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Grete De Francesco und Myron Fox gerieten mir erstmals 2005 ins geistige Blickfeld, als ich in einer Vorlesung für Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften das seit den Neunzigerjahren stetig wachsende Geschäftsfeld selbsternannter Coaches, „Trendforscher“ und Erfolgsberater untersuchte, die mit blumigen Versprechungen auflisteten, wie man mithilfe der von ihnen angepriesenen Methoden, Philosophien und Workshops zu Glück, Erfolg, Reichtum, Gelassenheit und was weiß ich sonst noch alles gelange.
Zunächst zum Kontext.
In den Großstädten füllten sich Messehallen mit Lernbegierigen, die verzückt den auf der Bühne herumtänzelnden und einpeitschende Slogans schreienden Gurus lauschten. Und all das grassierte nicht nur in abgelegenen Winkeln verzopfter Esoterik-Milieus, sondern richtete sich seltsamerweise auch als stetig wachsendes Geschäftsfeld an „Führungskräfte“.
Die Frage, wie Führungskräfte überhaupt welche hatten werden können, wenn sie derlei Beratung und Lebenshilfe brauchten, blieb vorsichtshalber ungestellt. Fühlten sie sich vielleicht insgeheim tatsächlich als, wie der mit krawalligen Titeln auffällige Journalist Günter Ogger sie 1992 verunglimpfte, „Nieten in Nadelstreifen“?
Das Programm klang durchaus danach.
Die Buchtitel dieser Jahre sprechen Bände: „Erfolg durch Zen“; „Erfolg durch Tao“; „Sokrates für Manager“; „Mit Goethe zum Gewinn“; „Mit Platon zum Profit“; Shakespeare für sowieso alles, und das ungezählte Male; dann aber wurden auch der heilige Benedikt, Seneca (der Ältere), Marc Aurel und andere historische Figuren posthum zu Managementberatern umfrisiert. Sogar Jesus wurde bemüht.
Landwirte wittern ein lukratives Zusatzeinkommen
Passend zu derart geistiger Erbauung gab es physische Übungen. Manager wurden über Berge gehetzt, sollten barfuß über glühende Kohlen laufen oder auf Bauernhöfen (das war eine Zeit lang der ganz große Hit) „Führen lernen mit Pferden“. Pfiffige Landwirte, die im Stall noch einen übellaunigen alten Gaul stehen hatten, der nichts von dem machte, was der smarte Macher wollte, und auf diese Weise Grenzerfahrungen vermittelte, witterten klug ein lukratives Zusatzeinkommen.
In den Jahren zwischen damals und heute hat sich wenig verändert.
Die Hallen sind weiterhin voll von, wenn man zwischen den Zeilen liest, sich selbst eigentlich als praxisuntauglich deklarierenden Erlösungssuchenden. Ein kurzer Auszug nur aus Tausenden von Hilfsangeboten: Selbstdisziplin, Speed-Reading, Optimierung von Körper und Geist mit Biohacking, Körpersprache und Wirkungskompetenz, souveränes Auftreten, Charisma, Königsweg zum Energie-Millionär, mit wenig viel erreichen, Tricks für lebenslange Höchstleistung, Exzellenz durch Einstellungsänderung, Anti-Aging, vom Pokern lernen für Lebenserfolg und regelmäßige Verdauung.
Nennt sich „Zukunfts- und Trendforscher“: Matthias Horx.
© Horst Galuschka/Imago
Die Zukunft als einträgliches Genre in Krisenzeiten
Buchdicke Angebotskataloge einschlägiger Agenturen preisen auch weiterhin Führungskräften renommierte „Speaker“ und „Speakerinnen“ mit erstaunlicher Kompetenzballung an, deren „Expertise“, so die Werbung, auf dem „neuesten Stand der Wissenschaft“ gründe. Aktuell vor allem auf Hirnforschung, kombiniert mit KI oder Neurobiologie.
