Präsident Köhler lobt am 20. Jahrestag der Montagsdemonstration den Mut der Leipziger und fordert stärkeres Engagement / 100 000 Bürger ziehen mit Kerzen durch die Stadt

Demokratie-Appell aus Leipzig

Holger Schmale
2 Min

LEIPZIG. Mit einem eindringlichen Aufruf zur Verteidigung der Demokratie ist in Leipzig gestern der ersten großen Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 gedacht worden. Die beiden Hauptredner des Festaktes im Gewandhaus, Bundespräsident Horst Köhler und der Bürgerrechtler Werner Schulz, forderten den Schutz und den Ausbau der demokratischen Strukturen angesichts nachlassender Bindungskraft des Parteienstaates.Am Abend gedachten in Leipzig annähernd 100 000 Menschen mit Kerzen entlang der Route der Montagsdemonstration der Ereignisse. Wie am Abend des 9. Oktober vor zwei Jahrzehnten zogen sie über den Innenstadtring.Köhler dankte den Bürgern, die vor 20 Jahren mit dem Ruf "Wir sind das Volk" auf die Straße gegangen waren, um gegen den SED-Staat zu protestieren. "Es war ein großer und ein glücklicher Tag der deutschen Geschichte. Sie können für immer und ewig stolz darauf sein", rief der Präsident den Leipzigern und den Organisatoren der Proteste aus Kirche und Bürgerbewegung zu, von denen viele im Publikum saßen. Er würdigte auch die Entscheidung der Befehlshaber, die entgegen den Einsatzplänen entschieden hätten: "Keine Gewalt gegen das Volk!"Köhler mahnte, dass die nach der friedlichen Revolution für ganz Deutschland errungene Demokratie durch eine sich verbreitende "Ohne-Mich-Mentalität" gefährdet sei. "Die Gesellschaft besitzt so viel Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie, wie sie sich täglich erkämpft." Der Präsident rief dazu auf, sich in Parteien und Vereinen zu engagieren und den öffentlichen Raum gegen Gewalt, Intoleranz und Rassismus zu verteidigen.Schulz argumentierte radikaler. "Die Revolution geht weiter", rief er unter großem Beifall. Die Botschaft der Bürgerbewegung der DDR sei die Forderung nach direkter Demokratie, weshalb man sie nicht den "Berufsdemokraten" in den Parteien überlassen dürfe. Der Europaabgeordnete der Grünen nahm den früher formulierten Vorschlag Köhlers auf, den Bundespräsidenten künftig direkt zu wählen. Er plädierte für eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung und forderte die im Publikum sitzende Kanzlerin Angela Merkel auf, ihren Widerstand gegen Volksentscheide aufzugeben.Unruhe, aber auch starken Beifall löste Schulz mit seiner Bemerkung aus, die Verleihung des sächsischen Dankesordens an den russischen Regierungschef Wladimir Putin, der 1989 als KGB-Offizier in Dresden stationiert "und zum Schießen bereit war", sei peinlich. Ministerpräsident Stanislaw Tillich nahm dies lächelnd, Köhler deutlich irritiert zur Kenntnis.Kommentar Seite 4,Politik Seite 7------------------------------"Wir waren nicht das Volk, wir sind das Volk. " Werner Schulz

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