 Zöllner im vergangenen Jahr insgesamt 11,8 Kilogramm Heroin - drei Mal so viel wie im Jahr 2007.

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