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Zur Osterweiterung der EU und zum Aufbau Ost schreibt Christoph Hein im"Freitag"Auf Richard von Weizsäckers Frage, wann die Deutschen in Ost und West endlich geeint seien, sagte ich: Wenn wir Schlesien wiederhaben. Deutschland, sagte ich, wurde später als die anderen europäischen Staaten geeint. Erst als die deutschen Länder einen gemeinsamen äißeren Feind hatten, Frankreich, der sie im Kampf notgedrungen einigte, fanden sie zu der nationalen Einheit. Offenbar benötigten die Deutschen einen sie einigenden Gegner. Das Saarland, fuhr ich fort, wurde erst ein Jahrzehnt nach Kriegsende ein westdeutsches Bundesland, und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten missbilligten die Westdeutschen dieses neu dazugekommene Land mit der etwas anderen Geschichte, der etwas anderen Kultur und Lebensart. Was das uns alles kostet, wehklagten die Deutschen, warum sollen wir für die bezahlen, uns ging es früher auch nicht besser, die sollten erst einmal arbeiten lernen.Erst mit dem Fall der Mauer und dem Beitritt der ostdeutschen Länder in den bundesrepublikanischen Länderbund war die vollständige Vereinigung mit dem Saarland erreicht. Die Saarländer gehörten nun zu den Westdeutschn und konnten mit ihnen in die allbekannten und weitgehend identischen Klagen ausbrechen. Wenn Schlesien wieder zu Deutschland kommen würde, dann wäre die Einheit der Ost- und Westdeutschen erreicht. Gemeinsam könnten Ost und West dann klagen: Was uns dieses Schlesien alles kostet! Wieso sollen wir für ein Land aufkommen, das gar nicht richtig zu uns gehört! Uns ging es früher auch nicht gut! Die Schlesier sollen erst einmal arbeiten lernen! Ich bin Schlesier, ich bin "der endgültig letzte Vertreter der schlesischen Dichterschule", wie Peter Hacks mich in einer Laudatio titulierte, und ich hoffe - um des Friedens willen - dass es in Europa keine Grenzveränderungen mehr geben wird.Die jungen Leute verlassen die ostdeutschen Bundesländer und ziehen in die westlichen Landesteile oder gehen ins Ausland. Die Landesregierung in Schwerin unterstützte jeden, der wegzugehen bereit war, mit einer größeren Geldsumme als Startkapital. Das Land verkauft seine Landeskinder nicht, wie es früher deutsche Fürsten taten, es bittet sie, das Land zu verlassen, da es nichts für sie tun kann. Die Zahl derjenigen, die über die nicht mehr vorhandene innerdeutsche Grenze gehen, um im Westen ihr Glück zu suchen, nähert sich Jahr für Jahr den Flüchtlingszahlen, die vor 1961 die DDR in Richtung Bundesrepublik verließen. Und was wird aus diesen Ländern werden? Ein Armenhaus. Ein Altenhaus. Und vielleicht ein riesiges Naturschutzgebiet mit Fun-Center, Wellness-Bereichen, einem Walt-Disney-Garten und einem Jurassic-Park. Wovon können junge Menschen noch träumen, die in diesen armen Ländern aufwachsen? Die Politiker und Journalisten wirken besorgt, wenn sie über diese deutschen Regionen sprechen. Sie sind besorgt, weil sie zwar noch davon sprechen, dass Mecklenburg und Anklam die Schlusslichter in Deutschland seien, aber bereits ahnen, dass dieses Bundesland und diese deutsche Stadt die Avantgarde in Deutschland darstellen und unsere Zukunft sind.

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