Nils Frahm ist nervös. Er zieht an was Selbstgedrehtem, inhaliert tief. Sein Atem beruhigt sich. Die warmen Lichter sind so sehr herunterdimmt, dass es schummeriger kaum geht. Der Helligkeitsgrad: zwischen dämmerigem Candle-Light-Dinner und „Ich will keinen sehen“. Wir sitzen auf Mid-Century-Stühlen in der Küchen-Lounge, nebst dem großen Saal 3 im Funkhaus Nalepastraße in Oberschöneweide. Dem legendären DDR-Studiokomplex. Frahm ist hier seit 2016 Dauermieter. Es ist kurz nach 17 Uhr an diesem Montagabend. In weniger als drei Stunden wird Frahm wieder auf die Bühnen steigen, hier im Funkhaus. Es ist der fünfte Tag in Folge. Jeden Tag ist der Konzertsaal ausverkauft. Frahm ist ein Star. Der Herbst ist noch jung, Frahms Welttournee hat gerade erst angefangen, aber er sieht schon ein wenig fertig aus, als er „Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“ sagt: „Vor Konzerten ist es immer unangenehm. Große Aufregung! Eine mentale Tortur. Ich will da auf gar keinen Fall raus. Ich will nicht spielen. Ich denke, ich schaffe es nicht.“
Nils Frahm, zur Welt gekommen 1982 in Hamburg und seit 2005 ein Berliner, ist einer der Größten in einem Genre, das er selbst maßgeblich miterfunden hat: Neoklassik. Zeitgenössische Musik auf klassischem Instrumentarium. Na ja. Mehr oder weniger klassisch. Er flirtet auch gern mit Synthesizern. Frahm hat bei den BBC Proms in London gespielt, und sein Meisterwerk „All Melody“ wurde 2016 vom New Yorker Musikmagazin Pitchfork in alle Höhen gelobt. Mit dem Soundtrack zum experimentellen Berlin-Krimi „Victoria“ hat Frahm gewissermaßen auch den Soundtrack für Berlin geschrieben. Nach Frahms Konzerten brauchen seine Klaviere eigene „Bodyguards“, da die Fans sie streicheln wollen - als wären die Pianos heilige Reliquien und Frahm der Hohepriester des Klavierklangs. Frahm ist Erfinder des weltweiten Piano Day, an dem planetar seit 2015 dem Klavier gehuldigt wird. Am 88. Tag des Jahres, dem 29. März. 88, weil ein handelsübliches Klavier 88 Tasten hat. Und das Klavier ist doch auch ein tolles Instrument. Könnte man meinen. Nur Frahm sieht es nicht so.
Igor Levit: „Richard Wagner ist tot, und ich lebe!“
„Ein Klavier ist kein Kumpel“, sagt Frahm und inhaliert noch mal. „Eine Gitarre, die du zum 16. Geburtstag geschenkt bekommst mit ’nem Verstärker, legst du nie wieder weg! Du bist verliebt, machst Fotos, klebst sie in dein Tagebuch. Mit ’nem Klavier macht man das sicher nicht.“ Frahm klingt leicht frustriert. Er spricht übrigens meist recht schnell - und so, dass man seinen nordischen Zungenschlag immer ein wenig heraushört. „Schon als Kind fand ich Klavierspielen lästig. Ich wurde zu Wettbewerben gedrängt. Meine Eltern und meine Lehrer haben sich da abgesprochen! So funktioniert das ja im Sport auch. Aber vielleicht macht das beim Fußball mehr Spaß. Ich hab mich durch komische Läufe gequält, als meine Mitschüler schon seit sechs Stunden im Freibad abhingen.“ Frahms Klavierlehrer war Schüler des letzten Schülers von Tschaikowski. Glamour.
Malen mit Luft oder essen mit Händen?