Selbsternannte Medien-Intellektuelle strapazieren zur Abrundung die Philosophie zu allem, was grad öffentliche Aufmerksamkeit verspricht. Immer voran der meistzitierte von ihnen, Richard D. Precht, der sich ebenfalls zu Hirnforschung und Künstlicher Intelligenz äußert, aber auch, um nur wenige seiner Themen zu nennen, zu Tierwohl, Liebe, Schule in der Krise, Ukraine-Krieg, Linkslastigkeit der Medien, Generation Z und Meinungsangst. Was der philosophische Grundgedanke ist, bleibt offen. Dafür geriert er sich als Kontrastperson zur trostlosen Szene in den Elfenbeintürmen der Wissenschaft, deren Insassen von ihm in der Frankfurter Rundschau als „langweilige ältere Herren in braunen oder blauen Busfahreranzügen“ abgekanzelt werden.
Weiteres einträgliches Genre in Krisenzeiten seit Jahrhunderten: Zukunft, gegenwärtig Betätigungsfeld der sich selbst mit einem Titel akkreditierenden „Trend- und Zukunftsforscher“. Der nach eigenen Angaben einflussreichste, unzählige Male und aufgrund dieser Prominenz auch hier zitierte Protagonist ist Matthias Horx. Der ließ in einem Interview mit der Universität Frankfurt wissen, er versuche mit „Evolutionstheorie, Spieltheorie, Systemtheorie, Kulturanthropologie und noch dreizehn anderen Disziplinen“ eine, wie es in weiteren Interviews heißt, neue „universalistische“ Wissenschaft zu etablieren.
Für Österreicher sind das „Experten für eh alles“
Österreicher haben für derlei neue Enzyklopädisten einen launigen Titel: „Experten für eh alles“. Einige Kritiker redeten etwas drastischer von „Klugscheißern“, so Andreas Tobler, Leiter des Teams „Gesellschaft & Debatten“ im Schweizerischen Tagesanzeiger, oder Brandenburgs CDU-Fraktionschef Redmann, als Precht 2023 vorgeschlagen hatte, das Bundesland in einen Nationalpark nach dem Vorbild der Serengeti umzugestalten. Wieder andere, wie der bekannte Wirtschaftssoziologe Stefan Kühl und ehedem der sprachmächtige Wirtschaftsjournalist Johannes Gross, wählten den Begriff „Scharlatanerie“ – nicht als Schimpfwort, sondern als gut definiertes analytisches Instrument, mit dem sich die Qualität von „wissenschaftlichen“ Angeboten prüfen lasse.
Und damit bin ich bei Grete De Francesco.
Sie, 1893 als Margarethe Weissenstein geboren, war in den Dreißigerjahren Journalistin der Frankfurter Zeitung, befreundet mit vielen der damals einflussreichsten Intellektuellen. Ihr berühmtester und immer noch aufschlussreicher Essay – „Die Macht des Charlatans“ – erschien 1936, und zwar nicht als randseitiges Stückchen, sondern in einer Zeitschrift des Pharmakonzerns Ciba, einem frühen faszinierenden und interdisziplinären Exempel des Corporate Publishing. Der altehrwürdige Verlag Benno Schwabe besorgte wenig später die Buchversion. Vor fünf Jahren ist das Werk im Aufbau-Verlag erneut aufgelegt worden.
„Die Scharlatane aller Zeiten“, schrieb De Francesco, „waren Meister der Menschenkenntnis und der Menschenbehandlung, immer mieden sie die denkenden und wendeten sich an die gläubigen Menschen.“ Ein wesentlicher Aspekt der Scharlatanerie sei die systematische Ausschaltung von Kritik. „Und da die Praxis sich der Umhüllung mit Zauberschleiern, der Begleitung mit betörenden Akkorden eher gefügig zeigte, lenkten diese Vernebler des Bewußtseins von jeder Theorie ab, ja sie verhöhnten unter dem Beifall der Menge die theoretisch fundierte Wissenschaft.“ Dies auch dadurch, dass sie sich selbst als Wissenschaftler inszenierten.
Anleitung zum Erfolgreichsein bei den „Power Days“ von Jürgen Höller
© Martin Hangen/Imago
Brillant vermittelter Unsinn
Womit nun auch der Auftritt von Myron Fox erfolgt, und zwar im Wortsinn. Er hielt nämlich, avisiert als Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten, 1970 vor Teilnehmern eines Weiterbildungsprogramms der University of Southern California einen inzwischen weltberühmten Vortrag mit dem eindrucksvollen Titel „Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten“. Die Zuhörer waren fasziniert. Auf einem Beurteilungsbogen versicherten sie, er habe sie zum Denken angeregt, seine Thesen brillant vermittelt und belegt.
