PRESSESTIMMEN

BLZ
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Über die Haltung der westdeutschen Linken zur DDR schreibt Max Thomas Mehr in"Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"Wenn es um die Aufarbeitung von Wallraffs Geschichte geht, führen Birthler-Behörde und Rosenholtz-Akten in die Irre. Ein gutes Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv liefert da mehr. "Konkret" war die Zeitschrift, für die Günter Wallraff schrieb, als er Stasi-Spitzel gewesen sein soll. Sex, Sozialismus und Revolution waren die Hauptthemen des Blattes. Redakteur bei "Konkret" war damals auch der heutige Chefredakteur des "Spiegel", Stefan Aust. "Konkret" ist jahrelang von der SED finanziert worden, die Gründung geht sogar auf einen Beschluss des Zentralrats der FDJ zurück. Wer die Ausgaben jener Jahre durchblättert, weiss ganz ohne Stasi-Akten, in welcher Zeitung Günter Wallraff da schrieb. Neben der Sex-Welle, prägte DDR-Verklärung das Blatt. Immer wieder wird der weich gezeichneten DDR ein monströses Bild der Bundesrepublik entgegengesetzt. Zu dieser Mischung gesellt sich eine Zeitlang der gewaltverherrlichende Revolutionismus mancher Achtundsechziger. Etwa in einem Interview Stefan Austs mit dem Black Panther Führer Eldridge Cleaver. Das Gespräch ist von einer kumpelhaften Frage-und-Antwort-Dramaturgie geprägt. Aust: "Was ist mit der Rolle der radikalen Linken in Westeuropa? Was kann sie ausrichten?" Cleaver: "Ich meine, das Beste, was ihr tun könnt, ist, die repressiven Regimes in euren eigenen Ländern zu Fall zu bringen. Man sollte auch in Europa die Möglichkeiten des urbanen Guerrilla-Krieges überdenken, viele europäische Länder haben Berge... Sie können uns Gewehre schicken. Jede Art technischer Ausrüstung, die sie auftreiben können. Wenn sie wissen, wie man eine kleine Bombe herstellt, können sie sie an irgendeine revolutionäre Organisation in den USA schicken, oder sie können sie an mich schicken, ich weiss Leute, an die ich sie weitergeben kann." Costa-Gavras bittere Abrechnung mit dem Stalinismus, sein Film über den Slanski-Prozess, wird in "Konkret" in eine Reihe mit dem Nazi-Film "Jud Süß" gestellt. Und als in Polen zehn Jahre später Solidarnosc entsteht und in der DDR eine unabhängige Friedensbewegung, wittern "Konkret" und mit ihr Teile der westdeutschen Linken - bis weit in die grüne Partei hinein - keinen Aufbruch in Demokratisierung, sondern fürchten in erster Linie den Verrat linker Ideale. Nicht die Stasi-Akten, sondern die Zeitungen und Zeitschriften der westdeutschen Linken, die in den Archiven verstauben, enthüllen Verrat und Verirrung in krude Revolutionsphantasien. Deutsche Geschichtsstunden, in denen Intellektuelle und Politiker, Journalisten und Dichter, Chefredakteure und Minister aus Ost und West sich zu erklären versuchten, was sie, zum Teil bis zum Herbst 1989, geschrieben und gesprochen haben über das eigene Land und die Gegenwelt auf der anderen Seite der Mauer, würden mehr zeitgeschichtlichen Erkenntnisgewinn bringen als alle Stasi-Akten zusammen. Und vielleicht würden sie sogar helfen, die unsichtbare Mauer zwischen Ost und West abzutragen. Das Klischee jedenfalls, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern, war schon immer falsch. Denn es offenbart genau jene Verdrängung, gegen welche die Linke einst bei ihrer Elterngeneration rebellierte.

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