Polnische Musik im Konzerthaus Berlin

Erinnerung an schwere Zeiten

Martin Wilkening
4 Min

Auch bei schwierigeren Programmen sind die Abonnementskonzerte des Konzerthausorchesters meistens gut besucht. So war es schon eine Überraschung, dass an diesem Abend gähnend leere Stuhlreihen im gut halbbesetzten Saal die in Riesenbesetzung auftretenden Musiker empfingen. Ließ die Erkältungswelle so viele zu Hause bleiben? Fand die mit diesem Konzert gestartete Abo-Reihe F so wenig Anklang?Hier wird überwiegend auf weniger Bekanntes gesetzt, die ganz zugkräftigen Komponistennamen fehlen, trotz kulinarischer Versprechungen von spätromantischer Üppigkeit. William Walton kann man hören, Alexander Glasunow, Schönbergs "Gurrelieder" oder eben Mieczyslaw Karlowicz. Vielleicht hätte man seine im Jahr 1906 entstandene und im Geiste eines Richard Strauss stürmisch auftrumpfende Tondichtung "Stanislaw und Anna Oswiecim" als Wiederentdeckung besser im Kontext eines weiteren europäischen Horizonts präsentieren sollen.Zusammen mit Musik von Krzysztof Penderecki und Witold Lutoslawski ergab sich aber ein Abend, welcher der für das Musik-Erleben zumeist stumpfsten und erkenntnislosesten Dramaturgie folgte: der nationalen Zugehörigkeit der Komponisten. Dies allein jedoch lockt niemanden in den Konzertsaal, so interessant die jeweiligen Stücke auch sein mögen.Karlowicz war ein einzelgängerischer Mensch, der Kindheit und Jugend zwischen Polen und Deutschland verbracht hatte und den eine geradezu mystische Sehnsucht mit dem Bergwandern verband. Er starb jung, mit 33 Jahren, als ihn eine Lawine in der Tatra mit sich in die Tiefe riss. "Stanislaw und Anna" gilt als sein bedeutendstes Werk, es ist erst in den letzten Jahren mehrfach auf CD eingespielt wurden, auch durch Antoni Wit und seine Warschauer Nationalphilharmonie.Wit ist ein eher nüchterner, beeindruckend uneitler Orchesterleiter, der es aber im entscheidenden Moment vermag, auch letzte Reserven bei den Musikern zu mobilisieren. Das konnte man am beeindruckendsten im Schlusssatz von Lutoslawskis "Konzert für Orchester" erleben, aber auch schon in Karlowicz' Stück, mit dem das Konzert eröffnet wurde. Erregte Aufschwünge der Streicher führen unmittelbar in das Drama fataler Geschwisterliebe hinein, die das Sujet des Stückes bildet. Ein in Sekundenschritten absinkendes Motiv bestimmt die gesamte, knapp halbstündige Entwicklung, die über düster gurgelnde tiefe Bläserstellen, reichlich Beckenschläge und rauschhaft schwelgende Sequenzierungen in die ruhiger fließende Trauermusik des Schlusses führt. Das wirkt packend und besitzt so viel Eigenständigkeit, dass es unser Bild von jener Zeit bereichert.Für Wit ist diese Musik spürbar Herzenssache und auch Teil seines Kernrepertoires; er dirigierte auswendig. Auch dem Orchester schien der Ausflug in eine unbekannte Spätromantik Spaß zu machen, obwohl man sagen muss, dass hier, wie in dem übrigen, sehr viel Probenarbeit verlangenden Programm, der letzte Schliff - vielleicht eine intensive Probe - fehlte.Als Krzysztof Penderecki 1982, in schwierigsten polnischen Zeiten, als Auftragswerk der Berliner Philharmoniker sein 2. Cellokonzert schrieb, hatte er seine einst avantgardistische Musiksprache längst wieder den traditionellen Sprachmitteln geöffnet: Er hatte die Melodik mit Ausdruck aufgeladen und in der Harmonik zu subtilen Vermittlungen zwischen Mikrotonalität neoromantischer Klanglichkeit gefunden.Beide Mittel erscheinen im Cellokonzert denn auch in drastischer Konfrontation. Äußerst einprägsam ist der Anfang mit seinem ganz leisen teuflischen Ticken, das mehrfach neu ansetzt und dann in Rhythmus und Klang jedes Mal verwischt wird. Diese Geste wird dann in Zeitlupe vergrößert, aus dem Ticken wird ein weitschwingender reiner Glockenton. Fast passionsartig steigert sich die Leidenssymbolik der melodischen Seufzer, die neben dem Virtuosen immer deutlicher die Solostimme prägen und in einem späten spektakulären Höhepunkt vom Orchester mit absinkenden Clusterklängen weniger beantwortet als vielmehr höhnisch abgewehrt werden.Ähnliche Feindseligkeit prägt den als Schostakowitsch-Hommage angelegten Scherzoteil, in dem das Cello sich wie in einer Tretmühle abrackert, bevor die Musik wieder, nach dem erwähnten Höhepunkt, zum Anfang zurückkehrt. Jene grau verschleierte Stimmung, die sich in den Tagen des Kriegsrechts über das von Aufbegehren, Revolte und Heroismus erschütterte Polen legte, scheint hier suggestiv eingefangen.Antonio Meneses, mit mächtigem Celloton, verlieh dem übermäßigen Leidensdruck die notwendige Unbedingtheit ohne jede Sentimentalität.------------------------------Jene grau verschleierte Stimmung in den Tagen des Kriegsrechts scheint suggestiv eingefangen.

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