Ein Glamour, an dem Frahm kaum Freude hat. „Total lieb, dass sich alle Sorgen machen wegen meiner gestörten Beziehung zum Klavier.“ Doch er strahlt auf, als er davon erzählt, wie er dann wirklich Kumpels fand. Und die waren sogar Tasteninstrumente: sein Digitalpiano Fender Rhodes. Sein Roland-Juno-66-Synthesizer. „Da habe ich mich echt verliebt.“ Schön, wenn man sich in seine Kumpels verliebt. Besser geht’s ja nicht. Eine Liebe, die hält, seit Nils Frahm 16 Jahre alt war. Nun ist er unlängst 40 geworden. Zeit für eine neue Liebe? Wenn man Nils Frahms jüngstem Album lauscht, kann man auf den Gedanken kommen. „Music for Animals“ heißt es, Musik für Tiere. Oha. Es ist Frahms erstes Album komplett ohne klassisches Klavier-Klavier. Dafür: viel Glasorgel. Ein 1761 vom USA-Gründervater Benjamin Franklin erfundenes Instrument, das mittlerweile weitgehend vergessen wurde.
Die Glasorgel (auch Glasharmonika genannt) besteht aus verschieden großen, ineinander platzierten Glasglocken, die durch ein Pedal in Rotation gebracht werden. „Es ist einfach unfassbar“, sagt Frahm, „wenn man die Finger nass macht, und dann legt man die auf die sich drehenden Glaskörper.“ Plötzlich erklingt dieser magische Ton. „Du hast das Gefühl, du malst in der Luft!“ Natürlich spüre man das Glas und auch die Vibration. „Man ist sehr verbunden mit der Klangformung. Glasorgel ist wie mit den Händen essen.“ Oder, ob der Feuchte, wie den Abwasch machen? Frahm muss lachen. „Ich mag abwaschen, ehrlich gesagt.“ Und so eine Glasorgel müsse man auch sauber halten. „Wer Gläser nicht polieren mag, sollte sich keine Glasorgel zulegen!“ Als ob das so einfach wäre, sich so eine Glasorgel anzuschaffen! Die laufen einem ja nicht einfach mal so zu wie die vier Katzen, die Frahm hat.
Er liebt die Tasten: Nils Frahm im Saal 3, Funkhaus Nalepastraße.
© Berliner Zeitung/Markus Wächter
Frahm hat seine Glasorgel eigens über den Atlantik schippern lassen. In Boston hat die Firma Finkenbeiner historische Modelle nachgebastelt. Mundgeblasenes Glas. Wie vor 250 Jahren, bloß ohne Blei, da das giftig ist. „Dieser Finkenbeiner war ein krasser Typ“, schwärmt Frahm, „ein Daniel Düsentrieb!“ Dann lästert er darüber, wie sehr er modernen „Technikquatsch“ hasse. Kein Wunder, dass es all so was in seiner edlen Küchenzeile hier nicht gibt, auch keine LED-Lampen. „Aber so eine Glasorgel ist eine große Freude für alle! Die tut einem gut.“ Frahm wirkt ganz beseelt, wenn er davon erzählt.
Und tatsächlich: Die Stücke auf dem neuen Ambient-Album haben einen sehr beruhigenden Effekt. Frahm lässt sie wuchern wie weiches Moos, das man streicheln mag, bis man sich dann daran schmiegt und hineinlegt. Vier der Stücke sind über 20 Minuten lang. Insgesamt kommen die drei Langspiel-Vinylscheiben auf über drei Stunden Musik. „Meine Musik soll kein Diamant sein“, sagt Frahm, „ich will lieber einen Blätterhaufen.“ Er sei kein „Wünschelruten-Goldsucher“, sondern wollte lieber wissen, wie eine langweilige Sandfläche klinge. „Musik soll allzu oft explodieren, extrem kompliziert und raffiniert sein. Das ist für mich wie zu viel Zucker im Kaffee! Ich will lieber durchs Dickicht gucken und am Horizont ahnen, dass da was ist.“ Frahm nennt György Ligeti als sein Idol, was diese Ahnungen angehe. Ganz ungeschliffen hat Frahm seine über 50 Stunden lange Klangmaterie dann aber doch nicht auf uns losgelassen, sondern sie, gemeinsam mit seiner Frau, die auch an der Glasorgel spielte, auf drei Stunden gekürzt.