Was sie nicht wussten: Fox war kein Experte. Er war Schauspieler. Eine Gruppe renommierter Psychologen hatte ihn auf der Grundlage eines Fachartikels über Spieltheorie gecoacht, einen Text aus unklarem Gerede, sinnleeren Neologismen und widersprüchlichen Feststellungen, aber mit professionell wirkendem Gehabe vorzutragen. Das Experiment sollte die Frage beantworten, ob es gelinge, eine Gruppe von professionellen Kollegen trotz inhaltlichen Unsinns mit brillanter Vortragstechnik hinters Licht zu führen.
Es gelang, wie gesagt.
Nun wäre das und was wir heute erleben allenfalls von kabarettistischem Wert, wenn sich nicht die Folgsamkeit eines (nicht nur sogenannten bildungsfernen) Publikums gegenüber derlei Gurus wie eh und je und zusehends bereitwilliger zeigte als gegenüber solider Wissenschaft. Dem damit einhergehenden nachweislichen Vertrauensverlust solle man, so ist zu lesen, aufklärerisch entgegentreten. Eine romantische Idee, die aber nur umzusetzen wäre, wenn die Medien weiterhin die bissige und oft humorvolle Kritik an den Hervorbringungen von Zukunftsgurus, New Public Intellectuals oder „Lernen von …“-Experten pflegten, wie sie es in den Neunzigerjahren noch taten.
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Unrecherchierte Reproduktion der Kopfgeburten
Mit deren Massenerfolg aber und ihrer medialen Allgegenwart (das ZDF hat Precht sogar eine eigene Sendung eingerichtet) verlegten sich Presse, Rundfunk und Fernsehen – nicht zuletzt unter dem Konkurrenzdruck des Internets – immer häufiger auf die unrecherchierte Reproduktion der Kopfgeburten.
Nur zum Beispiel und um bei einem der bereits zitierten Protagonisten zu bleiben: Medienauf und -ab und selbst in Googles Suchmaschinen-KI wurde und wird verkündet, Horx (der unter anderem die 2014 von seinem Institut in schwelgerischem Optimismus getroffene Zukunftsvision eines globalen „Peace Age“ einkassieren musste) habe für das, was nun in der Welt geschehe, den Begriff „Omni-Krise“ geprägt. Aber den Begriff gab es längst – zu finden in einem 2000 vom Literaturwissenschaftler Michael Hardt und dem Philosophen Antonio Negri verfassten Buch, das 2003 auch auf Deutsch erschien: „Empire. Die neue Weltordnung“.
Es ist also angebracht, solche Behauptungen sowie die simplen Schlussfolgerungen daraus zu prüfen und gleichzeitig der Arbeit weltweit geachteter deutscher Universitäten und Forschungsstätten (wie der Fraunhofer-Institute, Max-Planck- und Helmholtz-Gesellschaften und zahlreicher anderer Institutionen valider Zukunftsforschung) angemessenen Raum zu bieten, um den wirklich originalen „neuesten Stand der Wissenschaft“ zu vermitteln.
Andernfalls entsteht das sich stetig verstärkende Problem systematischer Unterforderung des Publikums durch einen gastroenterologisch metaphorisierten (vulgo: „leicht verdaulichen“) Wissenschaftsersatz. Es ist nicht verwunderlich, wenn dann die Rettung aus bedrängend komplexer Normalität auch in politisch „leicht verdaulichen“ Lösungen oder gar in Scharlatanerien gesucht wird.
Grete De Francesco und „Doktor“ Myron Fox bieten dazu unterhaltsame Impulse.
Holger Rust, geboren 1946, ist Professor (i.R.) für Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Er lehrte als Gastprofessor auch an den Universitäten Hamburg, Salzburg und Wien. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er zudem als Berater in Unternehmen und politischen Institutionen sowie als langfristig engagierter Autor und Kolumnist in führenden Wirtschaftsmedien und als gefragter Vortragsredner tätig.
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