Der Vertrauensverlust gegenüber Medien ist längst selbst zu einem politischen Faktor geworden. Die übliche Frontstellung greift zu kurz: hier der angebliche „Mainstream“, dort die misstrauisch beäugten „alternativen Medien“. Entscheidend ist das journalistische Verfahren: Werden Nachricht und Meinung getrennt? Werden Gegenpositionen fair abgebildet? Und traut eine Redaktion ihren Lesern zu, selbst zu urteilen? Julia Ruhs beschrieb das Problem bereits 2025 aus dem Inneren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Während Corona hätten manche Journalisten ihre Aufgabe darin gesehen, „der Regierung und den staatlichen Institutionen bei der Durchsetzung der notwendig erscheinenden Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu helfen“. Später habe sich dieselbe Logik auch beim Klima gezeigt. „Die kritische Distanz, sich als Journalist mit keiner Sache gemein zu machen, ist zu oft verloren gegangen“, sagte Ruhs gegenüber dem Magazin mitmenschenreden.
Sie sieht es ausdrücklich nicht als journalistische Aufgabe, Bürger zu bestimmten Haltungen zu bewegen. Problematisch werde es, wenn Journalisten aus guten Absichten heraus entscheiden, welchen Stimmen noch Sendezeit oder Zeilen zustehen. Mary Abdelaziz-Ditzow, Journalistin und Autorin von „Behind the News“, setzt anders an. Einen „neutralen“ Journalismus hält sie für unmöglich: Schon Auswahl und Perspektive rahmen Wirklichkeit.
Deshalb fordert sie Binnenpluralismus: Redaktionen sollen so zusammengesetzt sein, dass innerhalb eines Mediums unterschiedliche Sichtweisen sichtbar werden. „Wenn es jedoch um Perspektiven geht, die gerade nicht dem Mainstream-Narrativ entsprechen, dann sind sie wertvoll“, meint sie. Zugleich warnt auch sie vor Haltungsjournalismus: Wenn Meinungen in die Berichterstattung einsickern und Deutungshoheit zum Ziel wird, nimmt Vertrauen Schaden. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen unvermeidlichem Framing und problematischer Lenkung.
Journalismus ohne Auswahl gibt es nicht. Schon die Frage, welche Nachricht auf Seite eins steht und welche nicht erscheint, rahmt Wirklichkeit. Fragwürdig wird es, wenn dieser Rahmen unsichtbar bleibt, moralisch aufgeladen wird und sich als alternativlose Tatsachenbeschreibung ausgibt. Nicht die Perspektive ist das Problem, sondern ihre Tarnung als Perspektivlosigkeit. Wie Transparenz aussehen kann, zeigt ausgerechnet ein weltanschaulich klar positioniertes Medium.
Franziska Harter, zum Zeitpunkt des Interviews im April 2026 Chefredakteurin der katholischen Tagespost.
© Tagespost/Daniel Peter/dpa
Franziska Harter, zum Zeitpunkt des Interviews im April 2026 Chefredakteurin der katholischen Tagespost, bestritt nicht, dass ihr Glaube ihren Blick prägt. Jeder Journalist arbeite aus einem Weltbild heraus; redlich sei, sich dessen bewusst zu sein und es zu benennen. „Wichtig ist auch die Trennung zwischen Information und Meinung“, sagte Harter. Die Tagespost ordne sichtbar auf Grundlage des katholischen Glaubens ein. Keine weltanschauliche Neutralität, aber eine offen deklarierte Perspektive.
Die Kritik des unabhängigen Journalisten Flavio von Witzleben fällt scharf aus. Für ihn ist Meinungsfreiheit nicht nur eine Frage staatlicher Zensur. Wenn Menschen nach einer Meinungsäußerung sozial, beruflich oder finanziell unter Druck geraten, werde Freiheit nicht aufgehoben, aber eingeschüchtert. Alternative Formate seien nicht automatisch besser, aber wichtig, weil sie zusätzliche Wahrnehmungen ermöglichten. „Wenn wenige große Anbieter definieren, was relevant, seriös und sagbar ist, entsteht eine Art Planwirtschaft der öffentlichen Meinung“, sagte von Witzleben.
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Sein Gegenmittel: Widerspruch, Prüfung, Gegenprüfung – und Korrekturkultur. Roman Zeller von der Schweizer Weltwoche versteht Presse offensiver als Störfaktor. Demokratie sei kein Harmonieprojekt, sondern ein Wettbewerb der Argumente. Wo ein offizielles Narrativ zur unantastbaren Wahrheit werde, den toten Winkel ausleuchten. „Eine Presse, die niemanden und schon gar nicht die ‚Guys in Charge‘ mehr stört, ist keine Presse, sondern eine PR-Abteilung der Mächtigen“, sagte Zeller.
Die Zuspitzung ist drastisch, benennt aber eine Kernfunktion des Berufs: Macht nicht zu bestätigen, sondern zu kontrollieren. Zeller zieht selbst die Grenze: keine Opposition um der Opposition willen, sondern Rede und Gegenrede und die Bereitschaft, die eigene Position zu hinterfragen. Das Gegenbild zu einer pauschalen Abrechnung mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk liefert Frank Beckmann, Programmdirektor Fernsehen des NDR.
Plural organisiert, trotzdem wird Gleichförmigkeit erzeugt
„Wir nehmen jede Wahrnehmung über unsere Berichterstattung sehr ernst – ganz unabhängig davon, woher sie kommt“, erklärte Beckmann gegenüber mitmenschenreden. Der NDR habe erkannt, dass vorhandene Vielfalt möglicherweise nicht sichtbar genug gewesen sei. Beckmann verweist auf Redaktionskonferenzen, Qualitätsanalysen, Publikumsbefragungen und den Rundfunkrat. Unterschiedliche Sichtweisen wolle man noch deutlicher abbilden.
Genau hier wird der Konflikt interessant. Institutionen können plural organisiert sein und beim Publikum dennoch Gleichförmigkeit erzeugen. Umgekehrt können alternative Medien Gegenrede versprechen und selbst in Echokammern geraten. Der Vergleich der sechs Positionen zeigt: Die Trennlinie verläuft nicht sauber zwischen öffentlich-rechtlich und privat, etabliert und alternativ, links und rechts. Sie verläuft zwischen Journalismus, der Auswahl und Maßstäbe sichtbar macht und Journalismus, der die eigene Perspektive für die Wirklichkeit selbst hält.
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Die Interviews zeigen auch, warum der Ruf nach „neutralem Journalismus“ zu kurz greift. Völlige Perspektivlosigkeit gibt es nicht. Daraus folgt aber nicht, dass alles Meinung sein darf. Gerade weil Auswahl unvermeidlich ist, werden handwerkliche Regeln wichtiger: Fakten vor Wertung, Bericht und Kommentar erkennbar trennen, Gegenargumente nicht karikieren, Fehler korrigieren, Unsicherheit kenntlich machen.
In der Zusammenschau läuft die Debatte auf eine schärfere Alternative hinaus als „Mainstream oder Meinungsfreiheit“: Journalismus als Erziehungsprojekt oder als Dienst an mündigen Bürgern. Wer berichtet, muss nicht meinungslos sein. Aber er sollte dem Leser die eigene Haltung nicht als Endpunkt der Erkenntnis verkaufen. Die stärkste Form des Journalismus ist nicht die richtige Meinung, sondern die Zumutung einer Wirklichkeit, die vollständig, widersprüchlich und offen genug bleibt, damit am Ende nicht die Redaktion, sondern der Bürger urteilt.
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