Scheiße, die Motorsäge klemmt im Baum
„Wir haben uns die Sachen wirklich gern angehört“, sagt Frahm. Keine falsche Bescheidenheit, warum auch? „Bei der Masse des Materials musste ich mich aber erst mal erinnern. Vor allem klingt das alles relativ ähnlich: Glasorgel und Synthesizer. Glasorgel und Harmonium.“ Lustig, dass er das selbst so zugibt. Irgendwie musste er dann doch die Spreu vom Weizen trennen. Gar nicht so einfach. „Man ist ja kein Quecksilber, was jeden Tag zuverlässig ausschlägt. Mal finde ich was fürchterlich, dann wieder super.“ Frahms Geheimtipp für solche Fälle: ein Blick in die Ego-Statistik: „Wenn ich mich mit etwas öfter wohl als unwohl fühle, ist wohl alles gut.“ Beruhigend, dass selbst bei einem Genie wie Frahm mal alles schiefläuft: „Ich komm mir manchmal vor wie ein Holzfäller“, sagt er, „ich steh im Wald, und die Motorsäge klemmt irgendwo im Baum fest und man denkt: ‚Scheiße!‘ Dann geht man am nächsten Tag noch mal frisch ran und gibt dem Ganzen mehr Zeit. Klack, und alles ist gut!“ Klack! „Klang ist therapeutisch für mich“, sagt Frahm. „Wenn mir Leute sagen, dass meine Musik ihnen gegen Stress oder Angst hilft, entgegne ich: mir auch. Deswegen mache ich das.“
Wenn Frahm so ins Reden kommt, wirkt das Lampenfieber wie weggeblasen. Die Lampen hier in Frahms Räumen sind allerdings auch, wie gesagt, schummrig duster. „Ich will nicht, dass die Leute denken: ‚Der Nils ist so ein Trauerkloß, und der macht so düstere Sachen.‘ Mir geht es super, wenn ich das alles rauslassen kann.“ Sowieso kann Frahm auch Scherzkeks-Modus. Etwa wenn er vom nicht minder prominenten Klavierkollegen Hauschka erzählt, der sein Klavier gern mit Tischtennisbällen präpariert, im Geist von Fluxus und John Cage. „Es gibt Konzerthäuser“, sagt Frahm, „die haben extra für ‚prepared piano‘ einen bisschen schlechteren Flügel da. Hauschka darf den dann kaputt machen! Der richtige darf dann normal gespielt werden.“ Frahm lacht dabei auf eine Art, dass man weiß: Böse meint er das nicht. Er hat ja auch selbst schon mit Toilettenbürsten auf Klaviersaiten geschlagen. „Ich fühle mich dabei nicht schlecht“, sagt er. „Wer mal ein Klavier auf die Füße bekommen hat, weiß: Die Teile halten viel aus.“ Monsterelefanten sind das.
Der Elektro-Esoteriker
Und das größte Klavier der Welt, das steht hier nebenan, im Funkhaus-Saal-3. Frahm hat es sich eigens bauen lassen. Wir gehen rüber in den Wahnsinnsraum. Viereinhalb Meter ist das Klavier hoch. Will man es spielen, muss man erst hochklettern wie bei einem Doppelstockbett. Frahm schwört, dass er mit dem Teil nicht ins „Guinnessbuch der Rekorde“ wollte. Sowieso: Er hasse Superlative. Es sei ihm bloß um den perfekten Klang gegangen. Dadurch dass die Saiten bei diesem Klavier so lang sein dürfen, können sie nämlich sehr dünn sein: nur 1,6 Millimeter statt der üblichen 4 Millimeter bei den tiefen Tönen. Und das klingt halt viel feiner. Weniger Störgeräusche.
Finetuning für den perfekten Klang: Nils Frahm in seinem Studio Leiter im Funkhaus Nalepastraße.
© Berliner Zeitung/Markus Wächter
Frahm, der mal Musikwissenschaft studiert hat (ohne Abschluss) und Tonmeister werden wollte (auch daraus wurde nichts), entpuppt sich als waschechter Klangnerd, wenn er von „Flatter-Echos wie in Tiefgaragen“, Reflexion und Absorption und Diffusionsfaktor redet. Man meint, ein Glitzern in seinen Augen zu sehen. Ironie der Geschichte: Die Klang-Ingenieure, die den Block B hier im Funkhaus von 1953 bis 1956 geplant haben, waren letztlich nicht ganz glücklich mit der Akustik hier im Saal 3. Kleine Jazzkapellen wurden hier in der DDR aufgenommen, auch klassische Solo-Programme. Für lautere Instrumente wie Schlagzeug eignet sich die Akustik hier nicht gut. Aber Frahm ist ja mehr auch ein Stiller: Sein Markenzeichen ist das filzgedämpfte Piano – befreit von matschigem Bass und von den scharfen Obertönen.
