Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben laut Leopoldina mit Long Covid. Am Donnerstag stellte die Nationale Akademie der Wissenschaften in der Bundespressekonferenz ihre Stellungnahme zu postinfektiösen Erkrankungen vor. Sie enthält mehr als 30 Handlungsoptionen. Auf dem Podium saßen die Sprecher der Arbeitsgruppe, Leopoldina-Vizepräsidentin Regina Riphahn und der Infektiologe Norbert Suttorp. Dazu kam die Charité-Immunologin Carmen Scheibenbogen, die das Papier begutachtet hatte. Dass die Versorgung der Betroffenen unzureichend ist, bestritt niemand. Aufschlussreicher waren die Stellen, an denen die Darstellung Risse bekam.
Ausgeklammert – oder doch mitgemeint?
Diese Zeitung wollte zunächst wissen, wie sich Long Covid und Post-Vac unterscheiden. Entscheidend sei der zeitliche Zusammenhang mit Infektion oder Impfung, sagte Scheibenbogen. Warum die Stellungnahme Post-Vac dann ausklammere? Der Bericht sei „evidenzbasiert“, zu Post-Vac gebe es „wenig Evidenzen“, antwortete Scheibenbogen. Der zeitliche Zusammenhang sei „retrospektiv schwierig“ zu beurteilen, zudem gebe es nicht so viele Betroffene. Allerdings hatte allein die Marburger Post-Vac-Ambulanz 2023 laut Bayerischem Ärzteblatt mehr als 7.000 Menschen auf der Warteliste.
Bundespressekonferenz: Postinfektiöse Erkrankungen: Versorgung, Forschung und Prävention am Beispiel von Long Covid
© IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Tatsächlich klammert das Papier Post-Vac gar nicht aus, es rechnet die Impffolgen Long Covid zu. „Zu Long-COVID werden hier auch die durch COVID-19-Impfung entstandenen Krankheitsbilder gerechnet“, heißt es auf Seite 16. Zwei Seiten zuvor definiert dieselbe Stellungnahme Long Covid als Folge „einer SARS-CoV-2-Infektion“. Die Annahme in der Frage, der Bericht beschränke sich auf Long Covid, korrigierte auf dem Podium niemand. Darüber hinaus steht zu Post-Vac wenig im Papier. Ausgerechnet als Vorbild für ein nationales Register nennt es aber das vom Gesundheitsministerium geförderte PAIVS-Register. Dessen Name enthält die „Vakzinierungssyndrome“ bereits.
Auszug aus der in der BPK am 1. Oktober 2026 vorgestellten Stellungnahme der Leopoldina: „Zu Long-COVID werden hier auch die durch COVID-19-Impfung entstandenen Krankheitsbilder gerechnet.“
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Wenn der Impfbezug aus der Akte verschwindet
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte im Mai 2023 die SWR-Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“. Eine Frau, die nach der Corona-Impfung schwer erkrankt war, berichtete dort, dass sie in Baden-Württemberg keine Anlaufstelle finde und Untersuchungen selbst bezahlen müsse. Ihr gegenüber saß der damalige STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens. Er verstehe nicht ganz, warum die Krankenkasse die Behandlungskosten grundsätzlich nicht trage, sagte er. Wäre sie „nicht gleich mit der Erkenntnis“ von „impfhervorgerufenen Beschwerden“ zum Arzt gegangen, „dann würden doch diese Behandlungen, die darauf folgen würden, sicherlich krankenkassenüblich sein“. Die Betroffene hielt dagegen: „Die Unikliniken sagen Long-Covid nach Infektion, ja, nach Impfung, nein.“ Sie könne doch nicht behaupten, etwas anderes zu haben, nur um Hilfe zu bekommen.
Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring, ein scharfer Kritiker der Corona-Politik, griff die Szene auf seinem Blog auf. Mertens räume damit einen „starken, regulatorisch erzeugten Anreiz“ ein, Beschwerden nicht mit der Impfung in Verbindung zu bringen. Das erkläre auch, warum so wenige Impfschäden registriert seien. Im selben Frühjahr forderten Tübinger Ärzte und Betroffene eine Post-Vac-Ambulanz; die Uniklinik verwies auf die fehlende finanzielle Basis.
