PRESSESTIMMEN

BLZ
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Der 1953 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller Richard Jirgl kommentiert die derzeit die Medien beherrschende "Ostalgie"-Welle in"Neue Zürcher Zeitung"Das Faszinierende am Kapitalismus ist seine Lernfähigkeit, selbst ideologisch Konträres durch Kommerzialisierung zu entschärfen und dem Warenzyklus einzureihen. So ließ nach dem Zweiten Weltkrieg in den westalliierten Zonen Deutschlands in bisher einmaliger Verschränkung von Ethik, Ökonomie und Politik in Form des kollektiven Bekennens der Schuld am Geschehenen während des Kriegs ein "Wirtschaftswunder" sich installieren, wobei des Einzelnen wahre Meinung weitgehend unwichtig blieb, solange er das "Schuldticket" löste, um im Zug zum Wohlstand mitzufahren. Ein methodisch Gleiches will mir in dieser DDR-Nostalgie erscheinen. Das abgewandelte Zitat Friedrichs II., worin er bei allem Räsonieren den Untertanengehorsam einfordert, dürfte er heutzutage in besagter Weise formulieren. Denn, dem Postulat von Kant gemäß, worin der private Gebrauch der Vernunft die universale, freie und öffentliche Form der Vernunft zur Voraussetzung hat, kann auf der zerbröckelnden Basis von Gesellschaft die Identitätssuche des Einzelnen nur noch auf die haltlose Leere des Kaufgebots unter allen Umständen treffen. Doch je schneller der Warenzyklus dreht, desto rascher unterliegen Ware und Kundschaft zentrifugalen Kräften. In solch letaler "Atomisierungstendenz" scheinen mir die Kommerzialisierung von Historie und die ephemere, rückwärts gewandte Identitätssuche mit dem Kadaver DDR in eins zu fallen. Ihn nachträglich zu schönen, zeugt von tiefer narzisstischer Kränkung im Heute. Und in der verbissen hergezeigten guten Laune, mit der solch nostalgischen Neigungen öffentlich gefrönt wird, erkenne ich vor diesem Hintergrund nur noch eine Form von Selbstverstümmelung. Statt ironischer Gesellschaftskritik also vollkommen unironisch die selbst verfügte und somit selbst verschuldete Entmündigung inmitten ohnehin mediatisierten Daseins.Zum "Zentrum gegen Vertreibungen" schreibt der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien Julius H. Schoeps in"die Tageszeitung"Strittig ist der Standort. Ich habe zunächst Strassburg favorisiert, den Sitz des Europäischen Parlaments, aber ich habe auch keine Einwände gegen Berlin. Für Berlin spricht, dass die Stadt heute eine Drehscheibe zwischen Ost und West ist und sich zunehmend zu einer kosmopolitischen Metropole entwickelt. Ein anderer Vorteil, den Berlin noch aufzuweisen hat, ist der, dass in der Stadt bereits zahlreiche Institutionen existieren wie die "Topographie des Terrors" und die "Stiftung Holocaust-Denkmal", die sich für eine Zusammenarbeit mit dem Zentrum anbieten. Aber das wirklich ausschlaggebende Argument, das für Berlin als Standort angeführt werden könnte, ist ein anderes. Von Berlin sind im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege ausgegangen, in deren Gefolge grauenhafte Genozide und Vertreibungen stattfanden. Gerade diese Überlegung, so paradox sie manchem erscheinen mag, spricht dafür, Berlin als Standort zu wählen.

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