Potsdamer Historiker mahnen zu sorgfältigem Umgang mit Ortsjubiläen

Feiern - auch wenn es nichts zu Feiern gibt

Martin Klesmann
4 Min

POTSDAM. Die Stadt Altlandsberg und die Gemeinde Neuenhagen östlich von Berlin haben im nächsten Jahr einen richtig guten Grund zum Feiern. Das meinen jedenfalls Kommunalpolitiker, die in den beiden beschaulichen Orten schon begonnen haben, den 775. Jahrestag ihres Bestehens vorzubereiten - solche Jubiläen sollen nicht vergessen werden. Nur haben die geplanten Feste einen kleinen Schönheitsfehler. Es gibt nämlich nichts zu feiern. Zwei Wissenschaftler der Universität Potsdam, die Historiker Helmut Assing und Lutz Partenheimer, haben die Bürgermeister vom Altlandsberg und Neuenhagen darauf hingewiesen, dass ein Jubiläum weder hier noch da bevorsteht. "Neuenhagen hat sich um schlappe 145 Jahre verrechnet", sagt der Historiker Lutz Partenheimer, der auf die Gründungsgeschichte der Mark Brandenburg spezialisiert ist. Einzige Grundlage für die Neuenhagener Rechnung sei die Tatsache, dass jener Landstrich um 1230 - vor bald 775 Jahren also - von deutschen Siedlern in Besitz genommen worden ist. "Die erste sichere Erwähnung des Ortes Neuenhagen aber datiert aus dem Jahr 1375", sagt Partenheimer und verweist auf das Landbuch von Kaiser Karl IV., das in der Region als glaubwürdige Quelle für die Entstehungsgeschichte Brandenburgs gilt.Die Neuenhagener aber haben ihre eigene Rechnung. Sie verweisen darauf, dass man schon im Jahre 1980 die 750-Jahr-Feier begangen habe. Und an dieser Zeitrechnung wolle man auch festhalten, sagt Jutta Skotnicki von der Gemeindeverwaltung. So sei nun der 775. Geburtstag dran . Und außerdem habe die Gemeindevertretung selbst festgelegt, dass das Gründungsjahr von Neuenhagen das Jahr 1230 sei. Tatsächlich wurde dieser Beschlussvorlage Nr. 140 im Dezember des vergangenen Jahres mit großer Mehrheit zugestimmt. Historiker Lutz Partenheimer versteht die Welt nicht mehr: "Eine Gemeindevertretung kann doch die Geschichte nicht neu schreiben!" Deshalb fordern er und Assing nun die Landesregierung auf, dafür zu sorgen, dass diese "Willkür bei der Begehung von Ortsjubiläen" ein Ende hat. Die Landesregierung solle "eine Zustimmungspflicht" einführen, so die Historiker. Erst wenn die Fachwissenschaftler der Universität Potsdam oder des Brandeburgischen Landeshauptarchivs die Echtheit eines Stadt- oder Ortsjubiläums bestätigen, soll dieses auch gefeiert werden dürfen. "Dann auch bitte mit öffentlichen Zuschüssen", sagt Partenheimer. Eine solche Zustimmung der Historiker hätte es auch nicht für die Stadt Eberswalde gegeben, die vor wenigen Wochen ihren 750. Geburtstag feierte - obwohl der erst in 22 Jahren zu feiern ist. "Die Stadtoberen knüpfen einfach an alte Fehlberechnungen an und feiern sich nun selbst gleich mit", sagt Partenheimer. Ähnliches gilt für Strausberg, wo die SED-Kreisleitung seinerzeit die 750-Jahr-Feier auf das Jahr 1985 vordatierte, obwohl das Dreivierteljahrtausend eigentlich erst 1990 voll gewesen wäre. "Die wollten damals wohl noch vor Berlin feiern", sagt der Historiker. Der 47-Jährige erinnert sich, dass damals einige seiner Berufskollegen im Auftrag der Partei "mitgemauschelt" haben, damit Strausberg wirklich noch vor dem Berlin im Jahr 1987 feiern konnte. Mit Gründungsurkunde sicher"Ortsjubiläen sind sehr wichtig für die Ausprägung des Heimatbewusstseins", sagt Partenheimer. Er plädiert dafür, dass künftig stärker auch regionale Jubiläen, die über einen Ort hinaus reichen, stärker gefeiert werden sollen. "Das könnte zum Beispiel der 850. Geburtstag der Mark Brandenburg am 11. Juni 2007 sein", sagt der Historiker.Nicht alle märkischen Kommunen indes feiern falsch. Die Stadt Frankfurt (Oder) hat ihren 750. Geburtstag im vergangenen Jahr korrekt gefeiert, sagt Partenheimer. "Da existiert aber auch eine Gründungsurkunde, das macht es leichter." Aber auch der Spreewald-Ort Schlepzig, der an diesem Wochenende sein 1000-jähriges Bestehen feierte, tat das zu Recht. Es existiert eine Schenkungsurkunde des Königs Heinrich II. aus dem Jahr 1004 an den Abt des Klosters Nienburg an der Saale.------------------------------Falsch gezählt // Verrechnet: In Brandenburg werden Ortsjubiläen nach Ansicht von Historikern nicht selten zu Unrecht gefeiert. Häufig wurde irgendwann einmal angefangen mit den falschen Jahrestagen und die Zeitrechnung dann fortgesetzt. Ohne Grund: Ohne Anlass feierten im vorigen Jahr Bergholz-Rehbrücke (775 Jahre) und Beeskow (750). Beide Orte wurden erst wesentlich später als angenommen erstmals urkundlich erwähnt. Auch Eberswalde, Strausberg, Altlandsberg und Neuenhagen bei Berlin irren sich in ihrer Zählung. Korrekt: Frankfurt (Oder) feierte 2003 korrekt das 750-jährige Jubiläum. Auch Potsdam, Belzig und Jüterbog irrten sich nicht. Am Woche-nende feierte das Spreewalddorf Schlepzig sein 1 000-jähriges Bestehen - ganz korrekt.------------------------------Foto: 750 Jahre alt? Beeskow feierte im vorigen Jahr nach Ansicht von Historikern völlig grundlos.------------------------------Foto: Im Juli vergangenen Jahres feierte Frankfurt (Oder) das 750-jährige Bestehen der Stadt. An diesem Jubiläum nehmen Wissenschaftler keinen Anstoß.

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