Die Stücke von Nils Frahm lassen sich prima als entspannter Sex-Soundtrack gebrauchen. „Das machen die sicher. Das erzählen mir sogar Leute auch“, gibt Frahm zu. Ein Problem hat er damit nicht. Überhaupt: Er, der auch auf Musik-Streamingdiensten massiv erfolgreich ist, muss eben damit leben, dass er auch in deren Playlists landet, die die Musik funktionalisieren: Musik zum Einschlafen. Musik zum Aufwachen. Musik zum Konzentrieren. Musik für den verregneten Herbstnachmittag. Der Titel im neuen Album von Nils Frahm, „Music for Animals“, er spielt darauf natürlich an. Vielleicht auch auf Brian Enos Ambient-Meilenstein „Music for Airports“ von 1978.
Tatsächlich verbringt Frahm mit seiner Frau viel Zeit in einem Steinhäuschen in Spanien. Mit Land drumherum. Dort hält Frahm Hühner, Schafe, Katzen und auch einen Hund. „Was für tolle Wesen!“, schwärmt Frahm. „Und eigentlich den Menschen nicht unähnlich. Die sind auch fies und frech und arschig manchmal. Und dann haben sie ein schlechtes Gewissen.“ Und wenn diese ambivalent-charmanten Tiere wirklich den Menschen so ähnlich sind: Dann brauchen auch sie wahrscheinlich immer mal ein bisschen Frahm, um mit der Welt klarzukommen.
Techno und Teetrinken
„Musik gehört zur Welt des Genusses“, sagt Frahm. „Wie Schokolade und wie Wein.“ Hier in der schnieken Küchenzeile beim Saal 3 stehen auch schon ein Dutzend Flaschen edlen Winzerrotweins bereit. Fürs After-Show-Chillen nach dem letzten der fünf Konzerte heute Nacht. Aber wer glaubt, dass Frahm, der sich gern auch beim Berliner Techno-Sound was abgelauscht hat, dann zum Partyhengst mutiert, liegt falsch. In Hamburg ging er zwar früher oft in Clubs. „Aber nicht, um zu feiern, sondern um den DJs zuzuhören. Rauchend, Mate-Tee trinkend. Ich war nie der Typ, der seinen Kopf ausschaltet, rumschreit, auf der Tanzfläche schmilzt.“ Das Berliner Partyleben sei ihm dann zu teuer gewesen. „Da brauchst du paar Hundert Euro für im Monat, wenn nicht in der Woche! Jetzt, wo ich das Geld hätte, hab ich kein Bock mehr drauf.“
Man glaubt sofort, dass Frahm glücklicher ist mit seinen Tieren und mit seinen Tracks. Und auch beim Holzfällen – selbst wenn ihm die Kettensäge mal im Baum hängen bleibt. Dann geht man am nächsten Tag noch mal neu ran und klack, das Leben ist gut. Heute Abend aber muss Frahm doch noch auf die Bühne. Zum Glück steht da auch die Glasorgel. Frahm wird malen in der Luft. „Ich fühl mich wohler, wenn die ersten Töne gut klingen“, sagt er. „Dann kann ich mich einhängen. Dann ist es nur noch ein Abarbeiten serieller kleiner Problemchen.“ Und jetzt? Muss sein Manager ihn auf die Bühne zerren? „Ich versuche, ihm das zu ersparen“, sagt Frahm, schmunzelt bittersüß. „Ich quäl mich gleich selbst hoch und tue dann so, als wär das alles okay.“
Nils Frahm: „Music for Animals“ (Leiter/Warner/ADA)
Konzert: Funkhaus Nalepastraße, Montag, 17. Oktober, 20 Uhr
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