Immerhin empfiehlt die Leopoldina nun, Post-Vac-Betroffene in denselben Strukturen zu versorgen wie Long-Covid-Patienten. Für Menschen wie die Frau im SWR wäre das ein Fortschritt, vorausgesetzt, der Impfbezug bleibt dabei sichtbar. Wie es darum bislang steht, schildert der Kardiologe Jörg-Heiner Möller, zuletzt Chefarzt in Nienburg und Burglengenfeld. Von 228 Patienten, die von Mai 2022 bis Mai 2023 in seine Abteilung kamen, ordnete er 158 der Kategorie Post-Vac zu, 58 Post-Covid und zwölf keiner der beiden eindeutig. Zu Beginn jeder Untersuchung stellte er genau die Frage, die laut Scheibenbogen entscheidend ist: Wann haben die Beschwerden angefangen? Meist lautete die Antwort: nach der Impfung. Dennoch sei bei keinem einzigen seiner Post-Vac-Patienten der Impfschaden vom Versorgungsamt anerkannt worden, berichtete Möller dem Magazin Cicero. Bei den meisten hätten verschiedene Ärzte stattdessen eine „psychosomatische Erkrankung“ diagnostiziert. „Post Vac ist eine hochpolitische Krankheit“, sagte er dort und führte weiter aus: „Wir haben beim Thema Corona-Impfnebenwirkungen eine riesige Dunkelziffer.“
Die Leopoldina liefert dafür selbst Anhaltspunkte. Sie warnt vor Fehlanreizen, die „die Diagnosestellung unangemessen beeinflussen“ können, und hält „ökonomisch gesteuerte Diagnosen“ für „nicht auszuschließen“. Zugleich beklagt sie fehlende Impfdaten, die nötig wären, um „mögliche Folgeerkrankungen nach Impfungen“ zu untersuchen. So droht ein Zirkelschluss: Wo der Impfbezug aus Akten und Daten verschwindet, bleibt die Evidenz dünn. Und mit der dünnen Evidenz wird dann begründet, warum man sich nicht mit dem Thema befasst.
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Flächenbrand und Lagerfeuer
Auch beim Spike-Protein bleibt eine Lücke. Die Stellungnahme nennt fortbestehende Virusantigene, „insbesondere das Spike-Protein“, als möglichen Treiber chronischer Entzündungen. Effekte auf die Mitochondrien schreibt sie „in erster Linie“ dem Spike-Protein zu. Ob das auch für das nach einer Impfung gebildete Spike-Protein gelten könnte, erörtert sie nicht. Das Bayerische Ärzteblatt hielt einen gemeinsamen Mechanismus von Long Covid und Post-Vac schon 2024 für plausibel, wegen der „nahezu identischen Antigensequenz des Spike-Proteins bei Impfung und Infektion“.
Scheibenbogen hatte das Spike-Protein im November 2025 vor der Corona-Enquete-Kommission des Bundestags als „gefährliches Protein“ bezeichnet. Dabei verwies sie auf Daten zu einer längeren Verweildauer nach der Impfung, stufte die Impfung aber zugleich als geringeres Risiko ein. Diese Zeitung fragte, welche Erkenntnisse einen Risikovergleich zwischen Infektion und Impfung erlauben. Scheibenbogen beklagte zunächst, ihre Aussage sei verkürzt verbreitet worden. Statt von „gefährlich“ sprach sie nun von einem immunologischen Risiko und griff zu einem Bild: Die Infektion sei ein „Flächenbrand“, die Impfung „vielleicht ein kleines Lagerfeuer“. Vergleichsstudien nannte sie nicht. Sie räumte aber ein, dass Menschen mit besonderem Risiko für Folgeerkrankungen nach einer Infektion „möglicherweise“ auch nach einer Impfung ein erhöhtes Risiko haben.
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Impfschutz: bekannt oder unbekannt?
Wie viele Long-Covid-Patienten vor ihrer Erkrankung geimpft waren, konnte Suttorp auf Nachfrage dieser Zeitung nicht beziffern. Belastbar sei die Schutzwirkung nur für die Anfangszeit der Pandemie. Ob sie unter Omikron und nach mehreren Infektionen noch bestehe, sei „gar nicht bekannt“. Die Stellungnahme formuliert dagegen im Präsens: „Es ist bekannt, dass COVID-19-Impfungen das Risiko von Long-COVID bei Erwachsenen signifikant reduzieren.“ Für die Frühphase der Pandemie beziffert sie den Schutz auf etwa 40 Prozent.
In diesem Sommer hob die STIKO die altersbezogene Impfempfehlung von 60 auf 75 Jahre an. Bei 60-Jährigen sei das Signal „viel zu klein“, erklärte Suttorp. Die Leopoldina regt dagegen Studien dazu an, ob eine Impfung über die STIKO-Empfehlung hinaus Long-Covid-Fälle verringern könnte.
Nicht mit einer Stimme
Auch die Frage dieser Zeitung nach dem internationalen Vergleich beantwortete das Podium nicht einheitlich. Scheibenbogen sah Deutschland in der Forschung „fast schon vorne dran“. Riphahn ergänzte, die Datenlage sei schlechter als in vielen, vor allem europäischen Ländern.
Das Ziel, schwer Erkrankten endlich angemessen zu helfen, ist berechtigt und dringlich. Glaubwürdig wird die Nationale Dekade aber erst, wenn sie auch die Betroffenen klar benennt, deren Leiden nicht nach einer Infektion, sondern nach einer Impfung begann.
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