Wer den Begriff Seemannskirche hört, denkt wahrscheinlich schnell an die skandinavischen Kirchen in Hamburg, nahe den Landungsbrücken. Doch auch Mecklenburg-Vorpommern hat derartige Gotteshäuser zu bieten. Gleich drei finden sich auf dem Darß, eine in Ahrenshoop, eine in Born und eine in Prerow. Die letztgenannte ist die älteste in Ostdeutschland. Vor 300 Jahren, also 1726 und damit zu „Schwedenzeiten“, wurde die Kirche errichtet.
Pastorin Ines Dobbe hält am letzten Sonntag im August einen Gottesdienst, spricht über die wundersame Vermehrung von Brot und Fisch am See Genezareth, das erste Wunder Jesu, das als die „Speisung der 5000“ biblische Bekanntheit erlangte. Die proppevolle Seemannskirche ist dabei ganz still, die Besucher hängen ihren Gedanken zu den Worten nach. Über ihren Köpfen aber schweben Schiffsmodelle.
Friedhof mit Gräbern vieler Seefahrer
Das macht diese wunderbar alte Backsteinkirche mit dem hölzernen Turm zur Schifferkirche. Kein Wunder, dass man zwischen 1726 und 1728 hier ein solches Gotteshaus errichtete, denn auf dem benachbarten Friedhof finden sich alte und neue Gräber von Fischern, Kapitänen und jeder Menge Seefahrern.
Die Bischofswerdaer Malerin und Grafikerin Barbara Beger zeigt seit vergangenem Wochenende in der Prerower Seemannskirche Bilder aus ihrem Zyklus „Engel, Meer und anderes“.
© Ingo Eckardt
Einst diente die Kirche mit ihrem Turm als fester Navigationspunkt am damals zur freien See offenen Prerow-Strom. Das Bauwerk selbst wirkt äußerlich eher schlicht. Umso imposanter zeigt sich die Innengestaltung: bemaltes Holzgestühl, eine schicke Empore mit einer fast 200 Jahre alten Nerlich-Orgel, ein sehenswerter, spätbarocker Kanzelaltar und eine reich verzierte und bemalte hölzerne Taufkapelle – quasi eine Kirche in der Kirche.
Das Tonnengewölbe krönt ein barocker Kanzelaltar und rechts im Altarraum findet sich eine liebevoll geschnitzte Taufkapelle.
© Ingo Eckardt
Drei große Modellschiffe und ein agiler Förderverein
Im Innern der Kirche sind drei Modellschiffe zu entdecken – die „Peter Kraeft“, die „Teutonia“ und die „Napolion“, die von Seeleuten in jahrelanger Arbeit angefertigt und der Kirche aus Dankbarkeit übergeben wurden. Den Messingkronleuchter aus dem Jahr 1728 stifteten hingegen Prerower Bauern, deren Namen in die Kugel des Leuchters eingraviert sind. Den Kristallleuchter allerdings erhielt die Kirche aus Dankbarkeit von einer geretteten Schiffsmannschaft.
Drei wundervolle Modellschiffe in der Hallenkirche zeugen von der nautischen Verbundenheit der Seeleute mit dem Hafenort Prerow.
© Ingo Eckardt
Eine echte Besonderheit ist der agile Förderverein der kleinen Kirche. 500 Mitglieder hat der Verein, die Nummer 500 war dieses Jahr übrigens Thüringens CDU-Ministerpräsident und bekennender Darß-Fan Mario Voigt. Generell sind viele der Mitglieder gar keine Prerower, sondern Leute aus ganz Deutschland, die in Reminiszenz an ihre Kindheit den Verein unterstützen wollen. Das führte dazu, dass der Verein bereits Großes umgesetzt und für sein Engagement auch schon einige Auszeichnungen erhalten hat.
Die in Wiek auf Rügen und Berlin lebende Vereinschefin Susann E. Knoll steht seit zwölf Jahren an der Spitze des vor 31 Jahren gegründeten Fördervereins und erhielt voriges Jahr für ihr Ehrenamt sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande.
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Viele kulturelle Höhepunkte im Jubiläumsjahr
Im Jubiläumsjahr lässt es der Verein natürlich ordentlich krachen – schon im Sommer ließ man aufhorchen, als man für 72 Stunden nonstop die Kirche geöffnet hatte, um ein Monumentalbild des sächsischen Künstlers mit Weltruhm, Georg Baselitz, zu zeigen. Er wollte seiner Kindheit mit Urlauben auf dem Zeltplatz Prerow damit eine Hommage erweisen. Leider starb Baselitz Ende April im Alter von 88 Jahren, wenig später zeigte man sein gigantisches – typisch kopfstehendes – Gemälde „Mein Vater sieht einen Engel“, das vorher nur zweimal an öffentlich zugänglichen Kunstorten gezeigt worden war.
Es war eine logistische Meisterleistung, das drei mal vier Meter große Bild in Anlehnung an ein Foto, das seinen Vater in den Prerower Himmel schauend zeigt, überhaupt in die Kirche zu bekommen. Am Ende wurde das Bild zu Pfingsten für drei Tage zum Hingucker schlechthin. Mehr als 6100 Besucher wollten es sehen. Eine Einmaligkeit, die so wohl nur in der Urlauberhochburg auf dem Darß möglich ist.
Und noch ist das Jubiläumsjahr nicht vorbei. Ein wenig Kultur steht auch im Herbst noch an. Im Rahmen der Festspiele MV sind am 3. September um 19 Uhr in der Seemannskirche Hagner & Runge zu Gast. Am 7. September kann man sich um 17 Uhr einer Kirchenführung anschließen; tags darauf sind Juli Wang (Traversflöte und Flöte) und der Cellist Jonas Seeberg um 20 Uhr in der Kirche zu hören.
„Klassik überall“ lautet der Titel eines Konzertes der Kammerphilharmonie Köln am 10. September um 20 Uhr in der Seemannskirche. Am 12. September um 20 Uhr heißt es „Lauter leise Lieder“ mit dem Sänger, Pianisten, Akkordeonspieler, Texter und Komponisten Ulli Torspecken. Falk Zenker verspricht bei „September am Meer“ am 24. September ab 20 Uhr ein inspirierendes Konzerterlebnis, in dem Räume für schwereloses Träumen entstehen. Mehr Veranstaltungen gibt es auf der Webseite der Kirche MV.
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